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"Dynamisches Einschreiten" Ein Fall in Hamburg zeigt, wie brutal Polizeigewalt auch in Deutschland sein kann

Polizeigewalt ist ein ernstzunehmendes Problem, nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Der Fall von John Homadi, der jüngst auf Instagram große Wellen schlug, zeigt, wie schlimm anscheinend grundlose Kontrollen sein können.

Von: Malcolm Ohanwe

Stand: 04.06.2020

Es ist Samstag, der 18. April. Wie so oft ist John Homadi mit seinem Fahrrad in Hamburg unterwegs und fährt von Patient*in zu Patient*in. Der Hamburger mit ghanaischen Wurzeln arbeitet als Altenpfleger. „Ich hatte Spätdienst und irgendwie hab ich gemerkt, dass mich jemand verfolgt“, erzählt er.

John verlässt die Wohnung der Seniorin seines 4-Uhr-Termins. Und sieht draußen wieder den Mann, der ihn zuvor verfolgt hatte. Doch diesmal ist er nicht alleine. Drei Männer hätten neben ihm an der Ampel gestanden. Es fällt ihm immer noch schwer darüber zu reden, was dann passiert ist.

Die Polizei hält John für einen Drogendealer

John, 31 Jahre alt, wird mit Gewalt von seinem Elektro-Fahrrad gerissen und zu Boden gedrückt. Brachial werden seine Hände am Rücken fixiert. Es wurde ihm, erzählt er, ohne Vorwarnung direkt in die Hosentasche gegriffen. „Erstmal hab ich versucht mich zu wehren. Aber ich hab dann aufgehört, das sind drei Männer, und ich lag auf dem Boden. Das war echt brutal.“

Nein, es ist kein Überfall, kein Raub, der John da widerfährt. Es sind drei weiße Polizisten, die ihn niederstreckten. Jemand habe der Polizei einen „Tipp“ gegeben, dass sich der Schwarze Mann verdächtig verhalten habe, dass er womöglich Drogen verkauft. John rappelt sich auf und muss den in Zivil gekleideten Männern erst seine Route zeigen – als Beweis, dass er kein Drogendealer ist, sondern als Altenpfleger Menschen hilft. „Klar haben die sich dann entschuldigt und gesagt, dass es ihnen Leid tut. Dann haben sie gesagt: Aber wir sind jetzt cool miteinander, oder?“

John Homadi ist nicht alleine

Eine sehr dünne Entschuldigung – zumindest so wie John es darstellt. John ist tief getroffen, vermutet einen rassistischen Hintergrund, vermutet racial profiling, muss die Geschichte aber erst mal verarbeiten. Am 2. Mai entschließt er sich, seine Erfahrung auf Instagram zu teilen- und löst ein Riesenecho aus. Sein Post bekommt über 65.000 Likes und mehr als 2.000 Kommentare. John merkt; er ist nicht alleine. Negative Erfahrungen mit der Polizei - davon erzählen sehr viele Schwarze Menschen und andere nicht-weiße Personen. Einer erzählt uns zum Beispiel, er sei von Polizisten als „schwarzer Hund“ bezeichnet worden. Ein anderer berichtet von grundlosen Kontrollen ohne Verdacht, weil die Polizei nach Drogendealern suche.

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jo_waxx 03.05.2020 | 13:53 Uhr Es fiel mir nicht leicht dieses Erlebnis zu teilen. Trotzdem habe ich mich dazu entschieden es zu tun. In diesem Post möchte ich darauf aufmerksam machen, wie Schwarze Menschen hier in Deutschland 2020 behandelt werden. Es gibt viele ähnliche Fälle, die nicht genug Aufmerksamkeit bekommen, also möchte ich hiermit zeigen wir schmerzhaft und traumatisierenden das für eine ganze Community ist. @africaunited.sc @wirmuesstenmalreden

Es fiel mir nicht leicht dieses Erlebnis zu teilen. Trotzdem habe ich mich dazu entschieden es zu tun. In diesem Post möchte ich darauf aufmerksam machen, wie Schwarze Menschen hier in Deutschland 2020 behandelt werden. Es gibt viele ähnliche Fälle, die nicht genug Aufmerksamkeit bekommen, also möchte ich hiermit zeigen wir schmerzhaft und traumatisierenden das für eine ganze Community ist.
@africaunited.sc @wirmuesstenmalreden | Bild: jo_waxx (via Instagram)

Polizei glaubt nicht an Racial Profiling

Gibt es Racial Profiling also nicht nur in den USA – sondern auch hier in Deutschland? Davon erzählen uns viele Menschen, die durch die jüngsten Beispiele brutaler Polizeigewalt in den USA noch eine zusätzliche Dringlichkeit bekommen. Wir fragen nach bei der Dienstelle in Hamburg, die für Johns Fall zuständig ist. Und bekommen ein langes Antwortschreiben:

Die Polizei Hamburg weist den Vorwurf des „racial profiling“ entschieden von sich. Wir setzen in der Aus- und Fortbildung der Beamten im Themenkreis Rassistische Diskriminierung auf eine umfangreiche Schulung.

Johns vorläufige Festnahme liege nicht in seiner Hautfarbe begründet, schreibt die Pressestelle der Hamburger Polizei. Das polizeiliche Einschreiten habe sich am Verhalten der Person orientiert. „Im konkreten Fall fuhr der Radfahrer mehrere Adressen an, telefonierte dort kurz und betrat die Wohnhäuser anschließend immer nur für eine kurze Zeit. Ein solches Verhalten ist in der Drogenszene ein durchaus typisches Verhalten beim Erwerb und Verkauf von Betäubungsmitteln.“ Vor diesem Hintergrund sei das Einschreiten der darauf aufmerksam gewordenen Zivilfahnder erfolgt. „Für die Unannehmlichkeiten des dynamischen Einschreitens haben sich die Zivilfahnder noch vor Ort bei dem Mann entschuldigt. Er hat die Entschuldigung auch angenommen.“ Und wegen der Beschädigung am E-Bike sei man an Schadenregulierung interessiert.

Noch keine Konsequenzen angekündigt

Demonstration gegen Polizeigewalt in München

Die Zitat „Unannehmlichkeiten des dynamischen Einschreitens“ haben bei John seelisches Leid ausgelöst, noch heute erzählt er von dem Übergriff meist nur mit zitternder Stimme. Aber ob dieses sehr dynamische Einschreiten auch für die Polizisten Konsequenzen haben wird, ist noch unklar. Zitat Polizei Hamburg: „Über etwaige disziplinarische Maßnahmen wird erst nach Abschluss der beim Dezernat Interne Ermittlungen geführten strafrechtlichen Ermittlungen entschieden.“

John wünscht sich vor allem Eines: dass sein Fall nun für mehr Sensibilität sorgt: für Menschen, die von Rassismus betroffen sind. John sagt: „Ich möchte einfach, dass sie merken, dass es schon immer so war. Was ich damit erreichen will: Dass es nicht einfach so weitergeht.“


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