Bayern 2 - Zündfunk

"EINE DEUTSCHE PARTEI" Diese Doku arbeitet an der Selbstentlarvung der AfD - und scheitert

In seinem Dokumentarfilm „EINE DEUTSCHE PARTEI“ ist Regisseur Simon Brückner ganz nah dran an der AfD. Doch die notwendige Zusammenarbeit mit der Partei hat dazu geführt, dass hier eine Art Weißwaschung der Rechtspopulisten stattfindet.

Von: Roderich Fabian

Stand: 20.06.2022

Alice Weidel und Tino Chrupalla auf dem Bundesparteitag der AfD | Bild: picture alliance/dpa | Sebastian Kahnert

Der Film „EINE DEUTSCHE PARTEI“ ist zunächst mal für alle, die sich immer noch wundern, wie es eine Partei wie die AfD in sämtliche Länderparlamente schaffen und bundesweit mehr als zehn Prozent der Wähler für sich mobilisieren konnte, also für Leute wie mich. Regisseur Simon Brückner hat einen klassischen, dokumentarischen Ansatz für seinen Film gewählt. Er hat keine Interviews geführt, sondern nur beobachtet. Und die aus 500 Stunden Material ausgewählten Szenen bleiben unkommentiert.

AfD-Mitglieder sahen die Chance, das Bild der Partei geradezurücken

Ein Großteil des Films zeigt AfD-Mitglieder in Berlin, bei Fraktionssitzungen, bei Wahlkampfveranstaltungen und bei öffentlichen Kundgebungen. Alle Aufnahmen stammen aus den Jahren 2019 bis 2021. Dass die Partei Brückner und seinem Team die Dreherlaubnis erteilte, zeigt, dass viele Parteivertreter die Chance sahen, das in ihren Augen verzerrte Bild der Partei sozusagen geradezurücken. Schon dieses Zugeständnis der Partei an den Filmemacher erzeugt natürlich einen nicht ungefährlichen Kompromiss, aber dazu später mehr.

Der Film zeigt zum Beispiel Parteimitglieder wie Aaron Kimmig von der „Jungen Alternative“. „Früher hat man nicht Lockdown gesagt, sondern Kommunismus“, ruft er 2021 auf einer Corona-Demonstration. „Und was hat uns dieser Kommunismus damals gebracht? Kann sich da irgendjemand dran erinnern? Wer hat in Geschichte aufgepasst? Richtig, die Mauer!“, so Kimmig weiter. Gegendemonstranten widersprechen ihm lautstark, doch Kimmig hält dagegen: „Wollt ihr die Mauer wieder? Und jetzt kommt die Impfung. Was meint ihr, wenn die Impfung war, was dann kommt? Ja, ihr, die da gebrüllt habt, ihr werdet die ersten Unfreien sein. Ihr werdet die ersten Sklaven sein, wenn ihr euch diesem Regime unterwerft.“

Manchmal entlarven sich AfD-Politiker selbst, aber nur manchmal

In solchen Szenen erfüllt der Film den Anspruch des Regisseurs. Die AfD-Mitglieder entlarven sich durch ihre Auftritte selbst, als minderbemittelte Demagogen und Ideologien, als plumpe Populisten, die mit fadenscheinigen Argumenten Rattenfänger-ähnlich auf Wählerjagd gehen. Aber die ganz harten Äußerungen, die die rechtsextreme Haltungen der AfD aufzeigen würden, sind hier nicht zu hören. Und die gab es ja. Eines von vielen Beispielen: Björn Höcke sprach davon, dass wir den „bevorstehenden Volkstod durch Bevölkerungsaustausch antreten“ müssten. Höcke und andere Vertreter des sog. „Flügels“ tauchen im Film aber nur als Randfiguren auf.

Film zeigt AfD-Randfiguren

Stattdessen durfte Simon Brückner ausführlich gemäßigte Partei-Ideologen wie etwa Artur Ambramovych vorstellen, Vorsitzender der Bundesvereinigung „Juden in der AfD“. Ambramovych sinniert im Film bei einer Art Kamingespräch über das Wählerpotential der Partei. Er sagt: „Dieser Linksdrift der Gesamtgesellschaft hat ja auch etwas zur Folge, was eine der größten Schwächen der AfD ist, nämlich dass die Union so links geworden ist.“ Seine Abschlussthese: In Deutschland gebe es so etwas wie einen „Nationalbolschewismus“ – und der erstrecke sich bis zur eigentlichen politischen Mitte. Da folgt dann eine Art „Naja“ und „hörthört“ aus der Runde, die Nationalbolschewisten hätte er vielleicht auch unerwähnt lassen können vor der Kamera, meinen die Parteigenossen sinngemäß in launiger Runde. Denn der deutsche Nationalbolschewismus lehnt sich ja auch an das post-sowjetische Russland an.

Unangenehmes Augenzwinkern, AfD behält Kontrolle

Er spielt im Film kaum eine Rolle: Björn Höcke

Es ist überhaupt viel unangenehmes Augenzwinkern dabei im Film „Eine deutsche Partei“. Die Protagonisten gehen immer genau so weit, wie es ihnen aus Propagandazwecken opportun erscheint. In einer Szene mit Parteichef Tino Chrupalla wird das Kamerateam auch schon mal aus dem Raum komplimentiert. Man gewinnt den Eindruck, dass die AfD immer die Kontrolle über das behalten hat, was sie für veröffentlichungswürdig hielt. So richtig fies wird’s aber auch noch. Wenn Michael Klonovsky, ein Partei-Intellektueller und ehemaliger Berater von Frauke Petry, vor Berliner Abgeordneten eine mit zynische Bemerkungen gespickte Rede hält, über das Thema „Gleichheit versus Gerechtigkeit“. Er behauptet: „Gerecht bedeutet nicht gleich, im Gegenteil: Die Forderung nach Gleichheit ist eine Pervertierung von Gerechtigkeit. Der heutige 08/15-Linke ist aber von einer tiefen Sucht nach Gleichheit erfüllt. Er möchte, dass die Gesellschaft ihm das zurückerstattet, was die Biologie ihm verweigert hat.“ Das Auditorium klatscht Beifall.

Von einer Selbstentlarvung der AfD kann keine Rede sein

Obwohl man im Film „Eine deutsche Partei“ durchaus Neues sieht, kann von einer Selbstentlarvung der AfD eigentlich keine Rede sein. Zu oft erleben wir die fast ausschließlich männlichen Mitglieder in ihrem banalen, politischen Alltag. Und das Erschreckende: Meistens sehen sie aus wie typisch-deutsche Männer, die halt eine Position rechts von der CDU/CSU besetzen. Die vielen, rechtsextremen Aussagen, die AfD Mitglieder im Lauf der Jahre von sich gegeben haben, zeigt er nicht. Zu selten gelingt dem Film zu zeigen, wie gefährlich und brunnenvergiftend so „EINE DEUTSCHE PARTEI“ eigentlich ist.