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Der Dokumentarfilm "Mr. Gay Syria" Unter doppeltem Druck

Ein Doppelleben, hier als Familienvater, dort als Mitglied der schwulen Szene: Husein, der mit Frau und Kind nach Istanbul geflohen ist, wird in Istanbul zum "Mr. Gay Syria" gewählt. Ayse Topraks Dokumentarfilm zeigt die Geschichte des queeren Flüchtlings, der es in beiden Welten schwer hat.

Von: Roderich Fabian

Stand: 04.09.2018

Husein ist Friseur aus Afrin, Syrien, 24 und schwul. Er ist mit seiner Cousine verheiratet und hat eine kleine Tochter. | Bild: Bradley Secker/COIN FILM GmbH

Ayse Topraks Film ist eine Langzeitstudie. Im Zentrum steht der Mittzwanziger Husein, den wir in der LGBT-Community in Istanbul erleben. Eigentlich kommt er aus einer syrischen Kleinstadt unweit der türkischen Grenze. Auch sein Vater lebt inzwischen als Flüchtling in der Türkei. Husein hat sich am Anfang des Films noch nicht zu einem Coming-Out durchringen können. Seiner Mutter, die noch in Syrien lebt, schickt er eine Sprachnachricht, die er in sein Handy spricht:

Husein ist Friseur aus Afrin

„Mutter, hier ist Husein, dein ältester Sohn, auf den du stolz bist und mit dem du dich sehr verbunden fühlst. Alles Gute zum Muttertag! Ich muss dir von gestern erzählen. Ich habe mit meinem Vater gestritten. Er wollte mich rausschmeißen. Er will mich verstoßen. Und das nur, weil ich meine Cousine nicht heiraten möchte. Mutter, ich kann sie nicht heiraten. Es ist nicht ihre Schuld. Ich kann sie nicht glücklich machen. Ich kann ihr nichts bieten."

Flucht in die Türkei

Aber - so erfahren wir im Verlauf des Films: Husein wird seine Cousine schließlich doch heiraten und eine Tochter mit ihr haben, um den Schein gegenüber seiner Familie zu wahren. Er führt ein Doppelleben, hier als Familienvater, dort als Mitglied der schwulen Szene Istanbuls. Viele LGBT-Syrer sind in die Türkei geflohen, weil die Toleranz ihnen gegenüber hier größer ist. Darunter ist auch das Paar Wissam und Omar, das sich von Istanbul aus um Asyl in Norwegen bemüht. Dazu müssen sie im norwegischen Konsulat auch einen Wissenstest bestehen. Wissam erklärt seinem Mann die Lage in der arabischen Welt:

„In Jordanien gibt es kein Gesetz gegen Homosexualität, im Libanon schon. Die arabischen Länder, die Homosexualität nicht kriminalisieren, sind Jordanien und Bahrein, glaube ich. Es gibt ungefähr 130 Länder auf dieser Welt, in denen Homosexualität mehr oder weniger erlaubt ist. Oder zumindest nicht bestraft wird. Im Iran oder Saudi-Arabien werden Homosexuelle hingerichtet. Das ist in sieben oder acht Ländern der Fall. Die anderen dieser Länder liegen in Afrika. In der Türkei wirst du zumindest nicht verfolgt.“

Gefangen im Dazwischen

Ayse Toprak bringt uns ihre Protagonisten sehr nahe, mit ihren Hoffnungen und Ängsten. Wir erleben sie privat und auf Partys, die genauso aussehen wie andere LGBT-Partys auf der Welt. Natürlich sind wir auch bei der Wahl zum "Mr. Gay Syria" dabei, die eigentlich nur aus ein paar Tanzeinlagen und anschließender Abstimmung besteht. Husein gewinnt – und natürlich ist damit auch klar, dass er sein Doppelleben nicht weiterführen kann. Denn in Social Media ist er nun eine Marke. Mahmoud, ein umtriebiger Aktivist, der zwischen Berlin und Istanbul pendelt, versucht, Husein ein Visum für Malta zu verschaffen, wo die Wahl des "Mr. Gay World" stattfindet. Doch das wird scheitern: Husein kann weder in sein altes Leben zurück noch raus aus der Türkei.

Weder vor, noch zurück

Die schwulen Männer in diesem Film stehen unter doppeltem Druck, als Geflüchtete und als diskriminierte Minderheit sind sie stark aufeinander und auf die gegenseitige Solidarität angewiesen. Doch – auch das zeigt dieser aufschlussreiche Film – werden alle Mitglieder dieser Community ihren eignen Weg gehen müssen, der manchmal nach Europa, manchmal aber auch in eine Sackgasse führt.


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