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DOK.fest München Diese zwei Filme über Prostitution könnten nicht unterschiedlicher sein

"Searching Eva" zeigt den Hipster-Alltag einer Sexworkerin in Berlin. "Lovemobil" zeigt Prostituierte, die in schäbigen Wohnmobilen immer wieder an gewalttätige Freier geraten. Sie erzählen von grundverschiedenen Welten - und doch eint sie etwas.

Von: Roderich Fabian

Stand: 14.05.2019

Searching Eva | Bild: Corso Film

Das Münchner DOK.fest bietet jedes Jahr einen Blick auf aktuelle Tendenzen - in der Gesellschaft wie im Dokumentarfilm. Was dieses Jahr auffällt: Die Menschen treten vor der Kamera selbstverständlicher auf. Dank Social Media sind es mehr Leute gewohnt, gefilmt zu werden, der Hang zur Selbstdarstellung nimmt zu. Die Protagonisten vieler Filme sind sich bewusst, dass das, was sie vor der Kamera tun, veröffentlicht werden kann.

Searching Eva - Die Doku von der Hochglanz-Sexarbeit

Im Film „Searching Eva“ ist diese Selbstinszenierung sogar Programm. Wir sehen eine junge, selbstbewusste und extrem hippe Frau aus Berlin, die als „Sexworkerin“ ihr Geld verdient - auch weil sie spießige Arbeit, wie sie noch ihr Vater verrichtet hat, ablehnt. Sie will aber genauso viel Geld zur Verfügung haben wie ihre bürgerlichen Freunde. 

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Searching Eva (Trailer @ CPH:DOX 2019) | Bild: CPH:DOX (via YouTube)

Searching Eva (Trailer @ CPH:DOX 2019)

In „Searching Eva“ klappern wir europäische Top-Hotels ab, wo Eva modelt. Wir landen in Berliner Clubs oder in der Badewanne, wo sie mit ihren internationalen Freundinnen ungezwungenen Spaß hat. Gedreht von Pia Hellenthal zeigt uns der Film eine Frau, die immer wieder über ihre Identität reflektiert, die - nach harten Zeiten in einer dysfunktionalen Familie in Italien - nun soweit ist, die Vergangenheit abzustreifen und sich neu zu erfinden: Self-Empowerment nennt man das. 

„Searching Eva“ ist ein moderner Dokumentarfilm, der überkommene Tabus des Genres vorsätzlich bricht: Viele Szenen hier sind sichtbar inszeniert, immer wieder hören wir Eva aus dem Off ihre Blog-Einträge vorlesen, die uns Sexarbeit als Hilfsmittel eines selbstbestimmten Lebens verkaufen.

Lovemobil - Die Doku vom schäbigen Alltag

Ganz anders ist der Film „Lovemobil“. Hier geht es um Frauen, die in Wohnmobilen an niedersächsischen Bundesstraßen ihre Dienste anbieten. Die Frauen, mehrheitlich aus Osteuropa und Afrika, werden in der gnadenloser Tristesse eines schmuddeligen Business gezeigt. Sie sind irgendwie in das Gewerbe hineingeschlittert. Von Selbstbestimmung und Hipness ist hier nie die Rede. Stattdessen sehen wir Frauen, die einen unterbezahlten Knochenjob machen, der obendrein noch brandgefährlich ist.

Auch in „Lovemobil“ wirkt vieles inszeniert, auch hier wird viel unternommen, um spektakulär ´rüberzukommen. Und in beiden Filme kommen sogar angeblich echte „Freier“ vor. Ihre Auftritte sollen wohl unterstreichen, wie „normal“ Prostitution doch eigentlich ist. „Searching Eva“ versucht, Sexarbeit als Möglichkeit der Emanzipation zu verkaufen, „Lovemobil“ zeigt uns Prostitution als knallharte Endstufe des globalisierten Kapitalismus. Man könnte auch sagen: Moderne Dokumentarfilme wollen nicht unbedingt die Wirklichkeit abbilden, sondern bedienen inzwischen auch gern die Erwartungshaltungen voreingenommener Zuschauer. Das nennt man dann wohl: Entertainment.

Einen weiteren Überblick über das Programm beim DOK.fest findet ihr bei uns hier.


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