Bayern 2 - Zündfunk


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"Drunk Tank Pink" Wut in gut - Shame sind die einzige Art von wütenden weißen Männer, die wir gerade brauchen

Nach zwei Jahren auf Tour, exzessiven Partys und immer erschöpft sein brauchte die Band Shame eine Pause. Jetzt ist mit “Drunk Tank Pink” ihr zweites Album erschienen - voller Wut und lautem, rohen Dance-Punk-Sound. Orientiert haben sich die fünf Jungs an Talking Heads und der Female-Funk-Rock-Band ESG aus den 80ern. Das hören und lieben wir.

Von: Ann-Kathrin Mittelstraß

Stand: 18.01.2021 12:52 Uhr

Fast zeitgleich bringen die Viagra Boys aus Schweden, die Sleaford Mods aus Nottingham und jetzt auch noch Shame aus London ihre neuen Alben raus. Lauter weiße wütende Männer, die mit mal mehr, mal weniger Gitarre bewaffnet, vor allem eins machen: Mehr schreien als singen! Oder gleich einfach nur schimpfen wie die Rohrspatzen. Und wir im Zündfunk? Wir lieben sie dafür.

So wird Wut richtig eingesetzt

Dabei waren wir uns doch halbwegs einig: noch mehr wütende weiße Männer braucht kein Mensch – schon gar nicht jetzt! Der Mob, der das Kapitol in Washington gestürmt hat, hat schon auf den ersten Blick so ziemlich jede Checkliste toxischer Männlichkeit erfüllt. Aggressiv, dominant, Möchtegern-Krieger in Camouflage-Klamotten. Und dann noch der QAnon-verirrte Jäger mit seinen Büffelhörnern und dem Speer. So eklig die Bilder waren, manchmal haben sie fast an ein absurdes, fast schon situationistisches Festival erinnert. Eines mit aufgeheizten Fans, die – von oben bis unten in Merchandise gekleidet - jetzt verdammt nochmal in die Arena wollen, um die Band zu sehen. Oder in dem Fall: Um die Bühne frei zu räumen für ihren Star Donald Trump.

Natürlich haben die vorhin genannten Bands, allen voran Shame und ihr neues Album, nichts zu tun mit gewaltbereiten Trump-Anhängern. Im Gegenteil. Männliche Aggressivität und Wut kann auch in etwas Positives, Befreiendes, sogar Heilendes verwandelt werden. Voraussetzung: die Wut richtet sich nicht gegen Schwächere, sondern ist vielmehr eine Anerkennung, manchmal sogar: Eine Feier der eigenen Schwächen. Wie bei Shame.

"Drunk Tank Pinke" Farbe als Heilmittel gegen enorme Belastung

Die fünf Jungs sind am Anfang ihrer Karriere direkt von der Schulbank in die gnadenlose Tour-Maschinerie gewechselt. Mit ihrem Debütalbum „Songs of Praise“ waren sie zwei Jahre lange fast ununterbrochen unterwegs. Das hieß auch: Jeden Abend nach der Show feiern, trinken, dann die ganze Zeit müde und erschöpft sein bis zum nächsten Adrenalinkick auf der Bühne. Dass man das auch mit 20 nicht lange durchhält – siehe männliche Selbstüberschätzung – haben sie irgendwann gemerkt. Alle Bandmitglieder hatten Zusammenbrüche, Frontmann Charlie Steen sogar Panikattacken. Und nach der Tour? Kam dann das Loch.

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shame - Nigel Hitter (Official Video) | Bild: shame (via YouTube)

shame - Nigel Hitter (Official Video)

Wieder zuhause hatte Sänger und Texter Charlie Steen das Bedürfnis, sein Zimmer komplett in pink zu streichen und einzurichten. Genauer in - so wie jetzt das Album heißt - „Drunk Tank Pink“. Das ist ein ganz bestimmter Pinkton, der ab den 60er Jahren in den USA in Strafanstalten und Einrichtungen eingesetzt wurde. Wegen seiner beruhigenden, gewaltreduzierenden Wirkung. Für Charlie war seine exzessive Feierei auch eine Art Gewalt gegen sich selbst geworden: „Ich glaube, auf 'Drunk Tank Pink' geht es in erster Linie darum, nicht mehr nach einem Ersatz zu suchen für irgendwas. Sondern sich der Tatsache zu stellen, dass man jetzt mit sich allein ist. Und klarkommen muss mit all den Gefühlen, Gedanken und Realitäten, von denen man sich die letzten zwei, drei Jahres seines Lebens auf Tour schön ablenken konnte.“

Wenn weiße Männer musikalisch wüten, gehört die Welt ihnen

Die innere Einkehr hat der Band gut getan. Man hat das Gefühl, die Band ballert ihren ganzen Seelenballast nur so raus. Und musikalisch tun sich hier auf einmal ganz neue Dimensionen auf: Der Song „Nigel Hitter“ klingt verspielt und funky. Gitarrist Sean hat zuletzt viel Talking Heads und ESG gehört, die Female-Funk-Rock Band aus den 80ern, aus der New Yorker Bronx. Überhaupt ist der Dance-Punk-Vibe ein großer Spaß auf dem Album. Es klingt fast noch roher und lauter als das Debüt, wenn auch nicht mehr ganz so knochentrocken.

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shame - Snow Day (Official Audio) | Bild: shameVEVO (via YouTube)

shame - Snow Day (Official Audio)

Die intensivsten Momente sind dann die, wenn Shame sich trauen, Tempo und Wucht rauszunehmen. Wie im Song „Snow Day“, der klingt wie der letzte Winterspaziergang vor dem Weltuntergang. Und ja: Es hilft zu wissen, wofür sie stehen, wenn man weißen Männern beim Wüten zuhört.

Mit einem Klick auf das Bild oben könnt ihr den ausführlichen Beitrag hören.


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