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Lars Weisbrod „Für die Fridays für Future-Generation wird 'Dune' vielleicht ein Standardwerk des Science-Fiction-Kinos"

Die Neuverfilmung des SciFi-Klassikers "Dune" wird gerade aller Orten gefeiert. Einer der schon seit Monaten darüber twittert, ist der ZEIT-Feuilletonist und Fan der Buchvorlage Lars Weisbrod. Wir haben ihn gefragt, was "Dune" uns heute sagen kann.

Von: Sophia Hubel

Stand: 20.09.2021

Dune (Filmstill) | Bild: Warner Bros.

Zündfunk: Der Sci-Fi Roman "Dune" von Frank Herbert von 1965 hat Kultstatus. Was macht Dune zu einem Sci-Fi Klassiker?

Lars Weisbrod: Man muss erst einmal betonen, dass das Buch wirklich Science-Fiction im engeren Sinne ist. Es geht hier tatsächlich um die Frage, wie wissenschaftlicher, technischer Fortschritt – überhaupt jede Entwicklung der Menschheit – in die Zukunft projiziert wird. “Dune” ist nicht wie „Star Wars“ oder so, wo man einfach gesagt hat: Ja, die haben da irgendwelche Lichtschwerter, weil es halt geil aussieht. Die Welt von “Dune” ist tatsächlich eine komplizierte Konstruktion: Es gibt ein sehr prekäres Machtgleichgewicht zwischen verschiedenen Adelshäusern in einem zukünftigen Feudalismus. Und damit die sich nicht alle gegenseitig massenmorden, gibt es genaue Regeln, wie Technik eingesetzt werden darf im Kampf. Da gibt es zum Beispiel diese Körperschilder, die nur von Messern durchdrungen werden können. Und deswegen kämpfen die da dauernd mit Messern, obwohl sie eigentlich technisch viel weiter sein könnten. Und sowas ist dann eine echte Science-Fiction-Frage: Wie verhält sich Technik zu Gesellschaft?

Was macht die Geschichte von "Dune" heute so aktuell?

Wenn man „Dune“ wirklich als Science-Fiction-Roman liest, dann gibt es ein vordergründiges und ein hintergründiges Thema, das im Jahr 2021 zu uns spricht. Das vordergründige Thema ist fast trivial, weil es so klar an der Oberfläche liegt. Es geht natürlich um Ökologie. Die Geschichte spielt auf einem Planeten, der nur völlig unwirtliche Bedingungen kennt. In dem Buch gibt es dann progressive Kräfte, die den Planeten wirtlicher machen wollen, sie wollen diesen Wüstenplaneten ergrünen lassen. Das ist übrigens überhaupt nicht konservativ, keiner sagt: Man soll Natur so lassen, wie sie ist! Im Gegenteil, die progressiven Kräfte wollen die Natur verändern. Und dann spielt natürlich der besondere Rohstoff eine Rolle, um den es die ganze Zeit geht: Spice. Frank Herbert hat dieses Spice sicher als Metapher auf das Ölzeitalter angelegt. Das Spice macht alles kompliziert, weil seinetwegen so viele unterschiedliche Interessen in dieser Wüste zusammenlaufen.

Ich glaube, dass „Dune“ in diesem Sinne für die Fridays für Future-Generation vielleicht ein Standardwerk des Science-Fiction-Kinos werden kann – weil der Film die Klimafrage auf so eine strukturelle Art ernst nimmt.

Was ist, neben der Ökologie, die zweite Interpretation, die "Dune" für dich so zeitgenössisch macht?

Ich glaube, dass uns heute, im Jahr 2021, eine Befürchtung überkommt – unter Linken, aber auch unter den Silicon Valley-Vordenkern wie Peter Thiel. Wir haben das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt mit der Geschwindigkeit unseres technischen Fortschritts. Wir haben das Gefühl, dass uns irgendetwas ausbremst. Dass die technologische und wissenschaftliche Entwicklung nicht so schnell ist, wie erhofft. Was das genau ist, das uns ausbremst – unsere Wirtschaftsordnung oder andere Faktoren – das wäre die Frage, die man klären müsste

Auf einer tieferen Ebene spiegelt „Dune“ eben dieses Gefühl. Hier wird einem einmal vorgeführt, wie so eine Welt aussieht, in der die Menschheit radikal ausgebremst ist, in der plötzlich alle wieder in mittelalterlichen Feudalismus zurückfallen. Es gibt zwar Technik, aber sie wird nur ganz beschränkt eingesetzt, da, wo es wirklich den Machtinteressen dient. Manche Innovationen sind explizit verboten worden, das ist ein wichtiges Thema in „Dune“. Andere entstehen gar nicht, weil es in dieser Ständegesellschaft gar keine Kräfte gibt, die daran interessiert sind, beispielsweise mehr Nahrungsressourcen zur Verfügung zu stellen. Alles ist genau eingespielt und läuft und bleibt für immer ungefähr gleich.

Es gibt zum Beispiel keine Computer, die sind abgeschafft worden. Und es gibt auch sonst medial und kommunikationstechnisch nichts, was irgendwie besonders visionär wäre. Alle sind ganz beschränkt auf ihren kleinen Bereich, sie sind letztlich wieder wie der Bauer auf der Scholle im Mittelalter. Natürlich sage ich nicht, dass es bei uns so schlimm zugeht wie in so einem Deep-Future-Feudalismus wie in „Dune“. Aber trotzdem haben auch wir das Gefühl, dass technischer und wissenschaftlicher Fortschritt lahmt, dass der auch keinen politischen oder moralischen mehr nach sich zieht – dass das nicht passiert. Das spiegelt sich extrem, wenn ich heute “Dune” lese.

Welche neue Interpretationen von "Dune" bietet uns die Version von Regisseur Denis Villeneuve an?

Der Film erzählt fast spießig genau an dem Buch entlang, Seite für Seite. Wirklich neue Visionen oder Neuinterpretationen habe ich nicht gesehen. Und die Themen, die mir so wichtig sind, kommen nur sehr oberflächlich vor. Man sieht zwar diese ganz cool inszenierten Hubschrauber, die irgendwie fliegen wie Libellen, Technik, die sich eher wieder der Natur annähert, statt sich fortzuentwickeln. Aber man hat nicht das Gefühl, dass der Film die beiden Themen Ökologie und Fortschritt wirklich ernst nimmt, dass der da was mit anfangen kann. Vielleicht hat der Regisseur in dem Stoff ja eine andere Idee gefunden, die ihn mehr fasziniert hat. Ich habe sie beim Schauen bloß nicht entdeckt können.