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Leere Clubs und Schanigärten in München Diese Männer dokumentieren das Gesicht der Corona-Stadt mit Fotos

Die Clubs sind dicht, stattdessen tanzen die Menschen an Flüssen oder öffentlichen Plätzen. Corona hat 2020 einiges verändert, jetzt wurde das neue Gesicht der Stadt München erstmals mit Fotos dokumentiert.

Von: Anna Klühspies

Stand: 04.09.2020

Freischankfläche in München | Bild: Alexander Fthenakis

Christian Schmidt ist 42 und eigentlich freiberuflicher Grafikdesigner. Doch in den letzten Monaten hat es ihn immer wieder mitten in der Nacht auf die Straßen Münchens getrieben. Um Fotos zu schießen von leeren Münchner Clubs und Bars, während des sogenannten Lockdowns: „Dieses Nachtleben, die Clubs. Wenn es das nicht mehr gibt, verlieren wir was ganz Wichtiges und was der Mensch eigentlich unbedingt braucht.“

Das erste Motiv: die Gruam, eine klitzekleine Eckkneipe im Schlachthofviertel. Hier tanzte man immer Rücken an Rücken und draußen standen mindestens so viele Menschen wie drinnen. Auf Christians Foto ist weit und breit kein Mensch vor der Gruam zu sehen. Nur das Straßenlicht spiegelt sich im regennassen Asphalt.

Geschlossene Gesellschaft - eine melancholische Ausstellung

Leere Kneipe "Gruam" in der Thalkirchner Straße in München

Die Idee sei ihm ersten auf den zweiten oder dritten Blick gekommen, sagt er. „Wenn man da mal drüber nachdenkt: Was stimmte nicht? Es ist ja eigentlich wie ein Suchbild. Da fehlen fahrende Autos, da fehlt der Mensch, das Publikum, der Raucher, wer auch immer.“

Beim Anblick der verrammelten Clubs kriecht die Melancholie in einem hoch. 86 Clubs und Bars hat Christian in den letzten Monaten fotografiert, jetzt will er so viele Fotografien wie möglich verkaufen und den Erlös an die betroffenen Clubs spenden, die um ihre Existenz kämpfen. Schließlich sei es eine schwierige Zeit für die Betreiber von Clubs und Bars, „die ein bisschen im Regen stehen gelassen werden.“ Niemand helfe ihnen weiter, meint Christian Schmid.

Von geschlossenen Clubs zur offenen Gesellschaft

Aber immerhin: Das Feiervolk ist inzwischen weitergezogen, hat den öffentlichen Raum zur Party erkoren. Der Gärtnerplatz ist jetzt Treffpunkt trinkender Jugendlicher und die Isar Hotspot für illegale Raves. Während Corona-bedingt die Clubs geschlossen bleiben, öffnet sich an einer anderen Stelle die Gesellschaft, seit dem Sommer ist eine erstaunliche Beobachtung in München zu machen: Über Nacht verwandeln sich Parkplätze in Freischankflächen von Restaurants und Bars. Diese sogenannten Schanigärten dringen in ein Territorium vor, das in der Stadt sonst immer den Autos vorbehalten war: Die Straße.

Die meisten Schanigärten würden voller angefertigter Details stecken, sagt Alexander Fthenakis, Münchner und Architekt. „Es werden Holzbretter und andere Elemente zusammengebaut zu einer eigenen Konstruktion, die eigens für den Laden designt ist.“ Zusammen mit Lukas Kubina, Journalist und Verleger sitzt Alexander Fthenakis in einem Schanigarten in der Pestalozzistraße. Mehrere Parkplätze wurden dafür freigeräumt, ein grüner Zaun grenzt die Freifläche von der Straße ab, grüne Stühle stehen hier an grünen Tischen mit schwarz-weiß karierten Tischdecken.

Schanigärten retten Gastronomie - vorerst

Titel der Ausstellung "geschlossene Gesellschaft"

Seit Mai können Gastronomiebetriebe bei der Stadt Schanigärten beantragen und selbst gestalten. Mal sind die Freiflächen mit bunten Flatterbändern geschmückt, mal ist der Zaun mit Blumen behangen oder in puristischem Weiß gehalten. Seit Juni ziehen Alexander Fthenakis und Lukas Kubina mit einer Kamera durch die Stadt, um diese neu entstandene Architektur zu dokumentieren. Alexander Fthenakis sagt: „Man kann am Schanigarten ablesen, wie viel Herz und wie viel Seele auch hinter einem gastronomischen Betrieb steckt.“ Die Wirte seien bereit, mehr zu investieren.

Und so haben die beiden auch schon den ein oder anderen Luxus-Schani entdeckt, München halt. Eigentlich soll am 30. September Schluss damit sein. Aber viele Münchner haben die bunten Straßengärten liebgewonnen und auch die zweite Bürgermeisterin Katrin Habenschaden spricht sich für eine dauerhafte Etablierung aus. Alexander Fthenakis und Lukas Kubina werden ihre gesammelten Schani-Fotografien in einem Buch veröffentlichen. Als zeitgeschichtliches Dokument des Schani-Sommers 2020 in München und als Beispiel, „dass es möglich ist Freiräume aufzutun, die erstmal als unantastbar gelten.“ Eine Stadt wie München brauche diese Freiräume – und die gäbe es im Moment kaum.

Das Buch „Shanitown – eine Momentaufnahme“ von Alexander Fthenakis erscheint am 1.10.2020 bei Sorry Press. Die Austellung „geschlossene Gesellschaft“ von Christian Schmid kann man sich ab dem 5. bis 27. September im Farbenladen im Feierwerk München oder in der Boulangerie Dom Pierre in der Schellingstraße anschauen.


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