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DJ Tuncay Acar über Altın Gün "Die Europäer müssen mal aufhören, ihren Sound als das Non plus ultra zu sehen"

Wann ist Musik eigentlich Weltmusik? Und wann Pop? Anhand des Erfolges der niederländisch-türkischen Band Altın Gün wird diese Frage gerade evident. Klar ist, dass Musik-Digger wie Jasper Verhulst oder auch Damon Albarn dafür sorgen, dass globale Popmusik Aufmerksamkeit erfährt. Aber: Es wäre schön, wenn man den Diskurs auch aus eigener Kraft verändern könnte, sagt der Münchner DJ Tuncay Acar.

Von: Matthias Hacker

Stand: 03.03.2021

Der Münchner DJ und Kulturaktivist Tuncay Acar | Bild: Peter Pfaff

Zündfunk: Tuncay, Du bist Musiker, DJ und Blogger, der sich ganz viel mit „Kultur abseits der Leitkultur“ beschäftigt, wie es eine aktuelle Veranstaltungsankündigung der Münchner Kammerspiele ausdrückt. Wie findest Du den Erfolg von Altın Gün?

Tuncay Acar: Sie sind eine tolle Band. Sie sind aber eine ziemliche Konzeptband, da stehe ich eigentlich nicht so drauf. Aber ich finde die ersten beiden Alben waren sehr überzeugend, weil sie einfach diesen Sound sehr schön wiedergegeben und sie sind der Tradition des anatolischen Psychedelik-Rock auch gerecht geworden.

Altın Gün spielen traditionelle Volkslieder. Was ist das Besondere daran?

Das habe ich mich auch eine lange Zeit gefragt. Wir sind ja mit den Songs aufgewachsen, mit der Arbeit von Leuten wie Barış Manço, Cem Karaca oder Erkin Koray und jeder Menge anderer Musiker und Musikerinnen. Für uns waren das keine Psychedelik-Specials, sondern einfach Volksmusik, die jeden Tag im Radio läuft. Erst Jahre später, als dann die westliche Welt darauf aufmerksam geworden ist –nachdem sie die ganzen Rare-Groove-Sachen in den Staaten abgegrast hatten, fing man an Produktionen aus dem Nahen Osten und aus den arabischen Ländern, aus den „exotischen“ Ländern, zu suchen – da wurde das dann auch für uns speziell. Und insofern stehen Altın Gün natürlich in dieser Tradition.

Die westliche Welt hat die „exotischen Länder“ abgegrast. Findest Du das gut oder schlecht?

Die Band Altın Gün wurde von dem Niederländer Jasper Verhulst gegründet

Also, ich bin jetzt nicht prinzipiell abgeneigt, den „weißen Spezialisten“ gegenüber. Ich nenne sie mal so. Es sind ja meistens Männer, obwohl es auch Frauen gibt. Ich glaube, Jasper Verhulst ist auch so ein Vinyl-Sammler und hat sich lange Zeit mit Retro-Funk und so beschäftigt. Ich kenne ja hier auch die Poets Of Rhythm in München. Die kennen sich auch. Das ist so eine Clique von Musikliebhabern und Liebhaberinnen, die sich seit Jahren mit diesem Sound beschäftigen. Ich freue mich jedes Mal, wenn eine neue Band ins Leben gerufen wird, die diesen Sound bringt. Ich habe es mittlerweile akzeptiert. Ich meine, wir leben hier in Europa, in einer weißen Welt, leider Gottes. Und da sind es natürlich, die weißen Expertinnen und Experten, die diesen Sound populär machen. Und das ist schon ein Kritikpunkt, das ist natürlich nervig. Auf der anderen Seite ist das eben auch ein Kommunikationskanal: Leute werden auf den Sound aufmerksam, und dann muss man halt schauen, dass man den Sound wirklich anständig vermittelt, damit die Leute auch verstehen, welche Tiefe in dieser Musik steckt. Das ist es vielen Leuten in Europa nicht bewusst und ich hoffe, dass diese Bewegung, endlich auch der breiten Masse klarmacht, welch reiche Musiktradition in dieser Region steckt.

Was kannst Du für Künstler empfehlen?

Neben den schon erwähnten Erkin Koray, Barış Manço und Cem Karaca, die Band Boom Pam aus Tel Aviv, die mit Selda Bağcan touren, eine wahnsinnig tolle Retro-Band, die dafür gesorgt hat, dass diese Frau wieder auf Tour geht, nachdem sie jahrelang als Oppositionelle in der Türkei verpönt war. Dann gibt es Leute wie Elektro Hafız, der gerade nach Köln gezogen ist, dort seine Musik macht. Ata Canani bringt jetzt ein neues Album raus, einer aus der Volksbarden-Tradition, auch Kölner, der in den Siebzigern angefangen hat, türkische Volksmusik mit deutschen Texten zu machen. Und da gibt es jede Menge Leute, die den alten Gastarbeiter-Sound, der vorwiegend in Deutschland produziert wurde – das sind auch sehr interessante Geschichten.

Musiker, die definitiv mehr Aufmerksamkeit verdienen.

Man hat das leider immer unter World Music eingeordnet, man hat das nie richtig spezifiziert. Das gelingt eben leider nur durch weiße Spezialist*innen, die das Augenmerk auf diese Musik lenken. Das ist noch ein Manko, in dem wir uns befinden: Ich hoffe, dass wir in Zukunft auch eine Stimme entwickeln und uns selber vertreten können. Aber ich bin natürlich auch dankbar, wenn ein innovativer Sound entsteht, der dafür sorgt, dass eine Reichweite für diese Art von Musik geschaffen wird.

Insgesamt ist zu beobachten, dass Pop globaler wird – siehst Du das auch so?

Ja, und ich finde die Entwicklung, die sich jetzt schon seit einigen Jahren anbahnt, sehr, sehr positiv. Und ich finde es auch gut, dass die „westlichen Charts“ endlich mal durchbrochen werden. Ich hoffe, dass sich das auch in Richtung einer weiteren Spezifizierung weiterentwickelt, sodass wir vom Rest der Welt nicht nur von World Music sprechen und dass die Europäer mal aufhören, ihren Sound als das Non plus ultra zu sehen. Also, da müssen die Gehörgänge ein bisschen geweitet werden. Und ich hoffe, dass das mit Bands wie Altın Gün gelingt.


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