Bayern 2 - Zündfunk

Nia Archives, Eliza Rose, Novaa Diese zwölf Producerinnen müsst ihr 2023 auf dem Schirm haben

Ob auf Bühnen, auf Spotify oder in den Clubs: Vielerorts gilt endlich die Devise "Girls to the front". Und zwar nicht nur als Interpretinnen, sondern auch an den Drummachines, Synthies und Ableton-Softwares. Wir sind uns sicher: An diesen Artists wird es 2023 kein Vorbeikommen geben.

Von: Alba Wilczek

Stand: 09.01.2023

Eliza Rose | Bild: Phoebe Cowley

1. Eliza Rose

Der nächste Export aus Großbritannien, der 2022 groß abgeräumt hat. Zusammen mit dem Producer Interplanetary Criminal releaste Eliza Rose den Track "B.O.T.A", eine von 90ies-House inspirierte Produktion, die die internationalen Charts stürmte und rasend schnell Dancefloor- und TikTok-Hit wurde - mein Song des Jahres. Übrigens: Neben Sonique in 2002 mit "Feels so Good (Remix)" ist Eliza Rose damit erst die zweite weibliche DJ, die die Nummer 1 der britischen Charts erreichen konnte. Wow! Rose begann 2014 mit dem DJing und moderierte über längere Zeit eine Radioshow für das Plattenlabel The Vinyl Factory. Ihr Producer-Debüt "Flame" erschien 2021, housig-bouncige Tracks mit UK-Garage-Einschlag und Elizas warmer souliger Stimme darüber. Und mehr davon ist wohl in Produktion.

2. Nia Archives

Sie bringt Drum n Bass und Jungle zurück in die Clubs. Für mich ist Nia Archives der Shooting Star 2022. Die britische Produzentin, Sängerin und Songwriterin aus dem nordenglischen Leeds lebt jetzt in London und hat letztes Jahr ihre Debüt-EP "Headz Gone West" über ihr eigenes Lable HIJINXX herausgebracht. Dieses Jahr folgten dann mehrere Singles und die zweite EP "Forbidden Feelingz". Nias Produktionen können leise und smooth, aber auch treibend und clubtauglich sein. Nia steht für eine junge Generation Schwarzer Artists, die ihre kulturellen Wurzeln neu interpretieren. Ihr Boiler Room-Set, das sie 2022 in London gespielt hat, ist wirklich großartig und bei den MOBOs (Music Of Black Origin Awards) räumte sie den Preis für Best Electronic/Dance Act ab. Merkt euch Nia Archives!

3. BAMBII

Innovativ, Queer, Schwarz und mit riesigem kulturellem Impact: Die Kanadierin BAMBII aus Toronto könnte die Zukunft der Clubmusik sein. Als DJ tourt sie die Welt, bespielte dieses Jahr unter anderem Coachella, das Berghain, den Boiler Room und viele andere Outlets. Ihr Stil lässt sich als Genrehopping beschreiben. Mühelos switcht sie von Hip-Hop zu Breakbeats, von Baile zu Dancehall. Wichtig dabei immer: For the culture! Über die Zusammehänge, Hintergründe und Social issues rund um Musik, Blackness und das DJsein schreibt sie regelmäßig kurze Rants auf ihrem Instagram-Account. Zuhören und lernen? Macht man bei BAMBII gerne. Ihr Producer-Debüt "NITEVISION", ein pushy Dancehall-Track, perfekt für heiße Nächte in dunklen Clubecken, erschien bereits 2019. Seitdem sind fünf Singles erschienen, auf denen sie mit verschiedenen Künstler*innen kollaboriert, unter anderem mit dem jamaikanisch-amerikanischen Rapper und Producer Beam, der auch auf Beyonces "Renaissance" vertreten ist. Die BAMBII-Ära geht gerade erst los.

4. Salush

Diese Künstlerin ist noch relativ neu in der Szene, erst seit eineinhalb Jahren legt sie auf und produziert. Ihre Tracks bewegen sich irgendwo zwischen Ghettohouse, modernem Techno und 90ies Rave, sie klingen ausproduziert und clean. Bisher hat Salush zwei EPs und einige Singles veröffentlicht. Ihr digitales Zuhause ist die Musik-Plattform Soundcloud, auf der Producer*innen ihre Tracks in Eigenregie hochladen können. Viele sind dort bereits auf sie aufmerksam geworden und feiern Salushs groovig-coolen Produktionen. Salush kommt aus Nürnberg, meiner Heimatstadt. Das finde ich bemerkenswert. Ich frage mich, ob Salush den Weg einiger anderer fränkischen Künstler*innen gehen wird und nach Berlin ziehen wird - auf der Suche nach dem großen Erfolg?

5. horsegiirL

Frisch aus dem Stall des Berliner Live From Earth-Kollektivs stürmte dieses Jahr horsegiirL, die man wohl in der Szene Stella nennt, doch die wahre Identität der Künstlerin kennt man bisher nicht. Zu ihren Sets erscheint horsegiirL mit Pferdemaske und Heugabel und mischt dann Techno mit Hardcore, 90ies Vibes und Hip-Hop-Lyrics zusammen. Ich finde Verkleidungen bei DJs wahnsinnig kitschig, bei horsegiirL wirkt es aber originell und frisch - die 90ies kommen eh gerade wieder zurück. Mal gucken, wie lange sich der Horse-Gag trägt - aber jetzt geht es erstmal los mit der Karriere. Bisher hat die Künstlerin nur eine Hand voll Singles veröffentlicht, darunter unter anderem der Banger "My Barn My Rules", ihr erstes Album soll bald kommen. Na dann: Hotte hü!

6. Novaa

Novaa, hier mit BR Puls Startrampe-Moderator Fridl Achten.

Der Pop braucht Producerinnen wie Novaa: eine der talentiertesten Pop-Artists, die es in Deutschland gerade gibt. Die 26jährige Künstlerin aus Berlin fing bereits mit 11 Jahren an, Songs mit Gitarre und Klavier zu schreiben. Mit 15 fuchste sie sich dann in die Software Ableton rein und brach später ihr Studium an der Popakademie Baden-Württemberg ab, um ihre erste EP zu produzieren. Mehr über sie hat Kollege Fridolin Achten in einer Folge PULS Startrampe über sie herausgefunden. Novaas Veröffentlichungen sind voll und ganz dem Synth-Pop zuzuordnen. Dabei kombiniert sie elektronische Elemente mit orchestralen und anderen organischen Elementen. Herausstechend auch ihre klare, weiche Stimme. Wunderschön! Immer wieder produziert Novaa auch für und mit anderen Künstlerinnen, wie beispielsweise Elena Steri oder Moglii.

7. Cobrah

Ihre Musikkarriere startete in schwedischen Fetisch- und Untergrundclubs, dort spielte COBRAH aus Göteborg ihre experimentelle Musik. Ein paar Jahre später wird ihre Musik nicht nur im Folter-Keller gespielt, sie gehört zu den angesagtesten experimentellen Künstlerin Schwedens. So angesagt, dass sie bereits zusammen mit Charli XCX auf der Bühne stand und für einen Schwedischen Grammy nominiert wurde. In Interviews nennt COBRAH ihre Musik liebevoll "gay workout music", ihre Produktionen triefen nur so vor Sex, Queerness und Selbstbewusstsein, sind irgendwo zwischen EDM, Pop und Rap einzuordnen. Mein aktueller Favorit: Der Track "Brand New Bitch". Nach zwei EPs (2019 und 2021) und mehreren Singles dazwischen, warte ich sehnsüchtig auf ihr erstes Album.

8. Josi Miller

Josi Miller ist wohl der bekannteste Name im deutschen Hip-Hop-DJ-Business, weil sie lange Zeit fast die einzige Frau dort war. Das hat sich heute zum Glück geändert - aber Josi Miller bleibt DER Name, wenn es um Female Turntableism geht. Ich finde ihre Entwicklung bemerkenswert. Ausschlaggebend dafür: die Pandemie. Seit 2020 veröffentlicht sie regelmäßig kleinere und größere Produktionen für Compilations, Filme oder andere Musiker. 2020 war auch das Geburtsjahr ihres eigenen Musikprojekts Import Export, mit dem sie im Frühjahr 2022 die erste EP "Not My Type", gefolgt von der zweiten EP "Snacks" veröffentlicht hat. Die Produktionen sind melancholisch elektronisch, eine schöne Mischung aus HipHop, Breakbeats, Synthies und Millers klarer Stimme, die über allem schwebt.

9. Sofia Kourtesis

Die peruanisch-griechische DJ Sofia Kourtesis kennen wir schon aus einigen Zündfunk-Bestenlisten. Ihre House-Produktionen fühlen sich für mich an, als wär ich in einem Pedro Almodovar-Film gefangen, als wäre es für immer Sommer. Kourtesis ist in Hamburg aufgewachsen, sie lebt und arbeitet allerdings inzwischen in Berlin. Letztes Jahr erschien ihre EP "Fresia Magdalena", dieses Jahr folgten Singles, unter anderem Remixe von einem Song der Band Jungle und von Manu Chao. Hinter ihr liegen im Jahr 2022 eine Tour durch die USA und Europa, ein Besuch bei Boiler Room in Stockholm und viele andere Gigs.

10. Surusinghe

Man weiß noch nicht so viel über Surusinghe, nur, dass sie anscheinend überall ihre Finger drin hat: DJing, Producing, Promotion und Labelmanagement. Die Australierin ist based in London und hat dieses Jahr ihre ersten Singles released. "Good Girls"/"Bad Girls" experimentiert sie mit Bass, Breakbeat, Reggaeton und Techno. Ihre Mixe sind schnell und unberechenbar. Danke, lieber Streaming-Algorithmus, dass du mir dieses Talent ausgespuckt hast. Ab jetzt checke ich täglich ihre Soundcloud-Seite und hoffe auf Neues.

11. Shygirl

Die 29 Jahre alte britische Singer und Songwriterin Blane Muise alias Shygirl wird schon seit einiger Zeit als Shootingstar und „Queen of Cool“ der Londoner Clubszene gefeiert. Shygirl ist eine Pionierin des recht jungen Hyperpops und experimentiert unter anderem mit elektronischem Dancehall-Sound, UK-Garage sowie Rap und R’n‘B Elementen. Sie ist eine Grenzgängerin, sie lebt Genderfluidität und pfeift auf Normen. Vor allem in ihrer Musik. Ihre Tracks liefern auf Kampagnen von Rihannas Modelabel Fenty und bei Mugler und Shygirl glänzte als Covergirl auf namenhaften Magazinen mit extravaganten Looks – ganz nebenbei wurde sie im vergangenen Jahr in die Forbes-Liste Europas „30 under 30“ aufgenommen. Wir behalten sie auf jeden Fall auf dem Radar. 

Text von Stephanie Zilz, aus der Album-Rezension zu Shygirls Platte "NYMPH", dieses Jahr Zündfunk Album der Woche.

12. UNIIQU3

Als der Rapper Drake im Spätsommer 2022 sein neues Album veröffentlichte, sprach man ausführlich über einen seiner Einflüsse: Jersey Club. Aggressive, schnelle Produktionen, rund um die 130-140 BpM, mit abgehackten Samples, viel Kickdrum und Stacchato-Groove. Das Genre hat seinen Ursprung in New Jersey, zieht Inspiration aus der Baltimore Club Music und aus der New Orlean'schen Bounce Musik. Ein New Jersey Local ist auch die Künstlerin UNIIQU3, eine der begabtesten Producerinnen, die Amerika gerade zu bieten hat. In Szenekreisen wird sie die "Worl Wide Ambassador of Jersey Club" genannt. UNIIQU3 macht bereits seit 2015 Musik, nach drei EPS und vielen Singles gewann sie 2021 einen Grammy für ihren Track "Microdosing". Verdient.

Disclaimer: Es gibt natürlich noch viel mehr talentierte FLINTA*-Producer*innen da draußen. Bitte auch unbedingt ausschecken: Arca, Logic100, Elkka, DJ Gigola, Anz, und HAAi.