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Album der Woche: New Atlantis Warum Techno wieder als Utopie funktioniert: Efdemin und sein "New Atlantis"

Unser Album der Woche „New Atlantis“ kommt von Efdemin, bürgerlich Phillip Sollmann. Efdemin ist seit Jahren ein erfolgreicher Techno-Produzent und gern gebuchter DJ. Aber er hat auch noch ein anderes Leben und zwar als der Klangkünstler Phillip Sollmann mit der auf die Spuren des Philosophen Francis Bacon geht.

Von: Angie Portmann

Stand: 18.02.2019

Mit einer schaurig-schönen Hymne auf den Tod beginnt Efdemins neues Album „New Atlantis“. Oder besser: einer Ode auf die Leichtigkeit – die sich einstellt, wenn man erst mal alle lästigen Leidenschaften, all das menschliche Elend hinter sich gelassen hat. Eigentlich unvorstellbar. Techno, dieses per se hochgradig hedonistische Genre begrüßt uns hier mit einer „Funeral Hymn for A Believer“. Gesungen vom amerikanischen Konzeptkünstler William T. Wiley, mittlerweile selbst sterbenskrank. Ziemlich morbider Einstieg. Aber sofort wird klar, „New Atlantis“ ist kein gewöhnliches Techno-Album. Es will mehr. Viel mehr.

„New Atlantis“ ist eine musikalische Utopie. Schon die Titel der einzelnen Tracks erzählen von der Idee einer besseren, glücklicheren Welt, einer Gesellschaft, wie sie vor 400 Jahren von Francis Bacon erdacht wurde. Dessen unvollendeter Roman „New Atlantis“ aus dem Jahr 1624 gilt als eine der berühmtesten Utopien der Renaissance. Bacon beschreibt darin die Reise einer Schiffsmannschaft von Peru nach China. Ungünstige Winde bringen das Schiff vom Kurs ab, die Vorräte sind aufgebraucht, der Tod nah („Oh, Lovely Appearance Of Death“). Plötzlich taucht eine unbekannte, offensichtlich bewohnte Insel auf („New Atlantis“). Die Bewohner dieser Insel empfangen die Seeleute freundlich, aber distanziert und verfrachten sie zuerst in ihr „Fremdenhaus“ („At The Strangers House“).

Bald schon können die Seeleute das Fremdenhaus verlassen und die Insel erkunden. Sie lernen eine hochzivilisierte Gesellschaft kennen, die weder Gewalt noch Geld kennt. Stattdessen herrscht ein paradiesischer Pazifismus, ein Mix aus christlichen und kommunistischen Grundwerten. Kunst, Wissenschaft und Technologie verschmelzen und Fortschritt ist eine Kategorie, die gefeiert und von allen mitgetragen wird. Auf dieser „Insel der Glückseligkeit“ gibt es zum Beispiel auch sogenannte „Sound Houses“.

Dub und Autotune hat Francis Bacon im Jahr 1624 schon vorhergesehen

„Sound Houses“ sind bei Francis Bacon akustische Werkstätten, in denen sich alle möglichen und unmöglichen Klänge erzeugen lassen. Mit völlig neuartigen Instrumenten entstehen fremde Harmonien und Töne in allen Lagen und Stärken. Selbst Dub und Autotune hat Bacon im Jahr 1624 schon vorhergesehen.

"Wir können auch den Schall nach verschiedenen merkwürdigen Verfahren zum Widerhall bringen (eine Erscheinung, die euch unter dem Namen Echo bekannt ist), wobei aber die Töne nicht nur wiederholt zurückgeworfen, sondern auch nach Belieben verstärkt oder geschwächt werden können; die artikulierte Stimme lässt sich dabei auch in einer anderen Klangfarbe wiedergeben."

Francis Bacon in New Atlantis

An Francis Bacons 400 Jahre alter Utopie "New Atlantis" arbeitet sich Efdemin auf seinem gleichnamigen Album ab. Mit fiebrigen Drones, deepem Techno und akustischen Instrumenten wie Klanghölzern, Orgeln und Hackbrettern. Damit ist Phillip Sollmann, der Typ hinter Efdemin, 2017 in der Hamburger Elbphilharmonie aufgetreten.

Auf der Suche nach den Zwischentönen

Schon seit Jahren ist Sollmann fasziniert von Harry Partch. Der amerikanische Komponist hat sich vor allem für die Zwischentöne interessiert und deshalb ab 1923 ein System mit 43 Tonschritten pro Oktave statt der konventionellen 12 entwickelt. Partch baute auch gleich die passenden Instrumente dafür. Zum Beispiel riesige Glasschalen, die an Schnüren befestigt von einem Balken herabhängen, gigantische Vibraphone und aufeinandergeschichtete Holzrohre. Francis Bacon wäre vermutlich begeistert gewesen - Phillip Sollmann ist es auch.

 

Auf „New Atlantis“, Efdemins erstem Album auf dem Berghain-Label Ostgut Ton, geht’s nach wie vor um den Club, aber Efdemin geht diesmal weit über dessen Grenzen hinaus, sucht im Mix aus Techno und klangakustischen Experiment nach neuen, futuristischen Sounds. Der Techno-DJ Efdemin und der Klangkünstler Phillip Sollmann bauen hier gemeinsam ihr ganz eigenes, sehr aufregendes „Sound House“. Als Statement gegen den Hedonismus der Clubs, gegen das Verglühen im Techno-Rausch – hier heißt es NICHT: schneller, höher, weiter. Stattdessen sucht Efdemin nach dem Dahinter und vor allem dem Danach. Dem Leben nach dem Club, als Mensch wie als Musiker. Und dabei ist ihm ein Techno-Album voller magischer Momente und transzendenter Schönheit gelungen.


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