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Angriff auf Pressefreiheit Dr. Coldwell hat uns verklagt - aber wir haben gewonnen

Fast alle Geimpften werden spätestens im September tot sein! In seiner Kolumne kommentierte Zündfunk-Autor Christian Schiffer solche Aussagen. Daraufhin wurden wir verklagt – und haben jetzt gewonnen. So kam es dazu.

Von: Christian Schiffer

Stand: 23.12.2021

Ein Screenshot aus der Telegram-Gruppe von Michael Wendler. | Bild: Twitter/Telegram

„Letzte Warnung, Dr. Coldwell sicher: Im September sind fast alle Geimpften tot“. Diese Nachricht verschickt der Schlagersänger Michael Wendler im Sommer 2021.

Ende September drängten sich dazu einige Fragen auf. Allen voran die, wie es eigentlich sein kann, dass vor allem Ungeimpfte auf den Covid-Intensivstationen liegen. „Es sterben weniger die Geimpften, als vielmehr prominente Impfgegner und all diejenigen, die ihren Lügen aufgesessen sind“ schrieb ich damals in meiner Kolumne #failoftheweek, in der ich seit über zehn Jahren wöchentlich Dinge kommentiere, die mich ärgern. Und diese Sache ärgerte mich, und sie ärgert mich immer noch, sie macht mich sogar wütend. Jeden Tag lassen sich Menschen von Scharlatanen auf YouTube oder Telegram einlullen, verweigern dann die Corona-Impfung und gefährden so sich und andere.

Wegen diesen Sätzen verklagte uns Dr. Coldwell

In meinem Text ging es eigentlich gar nicht so sehr um „Dr. Coldwell“. Denn bedauerlicherweise gibt es da draußen so viele Leute, die Blödsinn zu Corona verbreiten, dass ich „Dr. Coldwell“ und dem Post von Michael Wendler nur ein paar Sätze widmete. Sie lauteten so:

Dieser Dr. Coldwell heißt in Wirklichkeit nicht so, sondern hat den langweiligsten Namen der Welt, nämlich Bernd Klein - und er bezeichnet sich selbst als Wunderheiler. Außerdem: Klar, der September geht noch ein bisschen, aber nichts deutet auf Leichenberge geimpfter Menschen am Monatsende hin.

Post von der Kanzlei Ronneburger:Zumpf

Am 11. November bekam der BR dann Post von der Kanzlei Ronneburger:Zumpf. Heute weiß ich, dass auch andere bereits mit dieser Kanzlei zu tun hatten, die „Dr. Coldwell“ vertritt. Der deutsch-amerikanische Geschäftsmann für Esoterikartikel, der auf Wikipedia unter dem Namen „Bernd Klein“ geführt wird, und über den es dort heißt, er sei ein Hochstapler, Verschwörungstheoretiker und vorgeblicher Wunderheiler, scheint ein passionierter Kläger zu sein. Im Schreiben von von Ronneburger:Zumpf heißt es:

"Mit Entsetzen musste unsere Mandantschaft kürzlich, konkret am 26. Oktober zur Kenntnis nehmen, dass unter der Rubrik #failoftheweek unter dem Titel ‚Querdenker prophezeien Massensterben von Geimpften - aber nichts passiert‘ vom 17. September ein von Ihnen, dem BR verbreiteter, und von Ihnen, Herr Schiffer, geschriebener Online-Beitrag veröffentlicht wird, in welchem falsche und ehrenrührige Tatsachen über unseren Mandanten verbreitet werden."

Schreiben von Ronneburger:Zumpf

Angeblich falsche Tatsachen verbreitet

Bei diesen angeblich falschen und ehrenrührigen Tatsachen handelt es sich im Wesentlichen um zwei Dinge. Erstens hätte ich behauptet, „Dr. Coldwell“ heiße in Wirklichkeit Bernd Klein, dem sei aber nicht so. „Dr Coldwell“ heiße mit bürgerlichem Namen Leonard Coldwell, weshalb insbesondere die Aussage, dass Dr. Coldwell in Wirklichkeit nicht so heiße, sondern den langweiligsten Namen der Welt habe, nämlich Bernd Klein, falsch sei. Und zweitens: „Dr. Coldwell“ hätte sich nie als Wunderheiler bezeichnet. Der BR sollte sich also verpflichten, dies nicht mehr zu behaupten oder bei jedem Verstoß 6.000 EUR zu zahlen. Außerdem solle der BR über 1.300 Euro an die Kanzlei bezahlen.

Nun ist es so, dass in Deutschland der Name nicht willkürlich geändert werden darf, was es sehr unwahrscheinlich machte, dass Leonard Coldwell sehr viel mehr ist als ein halbwegs cooler Kunstname. Außerdem legte er keine ausreichenden Belege für seinen Namenswechsel vor. Und zweitens hat „Dr. Coldwell“ in seinem Buch „Instinct Based Medicine“ selbst geschrieben, er habe seine Mutter im zarten Alter von zwölf Jahren von Krebs geheilt. „The miracle healing of my mother took place“, heißt es da.

Dr. Coldwell verliert vor Gericht

Der BR wies die Forderung, meinen Text abzuändern, deswegen zurück und so ging das Ganze vor Gericht. Da ging es dann um die beachtliche Summe von bis zu 250.000 Euro Ordnungsgeld oder bis zu einem halben Jahr Knast (bzw. Ordnungshaft für die Intendantin), wenn ich beispielsweise noch einmal behaupten würde: „Dieser Dr. Coldwell heißt in Wirklichkeit nicht so, sondern hat den langweiligsten Namen der Welt, nämlich Bernd Klein.“

Nun erfolgte das Urteil: Das Gericht wies den Antrag auf einstweilige Verfügung zurück und verteilte ordentlich Watschen:

"Dabei ist umso mehr zu berücksichtigen, dass es sich vorliegend nur um eine pointierte und zusammenfassende Auseinandersetzung mit der Person des Verfügungsklägers handelt, der seinerseits gleichfalls erkennbar pointierte und zusammenfassende Aussagen in der öffentlichen Diskussion trifft und sich dabei im amerikanischen Verständnis von Meinungsfreiheit verortet. Umso eher muss er dann auch selbst pointierte Aussagen hinnehmen, so sie nicht unwahr, sondern nur zugespitzt sind."

Der Urteilsspruch des Gerichts

Im Klartext: Wer austeilt, muss auch einstecken können, solange man bei der Wahrheit bleibt. Das Urteil ist ein schöner Sieg der Presse – und Meinungsfreiheit über all die Scharlatane und Verschwörungsideologen da draußen. Mittlerweile haben sich einige Anwälte bei mir gemeldet, die Personen vertreten, gegen die „Dr. Coldwell“ ebenfalls vorgegangen ist. Das jetzige Urteil wird ihnen dabei helfen, sich zu wehren.

Ein Angriff auf die Presse- und Meinungsfreiheit

Das Titelbild des Online-Artikels, wegen dem Dr. Coldwell uns verklagt hat

Und trotzdem kann ich mich so richtig nicht darüber freuen. Ich habe Glück, denn hinter mir stehen die Redaktion Zündfunk und der Bayerische Rundfunk und damit Kolleginnen und Kollegen, die mich unterstützen und eine engagierte und fähige Rechtsabteilung. Andere haben dieses Glück nicht. Und dann ist es natürlich auch so, dass solche rechtlichen Auseinandersetzungen Zeit und Arbeit kosten, völlig unabhängig davon, ob solche Beschwerden nur heiße Luft sind. Vor fünf Jahren beispielsweise veröffentlichte die umstrittene Band „Die Bandbreite“ ein Video, in dem sie eine Beschwerde über mich an den Deutschen Presserat ankündigte.

Die Beschwerde kam nie an und trotzdem kaut man ein wenig nervöser als sonst auf dem Kantinen-Schnitzel herum und muss eine Stellungnahme schreiben. Vor allem jüngere Journalisten und Journalistinnen können so unter Druck gesetzt werden und der Verdacht liegt nahe, dass es bei solchen Aktionen auch darum geht, Kritiker*innen einzuschüchtern. Das sollten wir nicht zulassen, die Vernünftigen müssen sich gegen die „Dr. Coldwells“ dieser Welt, nunja, verschwören. Damit die nicht unerheblichen Gerichtskosten, wie in unserem Fall, beim Kläger bleiben. Zum Schluss eines noch, etwas Wichtiges. Letzte Warnung, lasst Euch impfen!