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Doris Dörrie über ihr Ding mit 16 „Die Coolsten überhaupt waren die Anarchisten. Die sahen am besten aus.“

Immer wieder fragen wir Menschen, was ihr Ding mit 16 war. Diese Woche hat es die deutsche Filmregisseurin Doris Dörrie erwischt. Bei ihr drehte sich damals wenig um Filme, aber viel um Jungs – und vor allem die politische Einstellung musste passen.

Von: Oliver Buschek, Noe Noack

Stand: 18.11.2020

Doris Dörrie  | Bild: BR

Zündfunk: Was war ihr Ding mit 16?

Doris Dörrie: Politik und Jungs. In der Kombination. Und in der Retrospektive finde ich es sehr interessant, dass meine politische Einstellung sich danach gerichtet hat, wo die besten Jungs waren, die am besten aussahen. Das hatte sehr viel mit Mode zu tun. Die guten waren immer die Langhaarigen, das konnte man damals einfach erkennen. Und die hatten auch auf gar keinen Fall Oberhemden an. Man konnte es ganz leicht unterscheiden, die die Oberhemden anhatten und den obersten Knopf auch noch zu hatten, das waren Spartakisten. Und die, die T-Shirts anhatten, das waren entweder die Maoisten oder die von der Kommunistischen Partei. Das war ganz klar eingeteilt. Und die Coolsten überhaupt waren die Anarchisten. Die sahen am besten aus.

Und das haben Sie alles mit 16 schon reflektiert und verstanden?

Das saugt man so auf. Ich glaube, das weiß jede Generation ganz genau. Das ist so eine Codierung, die hat man einfach komplett drauf. Die kommt durch die Luft. Das atmet man ein und dann weiß man es ganz genau.

Was hat denn die Anarchisten so attraktiv gemacht? War es die Kleidung oder war es die Einstellung, die sie ausgestrahlt haben?

Es war eine unwiderstehliche Mischung. Das hatte natürlich immer mit Musik zu tun. Aber auch mit Verhalten, und natürlich sehr stark mit dem Aussehen. Darüber hinaus hatten sie alle auch grüne Parkas an und enge Jeans. Mein Vater hat da immer den Kopf geschüttelt und gesagt: Ich verstehe gar nicht, warum ihr alle uniformiert sein wollt. Wir mussten das als Soldaten und jetzt wollt ihr das wieder alle. Aber für uns sahen wir so unterschiedlich aus. Für einen Erwachsenen wohl aber alle gleich.

Wir sind im Jahr 1971. Was gab es da außer dem Parka sonst noch bei Ihnen? Was war noch im Kleiderschrank?

Die Jeans mussten so eng abgenäht werden, dass man kaum noch reinkam. Sonst musste man sich mit den Jeans ins heiße Badewasser setzen, damit sie einliefen. Weite Jeans waren einfach völlig unmöglich. Eigentlich hatten nur die Junge-Union-Leute weite Jeans an. Und auch die Jusos. Die enge der Jeans war einfach sehr klar eingeteilt nach politischer Einstellung.

Mit neuen Jeans in die Badewanne musste ja einfach sein. Aber 1971 kamen auch die Hotpants auf. Hat das bei Ihnen auch eine Rolle gespielt?

Die Hotpants haben eine große Rolle gespielt, weil ich die Beine meine Mutter geerbt hab. Wir haben alle sehr lange, gerade Beine, und das war ein Joker. Das war ich mir sehr bewusst, den Joker konnte man ziehen. So habe ich mich drei Jahre später übrigens auch an der Filmhochschule beworben. Und da bin ich dann laut dem Professor nur angenommen worden wegen meiner langen Beine. Das war ein ganz normaler Sexismus, damals total in Ordnung.

Keine Ironie, er hat das ernst gemeint?

Ein Schmunzeln vielleicht, aber das war akzeptiert. Das durfte man ungestraft sagen.

Haben Sie dann eigentlich einen Anarchisten abbekommen?

Das war ein bisschen schwierig, denn ich musste zum Geigenunterricht, was natürlich total uncool war. Die hatten nebenan immer ihr Treffen. Und irgendwann habe ich den Geigenunterricht geschickt geschwänzt und bin zu den Anarchisten übergelaufen. Das hatte aber zur Folge, dass ich nie wirklich richtig Geige spielen gelernt habe.

Und das waren dann politische Gesprächsrunden, wo man sich kennengelernt hat?

Naja, da konnte man sich so osmotisch dem anverwandeln. Diesen Politjargon hatte ich auch ganz schnell perfekt drauf. Ich konnte das dann oft austesten mit meinem Vater, der sehr wütend wurde, wenn ich etwas völlig unreflektiert von mir gegeben habe. Aber das war meine Methode, und was es auch bedeutet, wie die Erwachsenen vor Wut durch die Decke gegangen sind, wenn man bestimmte Dinge gefordert hat. Das war doch sehr wenig reflektiert, muss ich leider sagen.

Wie viel ist überhaupt übrig geblieben von der Schwäche für die Anarchie?

Ich wurde auf seltsame Weise von diesem Politjargon geheilt, weil ich zum Studieren nach Amerika gegangen bin. Ich konnte diesen Jargon dann einfach nicht ins Englische übersetzen. Und das war ganz gut.

Und der Blick für die Kleidung – ist der erhalten geblieben? Hat er vielleicht auch in ihren Filmen eine Rolle gespielt?

Es spielt in jedem Film eine Rolle und in unserem Leben, weil es unsere Rüstung ist. So zeigen wir uns der Welt. Und in Film ist das fundamental. Jede Figur muss man nach ihrem Aussehen einschätzen. Und wenn eine Figur ein zugeknöpftes Hemd hat, ist es eine klare Entscheidung der Regisseurin, das genauso zu machen. Ganz schwierig ist es zum Beispiel, sich normal anzuziehen im Film, weil es das nicht gibt. Es ist alles codiert. Jede Kleinigkeit lesen wir und Kleidung spielt eine riesige Rolle.

Und der Sound der damaligen Zeit? Von den Stones bis zum Progessiv-Rock der 70er?

Man bleibt ein Stück hängen in der Zeit musikalisch, weil sie einen mit aller emotionaler Wucht erinnert. Da könnte ich lange vor mich hinzitieren.

Gibt es einen kristallinen Moment, der das alles verdichtet?

Das war schon, in diese Schule reinzulaufen und diese Schule zu besprayen und da mitzumachen. Da stand dann halt „Stop the war in Vietnam“ über dem Eingangstor und das war wichtig. Aber es war genauso wichtig, mittags rauszukommen und da standen dann die Jungs und haben einen abgeholt oder auch nicht. Eine Phalanx von jungen Männern mit sehr langen Haaren und oft sehr langen Bärten und grünen Parkas, die da auf uns Mädchen gewartet haben. Ich war auf einer Mädchen-Schule und das war so diese Vermischung. Dann ist man auch gleich zur Demo gegangen, denn meistens wurde demonstriert. Aber gleichzeitig auch die erste Liebe, das flirten und dieses Flirren in der Luft, das war schon wichtig.

Mit welchem Blick schauen Sie mit diesen Erfahrungen auf die „Jugend von heute“?

Ich habe das Gefühl, die Jugend von heute ist sehr viel ernsthafter bei der Sache. In meiner Erinnerung war das Allerwichtigste „Make Love not War“ – und alles andere hat uns nicht gekümmert. Auch die Studentinnen sind heute viel ernsthafter bei der Sache, habe ich das Gefühl. Wir haben das alles so nebenher gemacht. Nebenher studiert, aber das Wichtigste war die Liebe.


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