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"Das starke Geschlecht" Diese Doku beweist, es ist noch ein langer Weg in eine gleichberechtigte Gesellschaft

In der Doku "Das starke Geschlecht" werden Männer mit Aussagen anderer Männer konfrontiert. Und zwar über die eigene Sexualität. Was sich für Frauen erst gut anhört, ist dann doch erschreckend.

Von: Roderich Fabian

Stand: 27.05.2022

In der Doku "Das starke Geschlecht" werden neun Männer interviewt. Hier ein Close-Up des Gesichts eines Protagonisten | Bild: Missing Films

„Das starke Geschlecht“ besteht ausschließlich aus Interviews mit neun Männern aus Berlin, die zwischen Mitte 20 und Mitte 50 sind. Sie sitzen vor schwarzem Hintergrund und reden über Sexualität. Anfangs lesen sie Texte anderer Männer vor, die anonym bleiben und in denen diese ihre diversen sexuellen Vorlieben und Praktiken beschreiben: Aber meist geht es dann sehr schnell um die Sexualität des jeweils Sprechenden. Sie hatten sich beim Filmteam nach Aufrufen in verschiedenen Social Media dafür beworben. Das ist nicht unwichtig.

Wir haben es hier mit Männern zu tun, die ihre Ansichten veröffentlicht sehen wollten. Trotzdem sind es ganz unterschiedliche Typen. Einer von ihnen ist ein androgyn wirkender Tänzer, der seine Unsicherheit beim Liebe-Machen beschreibt.

"Dieses One-Minute-Man kennt man ja. Mega-unangenehm! Also da kommt die erste Erwartungshaltung, dass ich mir denke: Ich muss schon ausdauernd sein, um es ihr besorgen zu können."

Tänzer in Das starke Geschlecht

Der Regisseur des Films, Jonas Rothländer, hat in Interviews Aussagen wie diese dazu genutzt, um zu betonen, wie sehr es den Männern in „Das Starke Geschlecht“ darum gehe, weibliche Bedürfnisse zu befriedigen. Aber je mehr der Film voranschreitet, desto mehr wachsen meine Zweifel. Ein kräftiger 30-jähriger mit Halbglatze erzählt, dass er in Berlin ständig auf der Suche nach neuen Sex-Partnerinnen ist und seine Taktik inzwischen geändert habe: Statt sanft und verständnisvoll tritt er nun fordernd und dominant auf und scheint Erfolg damit zu haben. Der Typ glaubt zu wissen, was Frauen wünschen. 

"Sie wollen schon jemand haben, der weiß, was er tut. Der weiß, was er zu sagen hat. Der weiß, was er mit den Händen machen soll, der weiß, was er mit der Zunge machen soll. Der weiß, wie er die Frau nehmen soll. Die wollen schon jemand haben, der eine Ahnung hat."

Aussage aus Das starke Geschlecht

Der Berliner redet ständig von „sie“ oder „die“, so als ob alle Frauen gleich wären oder zumindest gleich auf sein Gehabe reagierten - ein sehr seltsamer Typ, der sich vor der Kamera einerseits mit seiner Abschlepp-Quote brüstet, andererseits aber manchmal darauf hofft, dass seine Freundin den Film nicht zu sehen bekommt.

Fernab von aktuellen feministischen Diskursen

 Eine weitere Type in „Das starke Geschlecht“ ist ein älterer Berliner, der sich ebenfalls als großer Verführer sieht, aber in der alternativen Szene unterwegs war und ist. Er bedauert vor der Kamera zwar, dass er wohl unfähig ist, eine stabile Beziehung aufzubauen, gibt dafür aber eher den Frauen die Schuld.

"Ich finde, die Frauen sollen sich - Scheiße noch mal - selber befreien. Das ist nicht mein Job. Ick bin für die Befreiung der Männer. Das ist mein Ding."

Aussage aus Das starke Geschlecht

Viele der neun hier auftretenden Männer entlarven sich im Laufe der Gespräche selbst. Die feministischen Diskurse der Gegenwart scheinen völlig an ihnen vorbeigegangen zu sein. Denn: „Das starke Geschlecht“ ist in diesem Fall wörtlich zu verstehen. Die körperliche Überlegenheit spielt bei den Aussagen vieler hier die entscheidende Rolle. Einer der jüngeren Gesprächspartner von Regisseur Jonas Rothländer stellt dann auch noch den Grundsatz „Nein heißt nein“ in Frage.  

„Denen“ muss man es besorgen, „denen“ muss man zuhören - es ist noch ein langer Weg in eine befreite, weil gleichberechtigte Gesellschaft für alle. Aber allein für diese Erkenntnis lohnt es sich schon, sich „Das starke Geschlecht“ anzusehen.

Die Doku "Das starke Geschlecht" ab 26. Mai im Kino. Hier ist der Trailer.