Bayern 2 - Zündfunk


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Ärger mit Behörden Dieser Lehrer schmeißt das Referendariat - weil er sonst nicht systemkritisch sein darf

Wer in Bayern Lehrer werden will, muss nicht nur studieren. Der Bayerische Staat erwartet auch ein angemessenes Verhalten. Die Geschichte eines Referendars, der Probleme mit dem Staat bekommen hat, weil ein 13-Jahre alter Rap-Song den Behörden zu staatskritisch war.

Von: Anna Klühspies

Stand: 09.12.2019

Lion Häbler hält ein Mikrofonkabel | Bild: Kai Neunert

Angefangen hat alles im September 2017. Lion Häbler ist damals 33 Jahre alt und hat gerade als Referendar an einer Mittelschule in Traunstein angefangen. Dann haben Schülerinnen und Schüler ihn, den Herrn Häbler unter seinem Pseudonym „Lea-Won“ im Internet gefunden und sich seine Rap-Songs auf YouTube angehört:

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Lea-Won & defoos - Definitionsmacht (Remix) - Official Video-Clip (1280px HD) | Bild: KlaasKlar (via YouTube)

Lea-Won & defoos - Definitionsmacht (Remix) - Official Video-Clip (1280px HD)

In seinen Songs kritisiert „Lea-Won“ Gesellschaft und Politik. Tendenz eher links. Das ist Lion, der Rapper. Aber an der Schule ist er Lehrer und will seine Musik davon trennen. Doch wer ihn googelt, findet seine Songs. Und so fangen nach den Schülern irgendwann auch die Kollegen, das Schulamt, sogar die Regierung von Oberbayern an nachzufragen, was er da als Rapper Lea-Won eigentlich so macht, und vor allem, worum es in seinen Songs geht. Bei solchen Fragen „wird es eben nach und nach doch klar, dass es auch politische Inhalte sind, die manche Personen, die weiter oben stehen, stören“, erzählt Lion Häbler.

Vorladung wegen staatskritischem Deutschrap

2018 wird der Lehrer zum ersten Mal zu einem Gespräch bei der Regierung von Oberbayern vorgeladen, um seine Musik, seine Texte zu erklären. Da hat er noch das Gefühl, man würde ihn verstehen. Im September 2019 wechselt Lion Häbler dann für sein letztes Jahr als Referendar an eine Schule in München. Und der neue Seminarleiter macht ihm ziemlich schnell deutlich, dass Lions Musik ein Problem für die Vorgesetzten ist. Lion Häbler erzählt, dass ihn das damals überrascht habe. Vor allem, wie der Seminarleiter damals mit ihm geredet habe: „Können Sie sich nicht vorstellen, dass eine große Boulevardzeitung mal eine Schlagzeile auspackt, in der dann steht Freistaat bildet Verfassungsfeind aus“, hätte man ihn damals gefragt.

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Lea-Won - Medikamente im Wasser (rappers.in Video-Exclusive) | Bild: rappers.in (via YouTube)

Lea-Won - Medikamente im Wasser (rappers.in Video-Exclusive)

Wir fragen schriftlich nach bei der Regierung von Oberbayern. Es heißt, dass eine solche Aussage in dieser Form nicht getroffen wurde. Die Kritik der Regierung von Oberbayern richtet sich konkret gegen den Song „Ausbürgerungsantrag“ den Lion mit Anfang 20 geschrieben hat. Darin heißt es: „Ich scheiß auf eure Sitten und Werte“ – und damit hatten die Behörden Probleme. „Was dann schnell klar wurde, ist, dass es gar keine große Rolle spielt, ob das Lied 13 Jahre alt ist oder erst drei Jahre alt ist“, erzählt uns Lion. Das Problem sei grundsätzlich, das solche Sätze fallen, nicht ob sich Lion davon distanzieren könnte oder nicht.

Regierung zweifelt an Einhaltung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung

Für Lion Häbler ist der Song eine Polemik auf die damalige Einbürgerungsdebatte der Union. Von seinen Vorgesetzten wird die offenbar aber nicht als solche verstanden. „Dann wurde ziemlich klar gesagt von meinem direkten Vorgesetzten, dass es schon seine Aufgabe ist, darauf zu achten, dass ich verstehe, was von einem bayerischen Beamten erwartet wird“, sagt Lion Häbler. Sonst sei es eben die Aufgabe des Vorgesetzten, alles in seiner Macht Stehende zu tun, die Verbeamtung von Herrn Häbler zu verhindern.

War sogar mal Puls Band der Woche: Rapper Lea Won im Jahr 2012

Kurz nach diesem Gespräch kommt ein offizieller Brief von der Regierung von Oberbayern. Darin steht, dass selbst unter Gewährung der künstlerischen Freiheit der Song „Ausbürgerungsantrag“ Textpassagen enthält, die für die Regierung aus Verfassungs- und beamtenrechtlicher Sicht äußert fragwürdig sind. Lion wird aufgefordert, jegliche Inhalte, die in irgendeiner Weise staatskritische Haltungen zum Ausdruck bringen, unverzüglich zu löschen. Lion Häbler ärgert das: „Wenn es darum geht, dass jegliche öffentliche Äußerung zu unterlassen ist, die eine staatskritische Haltung zeigt, dann klingt das für mich ziemlich disziplinierend und streng. Welche Äußerung ist jetzt staatskritisch oder zu staatskritisch und was ist mit staatskritisch überhaupt gemeint?“

Die Regierung von Oberbayern antwortet uns schriftlich, dass Textpassagen wie „Ich scheiß auf eure Werte und Sitten“ oder „eigentlich bin ich für kein Land – doch als allererstes für die Abschaffung von Bayern“ Zweifel daran nähren, ob sich der Lehramtsanwärter, also Lion,  durch dieses Verhalten noch zur freiheitlich demokratischen Grundordnung bekennt und für deren Einhaltung eintritt. Lehrer hätten eine besondere Vorbildfunktion zu erfüllen – Lions Texte lassen laut Regierung von Oberbayern daran zweifeln, ob er der Achtung und dem Vertrauen gerecht wird, die mit der Stellung eines Lehrers verbunden sind.

Staatsdienst auf dem rechten Auge blind?

Bernhard Baudler kennt diese Argumentation des Freistaats im Umgang mit angehenden Lehrern gut. Er ist Gewerkschaftssekretär bei der GEW, der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft in Bayern. An der Kritik fällt ihm immer wieder eine Sache auf: Sie trete nur dann zu Tage, wenn etwas angeblich zu links ist. „Wir hören das neuerdings auch sogar von den Hochschulen, dass da Themen als Dissertationen nicht mehr zugelassen werden sollen, weil das sei nicht mehr Philosophie, weil zu links“, erzählt Bernhard Baudler.  

In Oberfranken ist seit 2017 ein AfD-Kreisfunktionär Schulleiter einer Mittelschule. Was ist zu links und was zu rechts für den Staatsdienst? Wie viel politische Meinung darf ein Lehrer haben und wie offen darf er damit umgehen? Lehrkräfte sollen Schülerinnen und Schülern dazu ermutigen, ihre eigenen Interessen zu erkennen und sich eine Meinung zu bilden, sagt Bernhard Baudler von der GEW: „Das können sie nicht. Oder es wird ihnen erschwert, wenn sie selber an solchen Zügeln gehalten werden und solche Einschränkungen erdulden müssen.“

Fragt sich nur: Was sind die Konsequenzen? Lion Häbler hatte seinen Song zunächst gelöscht, um seine Verbeamtung nicht zu gefährden. Doch dann habe es angefangen, in ihm zu arbeiten. Es war nicht nur diese Geschichte, sondern viele andere Dinge, die ihn am staatlichen Schulsystem gestört haben. Und so hat er für sich entschieden, das Referendariat verlassen. Er will jetzt an einer Privatschule unterrichten. Und nebenbei rappen, worüber er will.


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