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Neu im Kino Die queere Doku "Genderation" zeigt trans Personen, die gesellschaftliche Normen sprengen

Vor 20 Jahren hat die deutsche Filmemacherin Monika Treut der trans Bewegung in San Francisco ein filmisches Denkmal gesetzt. Nun ist sie zu den Pionieren von damals zurückgekehrt. Was die Doku "Genderation" so sehenswert macht.

Von: Paula Lochte

Stand: 20.10.2021

Neue Dokumentation "Genderation" | Bild: Edition Salzgeber

Wir begeben uns auf eine Reise zur „Klitoris der USA“, wie die Performance-Künstlerin Annie Sprinkle die Stadt San Francisco nennt: „Es ist sehr klein. Wir sind nicht einmal eine Millionen Menschen hier. Es ist von Wasser umgeben und sehr elektrisierend“, erzählt sie. Eine Reise in die Metropole der Außenseiter. Der Hippies, Schwulen, Lesben und trans Personen.

"Genderation" erscheint 20 Jahre nach "Gendernauts"

Der Film „Genderation“ von Monika Treut ist in mehrerlei Hinsicht ein Reise. Eine Zeitreise, weil Treut 20 Jahre nach ihrem Dokumentarfilm „Gendernauts“ zu den Pionieren und Pionierinnen der Transbewegung zurückkehrt. Eine metaphorische Reise ins Grenzgebiet der Geschlechter. Und eine Reise im wörtlichen Sinn, wie Monika Treut erzählt: „Weil viele auch weggezogen sind aus San Francisco, weil sie sich die Mieten dort nicht mehr leisten konnten. Und so ist es fast eine Art Roadmovie geworden, die alten Freundinnen und Freunde wieder aufzusuchen.“

Alte Freunde und Freundinnen, das sind die feministischen Performance-Künstlerinnen Annie Sprinkle und ihre Partnerin Beth Stephens, die trans Personen in ihrer Kunst stets eine Plattform gegeben haben. Das sind der Poet Max Wolf Valerio, der über seine Transition das Memoir „The Testosterone Files“ verfasst hat, und der trans Mann Stafford, der heute ein Umzugsunternehmen in Oakland führt. Und das sind auch die Universitätsprofessorin Susan Stryker, eine der Begründerinnen der „Gender Studies“ und „Trans Studies“, und die 85-jährige Theoretikerin und Aktivistin Sandy Stone die laut Monika Treut, „die große Matriarchin der Transbewegung“ sei, die auch sehr viel grundlegende Texte dazu geschrieben habe.

Interesse der Zuschauerinnen ausschlaggebend

Der Grund, warum Monika Treut zu ihnen allen zurückgekehrt ist, sind wir. Das Publikum. Denn wann immer die Filmemacherin ihren queeren Klassiker „Gendernauts“ aus den Neunzigern auf Festivals oder in Hochschulen zeigte, kamen die Fragen: „Wie geht es den Protagonist*innen heute? Was ist aus ihnen geworden? Wie wachsen die Menschen, die jetzt auch älter werden, eigentlich in eine Geschlechteridentität hinein? Was tut sich da lebensgeschichtlich? Gibt es Veränderungen?“ Und so war das Interesse der Zuschauerinnen für die Regisseurin ausschlaggebend, eine Fortsetzung zu drehen.

Ihr neuer Film „Genderation“ erzählt  von Liebesgeschichten, die die Jahrzehnte überdauerten – und von solchen, die zerbrachen. Von Schicksalsschlägen wie Krebs oder dem Tod von Angehörigen. Von Aktivismus: Gegen Transfeindlichkeit. Gegen die Zerstörung von Umwelt und Klima. Und gegen die Gentrifizierung von San Francisco durch das Geld der Datenkraken im nahgelegenen Silicon Valley. Es geht um die großen politischen Kämpfe, und jene im Alltag. Umzugsunternehmer Stafford erzählt zum Beispiel im Film: „Ich freunde mich gern mit Leuten an, die normalerweise nichts mit trans Personen zu tun haben wollen. Und dann, wenn sie sich schon auf mich verlassen und sagen, Stafford, du bist der Beste, dann sage ich ihnen: Übrigens, ich bin trans!“ Stafford hält das für eine Art Guerilla-Marketing für trans Personen. Er nennt sich gern „den Trans-Botschafter“.

Der Film würdigt den Ursprung der Trans-Bewegung

Was den Film „Genderation“ so sehenswert macht: Der Film würdigt jene, die in den USA Kämpfe ausgefochten haben, von denen auch die queere Bewegung in Deutschland profitiert hat. Die den Grundstein gelegt haben, auch für aktuelle Debatten. Und die sich dabei nie viel gemacht haben aus Grabenkämpfen, die uns heute manchmal spalten: Sind wir trans, queer, hetero, lesbisch, feministisch, antikapitalistisch? „Egal“, scheint die „Genderation“-Generation sich zu sagen, „lasst uns gemeinsam kämpfen!“ – und wirkt dabei ungemein lässig. Und noch etwas macht die Dokumentation so sehenswert: Wir kommen den Vorkämpfern und Vorkämpferinnen der Trans-Bewegung so nahe! Wir liegen mit den Performance-Künstlerinnen Annie Sprinkle und Beth Stephens im Bett. Fahren mit Umzugsunternehmer Stafford im LKW in die Wüste. Und lernen die ganze Großfamilie und Wahlfamilie von Sandy Stone kennen: Den Ehemann Cynbe, der kürzlich verstorben ist. „Und Vor Cynbe war ich mit Darcy verheiratet. Darcy und ich bekamen Tani, mit Sperma von Larry. Er ist mit Tom verheiratet“, erzählt sie im Film. Die Matriarchin Sandy Stone spricht augenzwinkernd von ihrer „Kernfamilie“. Dabei ist sie vom klassischen Vater-Mutter-Kind-Modell weit entfernt.

Wie auch die anderen Protagonisten und Protagonistinnen sprengt Sandy Stone gesellschaftliche Normen. Lebt eine kleine Utopie. Was die Portraitierten noch verbindet, erzählt Monika Treut: „Es sind ganz verschiedene Lebensgeschichten eigentlich. Aber allen ist irgendwie gemeinsam, dass sie angekommen sind in ihrer Identität.  Und ich denke, der Prozess des Alterns spielt in dem Film auch eine große Rolle.“ Also wenn wir die Sandy Stone im Film hören und sehen würden , die mit ihren über 80 Jahren voller Energie ist und voller Pläne und neuer Ideen, dann findet sie, mache der Film auch sehr viel Mut.