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Drei Jahre "Wir schaffen das" "Wir schaffen das, haben sie gesagt, und ich habe es geglaubt"

Was Merkels Satz aus dem Sommer 2015 für Geflüchtete bedeutet: "Wir schaffen das" - Rania Mleihi und Ameen Nassir, die beide in Deutschland Asyl gefunden haben, fragen sich: Drei Jahre später, haben wir es geschafft?

Von: Rania Mleihi & Ameen Nasir

Stand: 07.09.2018

Die typische Merkel-Raute | Bild: picture-alliance/dpa

Ein Text von Rania Mleihi

"Wir schaffen das" - wie schön ist es, diesen Satz zu hören in einem Moment, in dem du zerstörst bist. Wenn du keine Kraft mehr hast. Wenn du verzweifelt von der Menschheit bist und keine Ahnung hast, was gerade passiert ist und wie dein Leben weitergehen wird. Wenn du hoffnungslos bist und du dich einfach verloren fühlst.
Wir schaffen das. Wir: Du und ich schaffen das. Ich bin nicht allein, du auch nicht. Das schaffen wir zusammen. Es gibt endlich das Wort "zusammen‘". Wir sind ähnlich übrigens, du und ich. Ich bin dein Spiegel und du bist meiner.

Ich erinnere mich, als ich nach Deutschland kam, genau vor 1000 Tagen. Das fühlt sich sehr lange her an, aber gleichzeitig ist es sehr schnell vergangen. Ich erinnere mich immer noch an meinen ersten Tag in Deutschland. München war die erste Stadt, wo ich gelebt habe. Ich erinnere mich, als ich meinen Lebenslauf an jeden Menschen, den ich kannte und den nicht kannte, geschickt habe. Ich hatte das Gefühl, dass jeder auf der Straße mich sofort erkennen würde, dass sie bestimmt auch meinen Lebenslauf bekommen hatten. Ich brauchte eine Stelle, und ich wollte eine Stelle finden. Meine Freunde haben mir "Wir schaffen das" gesagt. Wir, du und ich, wir schaffen das.

Ich war alleine hier, aber ich habe nie gefühlt, dass ich alleine bin. Die Gesellschaft hat mir gezeigt wie wir "’Wir schaffen das" schaffen können. Ich habe es gefühlt, ich habe es gesehen und ich habe es gespürt. Ich habe Unterstützung bekommen von Freunden, Leute, die ich hier neu kennengelernt habe und von Fremden, die an "Wir schaffen das" geglaubt haben.
Als ich hierher kam, konnte ich schon relativ gut Deutsch sprechen. Als Studentin an der Theaterhochschule Damaskus habe ich ein paar Deutschkurse genommen. In München hat mein Weg zufällig zu Björn Bicker und Malte Jelden, die an den Münchner Kammerspielen arbeiteten, geführt. Wir haben über Theater, über Kulturen, über Kriege und über uns geredet. Ich habe ihnen meine Träume, meine Ängste und meine Hoffnungen vorgestellt. "Wir schaffen das" haben sie mir gesagt, und ich habe es geglaubt. Wir, du und ich zusammen, wir schaffen das.

Ich habe gesehen wie "Wir schaffen das" erschaffen wird

Rania vorne im Bild, Ameen ist der zweite von links

Ich habe später mit Björn und Malte ein Theaterprojekt entwickelt. In kurzer Zeit habe ich meinen Weg zu den Münchner Kammerspielen gefunden. Einen offenen Raum haben wir durch viele offene Herzen geschaffen. Ich habe mich zugehörig gefühlt und ich habe gesehen, wie "Wir schaffen das" erschaffen wird. Ich war sehr glücklich, zum ersten Mal zu sehen, wie Politik und Gesellschaft Richtung Menschheit denken - und nicht nur Richtung Gier nach Macht und Geld.
Mein Weg am Theater hat sich weiterentwickelt. Von den Kammerspielen in München bin ich an das Schauspielhaus Hannover gezogen, wo ich als Dramaturgin engagiert bin. Ich beobachte, wie ich mich selbst weiterentwickle und wachse. Es war mein Traum, in der Theaterwelt in Deutschland einen Platz zu finden. Ich habe es geschafft.

Ich merke aber schon, wie jetzt wieder thematisiert wird, welche Haut oder Haarfarbe du hast - oder was für einen Akzent. Woher kommst du? ist wieder eine der ersten Fragen, wenn man sich mit neuen Leuten trifft. Das macht mich traurig. Ich frage mich, was für Zeiten erleben wir gerade. Du fragst dich selbst ständig, wo soll ich hingehen, um ein normales Leben zu haben? Wo ich so sein kann, wie ich bin, ohne Begründung und ohne das Bedürfnis, von anderen anerkannt zu werden. Wo du einfach als Mensch gesehen wirst.

Ich möchte meine positive Haltung nicht aufgeben

Ich möchte immer glauben, dass auf diesem Planeten jeder einen Platz hat. Einen Platz, wo er sein möchte. Die traurigen Ereignisse, die in der letzten Zeit passiert sind, wo Hass und Rassismus laut wurden, haben mich traurig gemacht. Aber gleich auch zu sehen, wie die Menschen reagierten, war richtig super: Tausende Menschen sind aus ganz Deutschland nach Chemnitz gefahren, um da gegen Rassismus zu stehen. Nicht nur das, sondern in vielen Städten gab es auch Proteste. Das sind wir. Der Weg ist nicht einfach, aber was sind wir ohne Hoffnung?

Messages of Refugees

Rania Mleihi und Ameen Nasir haben bei dem Radioprojekt "Messages of Refugees" mitgearbeitet, das 2017 mit dem Karl-Buchrucker-Preis ausgezeichnet wurde. Hier könnt Ihr alle entstandenden Folgen anhören.

Eine Erklärung von Ameen Nasir

"Wir schaffen das." – Was hat Frau Merkel uns damit sagen wollen? Ich kann es natürlich nicht wissen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass Frau Merkel die Deutschen beschwichtigen wollte, ja ankämpfen wollte gegen die aufkeimenden Ängste gegenüber den vielen asylsuchenden Menschen in Deutschland. Frau Merkel wollte den deutschen Staatsbürgern vermitteln: "Habt keine Angst!" – Ein starker Staat steht hinter euch und ihr braucht nicht in Panik zu verfallen." Sie hat sich dazu entschieden, für Jahrzehnte Flüchtlinge aufzunehmen, zu beschützen und zu unterstützen. Nicht zuletzt auch, um Deutschlands hohen internationalen Status zu bewahren: Die Reputation, Menschenrechte zu achten und positiv zu Konfliktlösungen beizutragen, wirft man nicht leichtfertig weg. 

In Syrien hatte ich nicht viel Zeit zum Nachdenken. Wie so viele Syrer wurde ich sowohl vom Himmel als auch vom Erdboden aus bedrängt: Von oben, aus dem Himmel, kamen die schweren Bomben und die Flugzeugraketen, die die Assad-Regierung gegen die Syrer abfeuerte. Unten, auf dem Boden, waren die iranischen Milizen und Hisbollah zugange, die die syrischen Körper kurz nach ihrer Ermordung schriftlich mit der Bemerkung versahen, Bashar al-Assad sei ihr allmächtiger Herrscher, vor dem sie Angst haben müssten.

In der Tat musste ich fliehen!

Ich persönlich habe nach einem sicheren Ort gesucht, wo ich mich endlich wieder sicher und geborgen fühlen würde. Ich hatte keinerlei Pläne, weder die "Islamisierung Europas" noch die Ausnutzung der Sozialhilfe, geschweige denn den Raub einer deutschen Frau von ihren potentiellen deutschen Liebhabern. Ich wollte ganz einfach in einem Land leben, das die Menschenrechte respektiert und mir mein Recht auf Asyl gewährleistet.

Und in diesem Kontext ist es mir ein Anliegen und meine Pflicht, eine ehrliche Erklärung mitzuliefern, damit mein Fall nicht von rechten Parteien für deren Zwecke missbraucht wird. Vielleicht werden ja auch Verschwörungstheoretiker, AfD-Wähler und Pegida-Anhänger dies lesen und auch verstehen. Ich als muslimischer Flüchtling in Deutschland respektiere die deutsche Verfassung und befürworte deren demokratisches System und ich lehne es in aller Offenheit ab, dieses System zugunsten irgendwelcher anderen Gesetze abzuschaffen oder auch nur zu schwächen, sei es durch islamische, anders religiöse oder Apartheitsgesetze.Die Trennung von Staat und Religion liegt mir sehr am Herzen, und ich stehe gemeinsam mit den deutschen Bürgern, wenn sie es mir erlauben, gegen alle Gruppen, die die deutsche Demokratie anfechten und zu ersetzen versuchen.

Was mich zu dieser öffentlichen Erklärung drängt, ist mein Versuch, mich in die Positionen der anderen Seite, derjenigen von Pegida und den AfD-Wählern und -Politikern, einzufühlen, und ihre Argumente nachzuvollziehen. Ich habe über einen längeren Zeitraum ihre Interviews und Publikationen in den Medien mitverfolgt. Sie beschweren sich dort hauptsächlich über zwei Punkte: Flüchtlinge würden erstens Sozialhilfe und noch weiteres Geld vom Staat beziehen und zweitens nicht dieselben Werte teilen, sodass die kulturellen Unterschiede eine Bedrohung für Deutschland darstellten.

Falls eine "Bedrohung für Deutschland" existiert, dann in Gestalt der AfD

Aber ich kann die dafür wiederholt aufgeführten Argumente überhaupt nicht nachvollziehen: Falls eine "Bedrohung für Deutschland" existiert, dann in Gestalt der AfD und derjenigen, die auf den Straßen von Chemnitz den Hitlergruß zeigen.
Die Existenz kultureller Unterschiede ist ein Fakt, ja, wir sind verschieden. Aber die Akzeptanz des Anderen und die Freiheit des Individuums, seine Kultur und Religion selbst auszusuchen sind schließlich die höchsten westlichen Werte! Während die meisten Flüchtlinge und Immigranten heute an die Demokratie glauben und stolz darauf sind, in einem demokratischen Staat zu leben, haben manche Deutsche aus Angst vor Flüchtlingen die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen.

Einige AfD-Politiker haben sogar einen Groß-Mufti des Assad-Regimes getroffen, der wiederum Europa mit Bomben und Sprengstoffgürteln bedroht hat. Wie kann das zum Wohle Deutschlands sein? Diese Leute sollten wenigstens die Person meiden, die als Fluchtursache für all die Asylsuchenden steht. Wenn das Erfolgsmodel dieser Partei Assad-Regierung heißt, dann sollten Wähler größte Vorsicht walten lassen, damit Deutschland nicht zu einem kaputten und zerstörten Staat mutiert, sobald die Anhänger – besser gesagt: die Fans – von Bashar al-Assad an die Macht kommen.

Drei Jahre später: Haben wir es geschafft?

Vor drei Jahren musste ich meine Artikel auf Englisch schreiben, mit meinen Kollegen habe ich nicht mehr als drei Sätze am Stück auf Deutsch gesprochen. Heute spreche ich tagelang nur Deutsch. Ich arbeite seit drei Jahren, genau wie mein Bruder, und auch unsere Freunde gehen einer regelmäßigen Arbeit nach. Meiner Ansicht nach hat Deutschland die schwierigste Phase bereits überstanden. Das Zusammenleben von deutschen Bürgern und Geflüchteten wird nur durch rassistische Verbrechen und Hate Speech-Propaganda gestört. Jedwede Verbrechen dieser Art werden von allen Seiten der Gesellschaft abgelehnt, Rassisten repräsentieren das deutsche Volk ebenso wenig wie kriminelle Einzelfälle alle Immigranten und Flüchtlinge repräsentieren. Der deutsche Staat sollte weiterhin die Zivilgesellschaft unterstützen und das Bewusstsein künftiger Generationen stärken, dass sie in einem System aufwachsen, das den Prinzipien von Toleranz und Demokratie folgt, um sie so vor der Manipulation durch die Hate Speech-Propaganda zu bewahren. Auf dass wir weiterhin sagen können: "Wir sind mehr."


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