Bayern 2 - Zündfunk

Disarstar Dieser Rapper flext obdachlosenfeindliche Architektur weg

Mit einer Flex entfernt er Metallbügel von Bänken, damit Obdachlose wieder liegen können. Mit dieser Aktion setzt der Hamburger Rapper Disarstar ein Zeichen gegen obdachlosenfeindliche Architektur. Im Zündfunk-Interview spricht er über die Widersprüche des Kapitalismus – und was er im Kleinen dagegen tun will.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 21.10.2022

Disarstar 2022 Rolex für alle | Bild: Tim Erdmann

Auf seinem Instagram-Kanal prangert der Rapper Disarstar die obdachlosenfeindliche Architektur der Stadt an. Mit einer Flex bewaffnet entfernt er Metallbügel, die Obdachlose daran hindern sollen, sich auf Bänke zu legen. Obdachlosenfeindliche Architektur gibt es mittlerweile in allen Metropolen der Welt. Von San Francisco über London bis nach Hamburg – der Heimatstadt von Disarstar.

Disarstar: Ich wohne schon mein halbes Leben auf Sankt Pauli. Das Thema Obdachlosigkeit ist für mich omnipräsent, insbesondere seitdem ich einen Hund habe. Wenn ich meine Route laufe, komme ich mit Leuten in Kontakt. Und diese Bügel waren mir schon lange ein Dorn im Auge. Und jetzt sind sie weg.

Zündfunk: Du sagst in dem Video, dass man bei dem Thema sieht, wie das neoliberale System funktioniert und wie es denkt. Kannst du ausführen, was Du damit genau meinst?

Ich bin der Meinung, dass die neoliberale Ideologie immer unterschlägt, dass Menschen systemisch zu betrachten sind. Diese Ideologie, die eine Eigenverantwortung voraussetzt, dass jeder einzig und allein selber für sein Glück verantwortlich ist. Aber darüber hinaus sagt diese Ideologie auch, dass jeder Obdachlose einzig und allein selber daran schuld ist, dass er auf der Straße lebt.

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NICHT MAL DAS MINDESTE | Bild: Disarstar (via YouTube)

NICHT MAL DAS MINDESTE

Dein neues Album „Rolex für alle“ erscheint diese Woche. Der Titel ist utopisch, aber auch zynisch. Wie sieht denn eine utopische Welt für Dich aus? Und wie unterscheidet sie sich von der Gesellschaft, in der wir jetzt gerade leben?

Ich bin der Meinung, wer sich eine Rolex anschafft, ist in 999 von tausend Fällen aus dem gröbsten Existenziellen raus. Und deswegen heißt für mich „Rolex für alle“: Ein Leben frei von Existenzängsten und Leben ohne Sorge um das Wesentliche. Das sehe ich in dieser Gesellschaft nicht. Es gibt das Gedankenexperiment von John Rawls: Wir stellen uns vor, wir alle sind in einem luftleeren Raum, in dem wir überhaupt nicht wissen, was wir sind. Und dann müssen wir eine Gesellschaft kreieren, in der jedes Los, das uns zu Teil werden könnte, ein würdiges, gutes Leben ermöglicht. So stelle ich mir die Welt vor, dass jeder Mensch ein gutes, würdiges Leben führen kann. Der Kapitalismus macht ja vor, was mit fortschreitender Digitalisierung an Reichtum produziert werden kann. Das ist ja nicht das Problem dieses Systems. Das Problem dieses Systems ist die extrem ungerechte und ungleiche Verteilung dieses Reichtums, das es produziert.

Wenn Du die aktuelle Welt ansprichst, da sind linke Bewegungen gerade in sehr vielen Widersprüchen gefangen. Zum Beispiel Thema Waffenlieferungen an die Ukraine. Da gibt es viele Linke, die das gerade fordern, und vielen fällt es sehr schwer. Die Waffenlobby zu kritisieren war eigentlich immer ein linker Punkt, wenn gerade Krieg in Europa herrscht. Wie geht es dir denn gerade in der aktuellen Situation mit dieser politischen Haltung?

Außer, dass ich überzeugter Pazifist bin und dass es keine guten Kriege gibt, möchte ich nichts dazu sagen. Es ein wichtiges Thema. Ich bagatellisiere das in keiner Art und Weise. Aber ich habe vor meiner Haustür so viele Probleme vor Augen, auf die ich mein Augenmerk richten möchte. Und deswegen versuche ich, mich aus den großen tagespolitischen Sachen rauszuhalten.

Du kritisierst aber in Deinen neuen Texten auf dem Album, das nun erscheint, immer wieder die FDP. Ich würde gern mal einen Perspektivwechsel versuchen. Du wärst Christian Lindner: Was wäre das erste, was Du jetzt tun würdest?

Im Gegensatz zu Christian Lindner bin ich mir im Klaren darüber, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt. Und ich kann versuchen zu abstrahieren, wie es ist, auf Sankt Pauli auf der Straße zu leben. Aber ich lebe dieses Leben nicht, und deswegen bleibt es immer auf einer abstrakten Ebene. Aber genauso wenig kann ich mir vorstellen, wie das ist ein durch und durch privilegierter Mensch zu sein, der in seinem ganzen Leben nie in irgendeiner Art und Weise finanziell und wirtschaftlich Scheiße fressen musste, sich dann aber in Talkshows setzt und Hartz IV Empfängern etwas über Leistungsgerechtigkeit erzählt.

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DISARSTAR - HUNGER (Official Video) | Bild: Disarstar (via YouTube)

DISARSTAR - HUNGER (Official Video)

Du hast dich ja mittlerweile sehr stark im Musikgeschäft etabliert und bist bei einem großen Label. Trotzdem sind Klassenkampf und Kapitalismuskritik bei Dir immer noch sehr zentral. Denkst du manchmal, in schlechten Momenten, naja, für mich funktioniert das System ja eigentlich ganz gut?

Nein. Im Gegensatz zu Christian Lindner schließe ich nicht von mir auf andere. Und zweifelsohne kann es in diesem System jeder schaffen – aber halt nicht alle. Es geht um die Komponente Glück. Das fängt schon da an, dass ich in Hamburg und nicht in Somalia geboren wurde. Die Komponente Glück ist aus einer Erfolgsgeschichte nie rauszurechnen, nie. Und leider gibt es ganz viele erfolgreiche Leute da draußen, die auch eine große Zuhörerschaft haben, die behaupten, dass sie einfach da sind, wo sie sind, weil sie einfach viel, viel besser seien und alles viel, viel toller gemacht hätten. Und dass die anderen sich einfach nicht so doll angestrengt hätten.

Aber müsstest du nicht, wenn Du jetzt richtig konsequent wärst, auch sagen, ich nehme meine Musik jetzt wieder runter von Spotify, ich veröffentliche keine Videos mehr auf Youtube und biete keine Produkte auf Amazon an. Fragst Du dich nicht, ob Du mit deiner Musik zum Erfolg der neuen Kapitalistenklasse beiträgst?

Also erstmal ist der Zwang zur Teilnahme immer Teil meiner Systemkritik. Das heißt, meine Musik ist der Verwertungslogik unterworfen. Ich könnte sie nicht mit dem Zeitaufwand und mit der Professionalität machen, mit der ich sie mache, wenn ich damit nicht auch meinen Lebensunterhalt verdienen würde. Das heißt, ich bin gezwungen, wie jeder andere Mensch in diesem System Geld zu verdienen. Bill Gates hat den Kapitalismus nicht erfunden. Bill Gates bedient eine Rolle, die dieses System vorsieht. Es gibt kein Richtiges im Falschen. Man kann nicht im Kapitalismus nicht kapitalistisch leben, und dessen bin ich mir sehr bewusst. Teil meiner Kritik ist, dass der Kapitalismus aus allem eine Ware macht – auch aus der Kritik an ihm.

Kommen wir da irgendwie raus aus diesem Widerspruch?

Ich glaube, dieses Problem ist nicht zu überwinden, ohne das große Ganze zu überwinden. Das klingt immer sehr ambitioniert. Aber ich kann vielleicht den einen oder anderen Begriff aufweichen und mich an einem dialektischen Prozess beteiligen. Und da ist mir fast jedes Mittel recht.