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Ein Brief an Oliver Bierhoff Warum sich Golden-Goal-Olli einen anderen Sündenbock suchen muss

Oliver Bierhoff rückt in einem Interview in der "Welt" von Mesut Özil ab und gibt ihm implizit die Schuld am WM-Debakel der deutschen Mannschaft. Der Sündenbock darf nicht Özil heißen. Ein Kommentar.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 06.07.2018

15.06.2018 , Russland, Watutinki, Fußball, WM, Pressekonferenz der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Team-Manager Oliver Bierhoff geht an einem Poster mit dem Spieler Mesut Özil vorbei auf das Podium zu einer Pressekonferenz im Medienzentrum im Watutinki Hotel.  | Bild: dpa-Bildfunk/Christian Charisius

Lieber Oliver Bierhoff,

nachfolgend möchte ich ein paar Worte an dich richten, weil ich verwirrt bin. Wir kennen uns nicht, aber ich duze dich mal, macht Waldi ja auch. Ich habe heute gelesen, was du in der „Welt“ über den Verbleib „Der Mannschaft“ bei der WM und insbesondere über Mesut Özil gesagt hast – und jetzt mal ehrlich: WTF!

"Man hätte überlegen müssen, ob man sportlich auf Mesut verzichtet."

Oliver Bierhoff im Interview in der Welt

In diesem Satz stecken so viele Widersprüche und Fragezeichen, dass ich erstmal mein Taktikbuch aus der C-Jugend rausholen musste, um hier zu checken, was du meinst. Da wäre erstmal dieses sperrige „man“.

Wer ist denn „man“ in diesem Kontext? „Die Mannschaft“ als schwarz-rot-geil vermarktbares Gesamtkonstrukt? Oder die Mannschaft als Team? Der Trainer? Die 80 Millionen Bundestrainer auf der Couch? Das Trainerteam? Du als Manager? Wie weit kann man sich grammatikalisch denn eigentlich noch vom eigenen Team und den eigenen Entscheidungen distanzieren?

Oliver Bierhoff hat sich zu sehr gewöhnt an die Feelgood-Interviews mit Journalisten

Olli und Jogi

Dann: „sportlich“. Sportlich hast du, lieber Golden-Goal-Olli, leider gar nix mitzureden. Denn sportliche Entscheidungen kann eigentlich nur ein Trainer treffen. Er sagt, ob er einen Spieler für ein Turnier braucht - oder eben nicht. Ich denke, auf was du gerne verzichtet hättest, war der politische Druck – nicht der sportliche –der auf den Schultern des DFB seit der Erdogan-Affäre lastete. Den du aber mitverschuldest hast. Ich erinnere mich an das Wegmoderieren der Affäre vor der WM, erst an den verunglückten Termin mit dem Bundespräsidenten, der genauso unnötig war, wie ein Kolumbianer, der einen Elfmeterpunkt zerhackt. Dann hast du Journalisten öffentlich zur Schnecke gemacht, weil sie dich darauf angesprochen haben, vor laufender Kamera wohlgemerkt - kein Feelgood-Interview this time, wie können sie nur. Dieser Move hat aber eigentlich nur legitimiert, dass sich Mesut Özil weiterhin nicht zur Affäre äußert.

Nimm dir ein Vorbild an deinem Kumpel Jogi Löw, er hat sich unglaublich vercoacht bei dieser WM, aber sich stets vor Özil gestellt. Oft hat Jogi auch wie ein kleines Kind rumgezickt, wenn er auf die Affäre angesprochen wurde, und doch hat er regelmäßig betont, dass er nicht daran zweifle, dass sich Mesut Özil zu deutschen Werten bekenne. An dieser Stelle könnte ich natürlich noch betonen, wie bescheuert die Diskussion um vermeintlich „deutsche“ Werte ist, aber dafür ist jetzt echt kein Platz. 

Einem Spieler in den Rücken fallen und das "sportlich" zu begründen, ist...sportlich

Jogi mag ein guter, fast väterlicher Fürsprecher sein, er ersetzt aber die Aussage Özils nicht. Denn die gibt es, wie wir wissen, lieber Oliver, bis heute nicht - aber ihm das jetzt vorzuwerfen, ist genauso ein schlechter Stil wie ihn ein Maradona pflegt, wenn er seine Mittelfinger nicht unter Kontrolle hat. Versteh mich nicht falsch, es mag ein Fehler von Mesut Özil sein, sich nicht zu äußern, diese politische – nicht sportliche – Affäre nicht ein für allemal aus der Welt zu räumen. Es ist aber auch kein Zufall, dass Özil auf Instagram, also einer Bildplattform, Followerrekorde feiert. Er ist nicht der Mann großer Worte.  Du schon eher. Aber als Patron dieser Mannschaft, dieses Spielers ihm so in den Rücken zu fallen und das „sportlich“ begründen zu wollen, ist mehr als… sportlich.

Die schwedische Mannschaft stellt sich hinter Jimmy Durmaz

Mesut Özil hat beim Spiel gegen Südkorea aus dem Spiel heraus sieben Chancen für seine Mannschaft kreiert – bis zu diesem Zeitpunkt ist das keinem anderen Spieler im Turnier gelungen. Gut, er hat vorher nicht unbedingt geglänzt, aber darum geht es gar nicht mehr. Denn bei deiner Aussage, lieber Goali-Olli, geht es nicht um Sportliches, es geht um die politische Dimension, die keiner wollte, die aber seit der Erdogan-Affäre da ist und die der DFB – dich eingeschlossen, lieber Oliver – nicht managen kann.

Dabei gäbe es Möglichkeiten, wie man sich auch politisch positioniert. Die Schweden haben es vorgemacht. Als der Schwede Jimmy Durmaz, der türkische Wurzeln hat, bei dieser WM rassistisch beleidigt wird und sogar Morddrohungen erhält, veröffentlicht er ein Video-Statement, in dem die ganze Mannschaft wortwörtlich geschlossen hinter ihm steht. Eine Aktion, hinter der der schwedische Fußballverband und auch der Ministerpräsident stand. Die Autorin Carolin Emcke hat nach dem Aus der deutschen Mannschaft getwittert:

"Man wünscht sich, dass das DFB-Team in Deutschland aus dem Flugzeug steigt und alle Özil-Trikots tragen"

Carolin Emcke auf Twitter

Ja, auch das wäre eine Aktion von Spielern und Verband gewesen, dass politische Strahlkraft gehabt hätte. Konjunktiv, den kennst du ja sehr gut, Oliver. Russland 2018 bleibt ein Turnier der vertanen Chancen – sportlich wie politisch.

Bestätigung für all die Effenbergs, Baslers und Pochers

Offensichtlich konntest du jetzt nicht abschätzen, was deine Aussage auslöst, aber natürlich fühlen sich jetzt die Effenbergs, Baslers und Pochers bestätigt in ihren Ressentiments gegenüber Mesut Özil: Einmal Türke – immer Türke. Dieser Hymnen-Verweigerer muss raus aus „Der Mannschaft“, am besten genauso schnell wie ein Geflüchteter vom Transferzentrum wieder in sein Asyl-Land zurück muss. Mesut Özil bleibt nach deinen Aussagen wohl keine andere Wahl als der Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft. Oliver, du hast dich offensichtlich für einen Sündenbock entschieden. Schade, dass dieser nicht Bierhoff heißt.

Nachtrag: Olli, auch wenn du dich jetzt auf sämtlichen Wellen entschuldigst und zu Protokoll gibst, falsch verstanden worden zu sein - ein klares Bekenntnis für einen Spieler sieht trotzdem anders aus. Dass du nicht zurücktrittst - geschenkt. Hätte ich eh nicht erwartet, aber ein (Neu-)Anfang wäre, das Politische und Sportliche ab jetzt sauber zu trennen.


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