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Sexismus-Shitstorm Dieses Musikvideo legt Frauen in Ketten – und tut doch mehr für Gleichberechtigung als gedacht

Im Musikvideo zum neuen Song "Perra" von den Rappern J. Balvin und Tokischa führt Balvin zwei Frauen in Ketten vor sich her. Das empörte sogar die kolumbianische Vizepräsidentin. Trotzdem sind Song und Video ein Schritt Richtung Gleichberechtigung, kommentiert Alba Wilczek.

Von: Alba Wilczek

Stand: 13.10.2021

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J. Balvin, Tokischa - Perra (Official Video) | Bild: jbalvinVEVO (via YouTube)

J. Balvin, Tokischa - Perra (Official Video)

„Yo soy una perra en calor“ – „Ich bin eine Hündin in der Brunst“, lautet der Refrain von „Perra“ dem neuesten Track von J. Balvin und Tokischa. Beide sind sehr erfolgreiche Rapper aus Latein-Amerika. Er aus Kolumbien, sie aus der dominikanischen Republik. Mit „Perra“ haben sie diese Woche Empörung ausgelöst - bis in die höchsten Ränge der kolumbianischen Regierung. Warum? Bei 01:13 versteht ihr den Aufreger.

Die "Hundefrau" in Ketten im Musikvideo zu "Perra".

Im Video zu „Perra“ (zu deutsch: Hündin) wird eine Art Favela-Party gezeigt. Überall tanzen Menschen zwischen Häusern, es werden Hintern an anderen Hintern gerieben und Twerk-Duelle veranstaltet. Mitten drin: Rapper J. Balvin. Auch er tanzt, rappt und läuft in besagter Minute 01:13 durch eine enge Gasse mit Ketten in der Hand. An diesen Ketten führt er zwei auf den ersten Blick ungewöhnlich anmutende Kreaturen vor sich her, auf den zweiten Blick erkennen wir: Zwei schwarze Frauen mit aufgeschminkter Hundeschnauze. Lasziv blicken die beiden in die Kamera und bellen sogar in einer Einstellung.

Frauen als Hunde, an einer Kette? In Zeiten von Feminismus, von metoo, von mehr Aufklärung als eh und je? Wieder schafft ein Rapper, es Frauen zu sexualisieren - und hier sogar noch komplett zu entmenschlichen. Als Hündinnen. An Ketten. Dieses Bild ist Sexismus pur. Es ist so problematisch, dass selbst die kolumbianische Vizepräsidentin und Außenministerin Marta Lucía Ramírez das Video in einer offiziellen Pressemitteilung „sexistisch, machistisch und rassistisch“ nennt. Der Aufschrei ist richtig und wichtig. Aber trotzdem muss man das Ganze im Kontext sehen – und vor allem Tokischa, die weibliche Rapperin, im Blick haben.

Nr. 1: Der Perreo

Auch Männer werden in "Perra" zu Hunden entmenschlicht.

Um ein bisschen besser zu verstehen, warum J Balvin und Tokischa gerade das Bild des Hundes gewählt haben, muss man in die Tradition des Reggaeton eintauchen. Beim diesem Genre wird in vielen lateinamerikanischen Ländern traditionell der „Perreo“ getanzt. Dabei reiben sich klassischerweise Mann (Männchen) und Frau (Weibchen) aneinander wie Hunde. Es wird hier ganz konkret ein animalischer Paarungstanz imitiert. Die Frau reibt sich nach vorne gebeugt am Mann, der sie quasi von hinten „besteigt“. Kann natürlich auch andersherum oder in ganz vielen verschiedenen anderen Kombis passieren. Genau diese Tradition greifen Tokischa und J. Balvin auf. Vom „Perreo“, also dem Hundetanz, zu „Perra“, einem Reggaeton-Track, der das ein bisschen Over-The-Top aufgreift, ist es nicht weit. Die Ketten sind trotzdem komplett unnötig. Die führt J. Balvin in der Hand. Aber zum Video gehören zwei dazu. Und das bringt uns zu:

Nr. 2: Tokischa

„Perra“ ist ein Song von zwei Künstlern und Künstlerinnen. J. Balvin UND Tokischa. Beide stehen gleichwertig in den Credits. Beide haben gleichwertige Parts auf dem Track. Und beide treten gleichwertig im Musikvideo auf. J. Balvin ist der größere Star von beiden, er verkauft in Südamerika genauso gut wie in den USA oder in Europa. Tokischa steht hier gleichberechtigt neben dem Latin-Star. Das ist nicht selbstverständlich. Außerdem: den Refrain „Yo soy una perra en calor“ – also „ich bin eine Hündin in der Brunst“ rappt nicht nur J. Balvin, sondern vor allem auch die dominikanische Künstlerin selbst. Und im Musikvideo haben nicht nur die weiblich anmutenden Personen Hundeschnauzen aufgemalt. Es sind auch viele männliche Hunde zu sehen, die lasziv in die Kamera gucken. Das ändert nochmal einiges. Man denke nur an sämtliche Hip-Hop-Videos aus den 90ern, in denen Frauen wirklich nur als hübsches Beiwerk verkauft wurden – selbst wenn sie am Song beteiligt waren. Stichwort: Selbstbestimmung.

Klar, die Ketten als Bild gehen immer noch nicht – aber Tokischa steht hier voll im Rampenlicht. Sie rappt, tanzt und – noch viel wichtiger - bestimmt selbst, dass sie als läufige Hündin inszeniert wird. Im Video legt sie sich dafür zum Beispiel selbst in eine Hundehütte. Das ist kein Sexismus. Das ist sexuelle Selbstbestimmung im Pop – anders als es J. Balvin und die Frauen an der Kette suggerieren. Ein bisschen erinnert die Zusammenarbeit an den gemeinsamen Track von Shirin David und Haftbefehl aus dem letzten Jahr.

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HAFTBEFEHL x SHIRIN DAVID - CONAN x XENIA (prod. von Bazzazian) [Official Video] | Bild: Azzlackz (via YouTube)

HAFTBEFEHL x SHIRIN DAVID - CONAN x XENIA (prod. von Bazzazian) [Official Video]

Ein bisschen erinnert die Zusammenarbeit an den gemeinsamen Track von Shirin David und Haftbefehl aus dem letzten Jahr. Er – vom Feuilleton gefeierter und gleichermaßen kritisierter post-migrantischer Gangster-Rapper. Sie – die Rap-Emanzipation in Person, die momentan auf Vormarsch im deutschen Hip-Hop-Markt ist. In „CONAN x XENIA“ treten sie zusammen auf: Gleichwertige Credits, gleichwertige Parts, gleichwertige Auftritte im Video. Klar, Sexismus ist immer zu kritisieren. Aber solche Momente für Shirin oder Tokischa bringen den Musikmarkt weiter voran. Das Ziel Gleichberechtigung kommt immer näher. Immer öfter bekommen männliche und weibliche Artists gleich große Stücke vom Kuchen - und Frauen entscheiden endlich selbst, wie sie sich an- oder ausziehen möchten in Musikvideos. Und auch wenn das „Ketten-Gate“ ziemlich sicher kalkuliert war, sollten wir hier ausnahmsweise den Shitstorm willkommen heißen. So ein staatsträchtiger Aufschrei bringt den Künstlern und Künstlerinnen nämlich vor allem eines: Aufmerksamkeit, Klicks und am Ende – Geld. Gut so. Money to the women.