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Dok.fest München Die Doku "Nawalny" erinnert daran, wie schwer Opposition in Russland ist

Politischer könnte das diesjährige Münchner Dokumentarfilmfestival kaum starten: Am 22. März, der Angriffskrieg auf die Ukraine überschattet bereits alles, wird der Oppositionelle Alexei Nawalny für weitere neun Jahre Haft in russischen Straflagern verurteilt. Der Film „Nawalny“ erzählt seine Geschichte.

Von: Johanna Hintermeier

Stand: 03.05.2022

Nawalny (Filmstill) | Bild: DOK.fest München

Alexei Nawalny, schlank und aufrecht sitzt er vor dem Kamerateam und erzählt seine Geschichte. Es ist Winter 2020 und Nawalny erholt sich im Bayerischem Wald von dem Giftanschlag, der ihn auf einem russischen Inlandsflug fast getötet hätte.

Nawalnys engste Mitarbeiter*innen und seine Familie sind mit ihm nach Deutschland gekommen. Mit der Hilfe des Datenjournalisten Christo Grosew rekonstruieren sie, wer hinter dem versuchten Mord mit dem Nervengift Nowitschok steckt. Es ist noch früh am Morgen, da rufen sie bei Männern an, die sie verdächtigen, Teil der Operation gewesen zu sein: Nawalny gibt sich als Agent des russischen Geheimdienstes aus und fragt, was denn schief gegangen sei beim Giftanschlag im Flugzeug. Der Befragte erzählt: „Wir haben versucht, alles einzukalkulieren so gut es ging. Aber als der Flug eine Notlandung gemacht hat, hat sich das Blatt gewendet – und nicht zu unseren Gunsten.  Ich glaub, wenn der Flug nur ein bisschen länger gewesen wäre, wären die Dinge anders ausgegangen.“

Nawalny spielt seine Rolle perfekt. Ein volles Geständnis nimmt sein Team auf Kamera auf: Das Nervengift war in seiner Unterhose platziert worden. Das ist der Beweis: Der Kreml wollte Nawalny vergiften.

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NAWALNY | Dokumentarfilm Trailer | DOK.fest 2022 | Bild: DOK.fest München (via YouTube)

NAWALNY | Dokumentarfilm Trailer | DOK.fest 2022

Mit TikTok gegen Putin

Der Film „Nawalny“ begleitet seinen Namensgeber bei seinen politischen Kampagnen, aber vor allem geht er der Frage nach: Wer ist Alexei Nawalny? Wir sehen einen modernen Helden, der sich gegen das russische Regime mit Iphone-Kamera, TikTok-Clips und einem Videoblog stellt. Perfekt beherrscht Nawalny die Aufmerksamkeitslogik von Social Media, und erklärt seiner Tochter beim Filmen wie sie einen Effekt auf TikTok einstellen kann.

Der Film porträtiert einen Mann, der es in seiner permanenten Selbstvermarktung geschafft hat, als Marke gegen Putin zu stehen. Die größte Leistung Nawalnys mit seinen Videobotschaften ist: Er macht an sich selbst verständlich, was es bedeutet, in einem autokratischen System verfolgt zu werden. Und das versucht auch die Doku. Mit vielen Aufnahmen von Handykameras. Die zeigen Polizisten, die Sympathisanten von Nawalny verprügeln. Oder wie Nawalny bei der Rückkehr nach Moskau Anfang 2021 bei der Passkontrolle festgenommen wird. Diese Aufnahmen machen klar, wie skrupellos und verbissen das russische Regime gegen Oppositionelle vorgeht.

Spannend wie ein Thriller

Der Film schaut sich spannend wie ein Thriller, doch was fehlt, sind Hintergrundinformationen. Man will wissen: Wie funktioniert diese soziale Bewegung in Russland, was vereint Russ*innen, die Nawalny unterstützen? Vor dem Hintergrund des Angriffskrieges auf die Ukraine wirken diese Fragen umso dringlicher. Über das Nein zum Krieg und das Ja zu Menschenrechten hinaus: Nawalnys politische Mission ist nicht getragen von Inhalten. Er selbst ist sein größtes politisches Kapital. Er wirkt wie eine Art Manager all jener in Russland, die nicht mit Putin übereinstimmen.

Nun ist Nawalny eingesperrt in einem Straflager. Und mit ihm scheint auch die Hoffnung in Russland in einem Straflager festgehalten zu werden. Umso wichtiger ist dieser Film. Denn darin können wir den Mann kennenlernen, den der Kreml wohl nur zu gerne aus dem kollektivem Gedächtnis streichen möchte. „Meine Botschaft, für den Fall, dass ich getötet werde ich simpel: Nicht aufgeben!”, sagt Nawalny.

Das Dok.fest findet vom 4.-15. Mai in ausgewählten Münchner Kinos statt. Ab dem 9. Mai sind die Filme auch streambar unter www.dokfest-muenchen.de