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Er will doch bloß spielen Ed Sheeran - Warum uns der erfolgreichste Pop-Langweiler unserer Zeit nicht egal sein kann

Seit Tagen schon sind alle ganz aus dem Häuschen: Chartsplatzhirsch Ed Sheeran veröffentlicht ein neues Album! Maria Fedorova versucht dem Phänomen des erfolgreichsten Pop-Langweilers unserer Zeit näher zu kommen.

Von: Maria Fedorova

Stand: 12.07.2019

Ed Sheeran im BAYERN 3-Land | Bild: BR/Markus Konvalin

Der blasse Mann sorgt für Masseneuphorie: Ed Sheeran. Ein Mann und seine Gitarre! Ein Mann und seine unfassbare Realness! “Hello my name is Ed and my job is to entertain you”, sagt Ed wenn er vor 80.000 Menschen auf der Bühne steht.

Lasst uns das Phänomen Ed Sheeran mal auf ein paar Zahlen runterbrechen: Er gilt als der kommerziell erfolgreichste Künstler der letzten Jahre. 2018 hat der 28-Jährige mit seinen Liveauftritten mehr verdient als je ein Künstler oder eine Künstlerin zuvor in einem Jahr. Hunderte von Fans, die wegen Kreislaufproblemen in Stadien behandelt werden mussten. Hunderte von Bäumen, die die Stadt Düsseldorf für ein Konzert auf dem Messeparkplatz fällen wollte. Und Tausende gefälschter Tickets, die im Netz kursieren. Verzweifelte Mütter, verzweifelte Kinder.

Warum spielt Charisma plötzlich keine Rolle mehr?

Klingt fast so hysterisch wie die British Invasion der Beatles in den 60ern in den USA. Dabei ist der USP der Marke Ed Sheeran die größtmögliche Unscheinbarkeit. Man muss schon fast von einem „Verschwinden“ sprechen: Als sein Album „÷“ rauskam, stellte sich Ed Sheeran in einem Londoner Geschäft an die Kasse – und niemand hat es bemerkt. Frage also: Wer kassiert da? Wer ist dieser Niemand? Wie hat er es geschafft, die ganze Welt davon zu überzeugen, dass Charisma plötzlich keine Rolle mehr spielt. Dem Zufall, so viel ist klar, wird hier nichts überlassen.

Versuchen wir es mit Mathematik: Seine ersten drei Alben hießen „+“, „x“, „÷“. Der Logik nach müsste nun also „-“ erscheinen. Stattdessen heißt das neue Meisterwerk „No.6 Collaborations Project“. Ed hatte wohl Angst vorm Minus: „Ich finde es gefährlich, wenn man eine Karriere hat, die immer größer und größer wird. An irgendeinem Punkt geht es runter“, erzählte er Popstar-Kollege George Ezra in dessen Podcast. „Ich geh vielleicht etwas vom Gas runter. Das nächste Album wird kein Popalbum.“

Der perfekte Mittelwert

Blöd nur, dass alles wieder genauso klingt wie immer. Was die Sheeran-Fabrik macht: Sie jagt alle Musikgenres durch den Fleischwolf, errechnet den perfekten Mittelwert und adelt schließlich das Mittelmaß mit großen Namen. Auf der neuen Platte ist alles, was Rang und Namen hat: Cardi B, Justin Bieber, Skrillex, Eminem, Stormzy, Camila Cabello und Bruno Mars.

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Ed Sheeran's 'Shape of You': Making 2017’s Biggest Track | Diary of a Song | Bild: The New York Times (via YouTube)

Ed Sheeran's 'Shape of You': Making 2017’s Biggest Track | Diary of a Song

Das Schönste, vielleicht auch das Bizarrste, was es über Ed Sheeran zu wissen gibt, ist ein Video für die New York Times. Darin erzählt sein Songwriter Johnny McDaid, wie die kreativen Sessions mit Ed verlaufen: „Seine Aufmerksamkeitsspanne ist ziemlich gering. Was ich also gemacht habe, damit er im Raum bleibt, während wir an einem Stück gearbeitet haben: Ich habe einen Koffer voll Lego ins Zimmer gestellt und sagte zu ihm: Here you go! Und es war großartig, weil er sich hingesetzt hat und Lego gebaut hat.“

Ed bleibt lieber auf dem Boden

Infiziert Beyoncé mit seiner Mittelmäßigkeit: Ed Sheeran

Lego my ego: Mit Ed Sheeran darf man wieder Kind sein. Immer wieder beschwört er seine idyllische Kindheit in der englischen Provinz. Und zelebriert seine Naivität. Im Tagesthemen-Interview hat er gar eine eigene Theorie ersonnen, warum sein Normalo-Image so trefflich mit dem momentanen Zustand der Musikindustrie harmoniert: „Irgendwann verabschiedete sich das Kokain aus der Musikindustrie. Das lang daran, dass die Branche den Gürtel enger schnallen musste. Für Kokain war kein Geld mehr da. Und mit der Droge verschwanden die großen Egomanen, denn Kokain bläst alles auf, auch dein Ego.“ Da bleibt Ed doch lieber auf dem Boden. Da steht er sicher.

Ed Sheeran ist die Fortführung eines alten Archetyps: Der sentimentale, sympathische Troubadour, der Jedermann, der uns viel näher ist, als all die durchgeknallten, durch-gegenderten Koksnasen mit ihrer Rock-Avantgarde. Ed Sheeran ist der Phil Collins unserer Zeit – ein Gegenentwurf zum androgynen, abgespaceten David Bowie. Mit anderen Worten: Ein mittelalter, weißer Typ auf dem besten Weg zu Glatze, Bauchansatz und Vorstadthaus mit Weber-Grill.

Geheuchelte Version des Authentischen

Leider belässt Ed Sheeran es nicht dabei, die Popwelt in eine Männerparade von Normalos zu verwandeln. Er kumpelt rum mit Künstlern, die wir wirklich mögen. Mit Beyoncé, Chance The Rapper und Stormzy. Er infiziert sie mit seiner Mittelmäßigkeit, mit seiner geheuchelten Version des Authentischen. Aber vielleicht sollten wir das gar nicht so sehr ihm übelnehmen, sondern fragen: Wofür braucht Beyoncé bitte Ed Sheeran? Als Line Extension in den Normcore? Pop war doch immer dann besonders schön, wenn er riskant war, schillernd, widersprüchlich und eben gerade nicht normal. Für die Normalen gab es doch schon den VW Golf – Modell „Rolling Stones“.


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