Bayern 2 - Zündfunk

„Total Thrash“ Diese Doku ist wie ein Fanzine über Thrash Metal – in bewegten Bildern

Sodom, Kreator und Destruction – das waren die Bands, die den deutschen Thrash Metal geprägt haben. Sie verwandelten Industriebrachen in Proberäume und Perspektivlosigkeit in Musik. Die Doku „Total Thrash“ erzählt ihre Geschichte.

Von: Roderich Fabian

Stand: 08.06.2022

Vier Jugendliche unterwegs in 80er-Jahre-Klamotten | Bild: Filmstill aus "Total Thrash – The Teutonic Story"/ mindjazz pictures

Erstmal zur Begriffsklärung: „Thrash Metal“ entstand Anfang der 80er Jahre in Amerika als Mischung aus Punk und Heavy Metal. Hart und schnell gespielt, ließ dieser Sound den kitschigen Hair Metal dieser Zeit à la Mötley Crüe oder Poison alt und lächerlich aussehen. Thrash Metal war kein Schmierentheater, sondern Ausdruck von Protest einer proletarischen, urbanen und meist männlichen Jugend. Und so ist es kein Wunder, dass dieser Sound in den 80ern vor allem im heruntergekommenen Ruhrgebiet viele Nachahmer fand. Der Dokumentarfilm „Total Thrash“, der nun in die Kinos kommt, zeichnet die Geschichte der deutschen Spielart dieses Genres nach und erzählt chronologisch vom Aufstieg, Niedergang und Revival.

Film oder Fanzine? Plakat von „Total Thrash“.

Am Anfang des Films „Total Thrash – The Teutonic Story“ führt uns der ehemalige Sodom-Schlagzeuger Peppi Dominik mit einem Kumpel durch ein unansehnliches Wohnviertel. „Willkommen im Herzen von Altenessen“, sagt er. Als Jugendliche sei dieses Viertel im Norden der Stadt Essen ihr „Dreh- und Angelpunkt“ gewesen. „Hier haben wir unsere Jugend verbracht, ein Teil der Musikszene aus dem Ruhrpott ist hier auch großgeworden“, sagt Peppi und deutet auf eine Straßenecke: „Hier drüben hat Jülle gewohnt, also Jürgen Reil, von der Band Kreator, klar.“ Und unten habe Rotzi Rötte gewohnt: „Bassmann, logischerweise.“ Auch wenn man Rotzi Rötte, den Bassmann, nicht kennt – es ist ein Supername für einen Musiker.

„Um Kreator sind viele Mythen entstanden“

„Total Thrash“ will kein Musikjournalismus und auch kein cineastisches Meisterwerk sein, sondern eher ein Fanzine in bewegten Bildern. Dabei kommt eine Vielzahl an Beteiligten aus ganz Deutschland zu Wort. Im Laufe des Films wird klar, dass es vor allem drei Bands waren, die den deutschen Thrash Metal national und international bekannt gemacht haben: Destruction aus dem Rhein-Main-Gebiet, vor allem aber Sodom und Kreator aus dem Ruhrpott. Die frühen 80er, die Gründerzeit dieser Bands, standen zwischen Gelsenkirchen und Essen vor allem für den Niedergang des Bergbaus, für Arbeits- und Perspektivlosigkeit, auch unter jungen Leuten. In leerstehende Fabrik- und Büroetagen zogen Metalbands ein und verwandelten sie in Übungsräume.

Jürgen „Ventor“ Reil, Schlagzeuger der Thrash-Metal-Band Kreator.

Kreator hießen am Anfang noch Tormentor, aber Schlagzeuger Jürgen Reil erzählt, wie er auf den neuen Namen kam. Er habe zuhause gesessen und über Kopfhörer „The Oath“ gehört. Der erste Satz des Songs ist: „By the symbols of the creator“ – das verfing: „Schöpfer“ klingt nicht schlecht, dachte Reil. „Später sind viele Mythen entstanden um Kreator“, erzählt der Schlagzeuger. Die Band hätte sich nach „dem germanischen Trallala-Gott“ benannt und ähnliche Mutmaßungen. „Aber eigentlich ist die Original-Geschichte diese Zeile, die mir ins Ohr geflüstert wurde.“

„Total Thrash“ ist ein Film voller Funfacts für Fans

„The Oath“ von der dänischen Metalband Mercyful Fate half Kreator also bei der Namensfindung. Solche Funfacts für Fans gibt es einige in „Total Thrash“, dem Film. Und natürlich sind sowohl die Filmemacher wie die hier sprechenden Musiker stolz darauf, dass es zumindest Sodom und Kreator geschafft haben, weltberühmt zu werden, zu Tourneen in den USA eigeladen zu werden und Zigtausende Patten zu verkaufen. Aber der Film bleibt in den 80ern, also der sogenannten „Metal Decade“, nicht stehen. Er erzählt auch vom Niedergang in den 90ern, als Grunge die neue Musik der Langhaarigen wurde.

Metal is dead? Die Thrash-Metal-Band Kreator macht bis heute weiter – vielleicht noch böser, teuflischer und leidenschaftlicher.

Der Indie-Label-Betreiber Jörg Müller verwahrt sich im Film aber gegen derartige Unkenrufe. „Tot war Metal nie“, sagt er. Die Diskussion der 90er sei fürchterlich gewesen. Müller präzisiert: „Die kommerzielle Spitze, die war ganz grob abgeschnitten – aber im Untergrund hat der Metal immer getobt, wurde immer gespielt, war immer kreativ und wurde vielleicht auch wieder ein bisschen böser.“

Regisseur Daniel Hofmann hat unfassbar viele Musiker, Labelmacher, Roadies und Fans zusammengetrommelt, um ein möglichst umfassendes Bild der deutschen Spielart dieses Genres zu zeichnen. Und es wird auch heute noch weitergemacht, ganz stilecht und überall in Deutschland von Amberg bis Hannover, wie wir in der Doku erfahren: „Total Thrash“ feiert die, die es trotzdem tun, mit aller Leidenschaft und dem Mut der teuflischen Verzweiflung.

Total Thrash – The Teutonic Story (Deutschland 2021). Regie: Daniel Hofmann. Mit Jürgen „Ventor“ Reil (Kreator), Thomas „Onkel Tom“ Such (Sodom), Andreas „Gerre.“ Geremia (Tankard) u. a. Kinostart: 09. Juni. Filmtrailer hier.