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Album der Woche: "Nephilim" Hinter Orchester und Klapperschlangen-Beats steckt bei Ebony Bones eines der politischsten Alben des Jahres

Die Britin Ebony Bones ist räumlich auf Distanz gegangen zu Brexit und Trump. Aus Asien blickt sie auf den wiedererstarkten Rassismus ihrer Heimat. Ihr neues Album "Nephilim" ist eines der nachdenklichsten und politischsten dieses Jahres.

Von: Florian Fricke

Stand: 23.07.2018

Ebony Bones wundert sich: "Es scheint als wäre es eine der konservativsten Zeiten in der Musik in Europa – was für mich keinen Sinn ergibt." Deshalb stellt sie dem auf ihrem neuen Album "Nephilim" etwas entgegen. Es beginnt mit einer Ouverture namens "The Watchers". Sie klingt wie ein Trauermarsch.

Teile ihres dritten Albums hat Ebony Bones mit dem Beijing Philharmonic Orchestra eingespielt. Es ist bereits ihre zweite Kollaboration mit einem Orchester, für sie sei das ein feministischer Akt, sagt sie: "Ich greife so die weit verbreitete Ansicht an, dass klassische Musik nur von weißen Männern wie Beethoven repräsentiert werden kann. Ich wollte bewusst in diesen elitären Raum eindringen, wo farbige Frauen wahrscheinlich nicht so gerne gesehen werden", so Ebony Bones, "und indem ich die Musik mit anderen Klängen und Genres vermische, will ich sie für andere Hörerkreise zugänglicher machen."

Leitthema ist Zensur, die Texte sind nicht immer entschlüsselbar

"Nephilim" ist auf mehreren Ebenen eine Herausforderung, mit gängigen Hörgewohnheiten ist dem Album nicht wirklich beizukommen. Während der Aufnahmen in Peking wurde Ebony Bones immer wieder auf das Thema Zensur angesprochen, bis sie es schließlich zum Leitthema des Albums machte. Die Texte sind nicht immer eindeutig entschlüsselbar. Von welchem Weltreich sie zum Beispiel im Titelstück "Nephilim" singt, bleibt unklar. Wahrscheinlich ist es eher Großbritannien als China.

Für Ebony Bones war es eine bewusste Entscheidung, das Album nicht in ihrer Heimat Großbritannien aufzunehmen: "Viele Künstler haben sich vom Ort ihrer Herkunft entfernt, unabhängig von ihrer Hautfarbe, damit sie mehr darüber erfahren können, wer sie eigentlich sind." Sie sieht sich damit in der Tradition von Menschen wie etwa dem US-amerikanischen Schriftsteller James Baldwin, der in Paris und in der Schweiz lebte, um seine Bücher zu schreiben. "Wenn die Künstler dann aus der Emigration zurückkehren", so Ebony Bones, "können sie vielleicht eine dieser Diskussionen anstoßen, die eine Gesellschaft manchmal braucht, um geheilt zu werden."

Ebony Bones prangert eine hässliche Episode der britischen Geschichte an

Geheilt werden, etwa vom wiedererstarkten Rassismus. Ebony Bones gehört der dritten Generation von karibischen Einwanderern in Großbritannien an. Die erste Generation, die sogenannte Windrush-Generation, benannt nach einem Überseedampfer, wurde ab Mitte der 50er-Jahre als Gastarbeiter ins Land geholt, um die britische Nachkriegsindustrie anzukurbeln. 1968, vor 50 Jahren also, hielt der Tory-Abgeordnete Enoch Powell seine berüchtigte "Rivers of Blood"-Rede, in der er vor einer Übernahme der Macht durch die Migranten warnte, die sich gegen die Briten auflehnen würden. Ebony Bones thematisiert das im Stück "No Black In The Union Jack". Powells Rede wurde als hate speech verboten und Enoch Powell selbst wurde ein Idol für britische Rechtsextremisten. Ebony Bones vermutet hinter der Zensur aber auch den Versuch, diesen hässlichen Teil britischer Geschichte auszulöschen. Sie glaubt, "dass das Volk nicht richtig über seine Kolonialzeit und die Folgen informiert wird. Vielleicht wären die Bürger empathischer gegenüber Flüchtlingen, wenn es mehr über die Verwicklung Großbritanniens in die Kolonial-Kriege wüsste."

In dieselbe Kerbe schlägt das Stück "Oh Leopold". Hier geht es um die Republik  Kongo, eine ehemalige belgische Kolonie. "Oh Leopold" ist an den ehemaligen belgischen König Leopold II. gerichtet, unter dem der Kongo mit brutalsten Methoden kolonialisiert wurde, wie es Joseph Conrad in seiner Erzählung "Herz der Finsternis" geschildert hat. Beim Thema Kongo und König Leopold II. geht es Ebony Bones um eine Form von Zensur, nämlich der der selektiven Geschichtsschreibung. Über den Zweiten Weltkrieg, die Deutschen und Hitler werde einem viel beigebracht, sagt sie: "Aber wir reden nie über diese Person, die wahrscheinlich für zehn Millionen Tote im Kongo verantwortlich ist und immer noch nicht wirklich als böser Mensch angesehen  wird. Das ist doch seltsam. Wohl nur, weil er ein König war. Das scheint mir der einzige Grund zu sein, und das hat den Song inspiriert." König Leopold wird von Historikern durchaus sehr kritisch bewertet, aber es geht Ebony Bones eher um die öffentliche Wahrnehmung.

Orchesterarrangement trifft auf Klapperschlangen-Beats

Mit "Nephilim" ist Ebony Bones eines der nachdenklichsten und politischsten Alben des Jahres gelungen. Der Hörer hat keine Wahl: Er muss sich mit den schwierigen Themen des Albums befassen, sonst macht das Anhören keinen Sinn. Dramatische und düstere Orchesterarrangements treffen dabei auf bedrohliche Klapperschlangen-Beats, wie wir sie aus dem Trap kennen, einer der aktuellen Strömungen im Hip Hop. Den Reggae-Klassiker "Police and Thieves" hat sie mit einem Kinderchor eingespielt, er klingt nun wie ein gespenstischer Verweis auf Polizeibrutalität in den USA. Ebony Bones ist eine dieser hypermodernen Hybridkünstlerinnen, die Anleihen aus Pop, Elektronik und Volksmusik zu einer neuen Legierung mischen. Und sie ist zurecht stolz darauf, eine weibliche Produzentin zu sein, die alles im Griff hat. "Nephilim" erscheint auf ihrem eigenen Label 1984 Records. Ebony Bones traut sich was, in jeder Hinsicht.


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