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Negativ-Trend 'Doomscrolling' Wie wir informiert bleiben, ohne den Verstand zu verlieren

Wir alle haben schlaflose Nächte. Es ist einfach zu viel los in der Welt. Dann scrollen wir auf dem Handy durch Social Media und grinden jede negative Info, jedes Update – und sind danach nicht unbedingt informierter, sondern nur noch unruhiger. Wie können wir 'up to date' bleiben und dabei den Overkill vermeiden?

Von: Hanna Resch

Stand: 11.11.2020

Doomscrolling | Bild: picture-alliance

Es hört nicht auf. Nie. Never. Scroll. Nachricht auf Nachricht. Scroll. Beirut, da war ich vor kurzem: das Land immer noch am Wiederaufbau. Scroll. Coronazahlen schießen durch die Decke. Appwechsel. Auf Twitter nur Hass. Scroll. Tanzende Leipziger Coronaleugner. Scroll. Schulen werden zu Hotspots, wenn wir jetzt nicht gegensteuern. Scroll. Rassismus. Scroll.

Was ist 'Doomscrolling'?

Rassismus, Sexismus, immer mehr, immer weiter. Dabei wollte ich doch nur kurz nochmal Insta checken, bevor ich das Licht ausmache. Die Welt auf unseren Handys: Immerzu schrammt sie haarscharf am Abgrund vorbei. Und unsere Augenlider – sie wollen einfach nicht zufallen. Dieses neuzeitliche Phänomen nennt man "Doomscrolling".

1859 stellte sich der Maler John Martin den "Tag des Zorns" so vor. Düster. Öl auf Leinwand.

Inga Kälber ist Gründerin von Zero Waste Deutschland. Auf Instagram zeigt sie, wie nachhaltiges Leben geht. Für sie gehört auch mentale Gesundheit dazu. Und was sie auch immer wieder beschreibt: Doomscrolling. Doom bedeutet Untergang. Und Scrollen: Das endlose Durchwischen von Content. Doomscrollen ist der ungute Mix aus beidem. Das ewige Wischen nach den neusten Infos zermürbt. Gerade noch mehr als sonst.

Inga Kälber geht es da nicht anders, als anderen auch: "Und dann bin ich abends und liege im Bett. Schau diese ganzen Sachen an und fühle mich eigentlich sehr angstvoll, sehr hoffnungslos. Wie sieht es mit den Zahlen aus, was erfahre ich so über die Krankheit, über das Virus, über die Ausbreitung, über die möglichen Szenarien. Ich musste mich da aktiv von losreißen."

Die Sehnsucht nach Kontrolle

In unsichere Zeiten entgleitet uns die gefühlte Kontrolle über das Leben, wie wir es kennen. Und das Scrollen bringt uns ja eigentlich nicht weiter, die Pandemie geht nicht weg, nur weil wir scrollen und wischen, wischen und scrollen – wie ein digitales Kaninchen vor der Schlange.

Für Viele ist dieses Foto das Symbol der Apokalypse: Die Explosion der Atombombe auf dem Bikini Atoll 1946.

So geht es auch Katharina von Hajek. Sie ist Kommunikationswissenschaftlerin und sagt: "Evolutionär haben wir uns deswegen mit Negativem auseinandergesetzt, um darüber zu lernen, um es dann zu kontrollieren, als wären wir der Säbelzahntiger. Der ist schnell. Der kann aber nicht gut klettern. Dann hat es uns geholfen, uns darüber zu informieren, dass wir gut auf einen Baum klettern können, damit der schnelle Säbelzahntiger uns nicht frisst. Und heute ist es so, dass wir glauben, die Corona-Krise, die ist potenziell gefährlich. Deswegen möchte ich wissen, wie ich mich davor schützen kann. Und ich glaube, dass dieser Kontrollverlust in uns sehr, sehr stark eine Angst triggert."

Medienkonsum und Angststörungen

Das Schlimmste ist aber, dass wir niemals ein Ende finden. Denn die Nachrichten oder der Content – sie hören niemals auf. Endless Scrolling nennt man den Feed, der nie endet. Personen mit Angsterkrankungen werden davon noch härter getroffen. Deshalb hat Katherina v. Hajek zusammen mit Nicholas Müller die Seite Angstfrei.news gegründet – ganz am Anfang der Pandemie. Der Blog bietet einen wöchentlichen, unaufgeregten Nachrichtenüberblick. "Ich glaube nicht, dass wir ein Angebot sind, das es schafft, so ein Doomscrolling zu unterbrechen, weil wir eben keine Trenner haben, denen wir in sozialen Medien einbinden. Ich glaube, wir sind eher eine Alternative", beschreibt sie ihr Projekt.

Bisher hat die Seite 400 User pro Tag – und das sind nicht nur Angstpatient*innen. Alternative Medienangebote wie Angstfrei.news sind eine Möglichkeit, sich dem Doomscrolling zu entziehen. Aber nicht die Einzigen, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Katherina v. Hajek: "Es hat sich bewährt, dass man seinen Medienkonsum mit einem Timer versieht.

Heute sieht das Symbol des Unheils so aus: Das neuartige Corona-Virus.

Da gibt es zum Beispiel Apps, denen man sagen kann, ich möchte meinen Instagram-Konsum auf anderthalb Stunden am Tag limitieren. Und dann gibt es Push-Nachrichten, die dann sagen: "Achtung", du hast deine tägliche Instagram-Zeit erreicht."

Können wir Nachrichten "kuratieren"?

Inga Kälber, die Gründerin von Zero Waste Deutschland, hat dazu noch einen Tipp: Sie empfiehlt, ein zusätzliches und spezielles Instagram Profil anzulegen. Eines, das uns ausschließlich Nachrichten und politische Diskurse liefert. Aus dem privaten Instagram Account werden die dann gelöscht. So trennt man belastenden Content von privatem. Und wir können besser entscheiden, wann wir bereit sind, für den Mist und die Mühsal der ganzen Welt. Aber ganz raushalten, sagt Inga, das käme für sie nicht in Frage: "Es ist für Viele ein Privileg, das andere Menschen nicht haben. Die, die zum Beispiel von Rassismus betroffen sind, die können nicht weggucken. Die erleben das tagtäglich. Wir aber leben hier und wir haben die Möglichkeit wegzugucken, wenn wir das denn wollen. Es würde unser Leben wahrscheinlich nicht großartig beeinflussen. Aber wir können uns dagegen entscheiden."


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