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Festival-Saison Vier Ideen, die Festivals nachhaltiger machen

Endlich wieder Festivals: Von Rock am Ring bis Rock im Park schnauft und dampft die Festival-Maschine wieder – und bläst dabei tonnenweise CO2 in die Luft. Dabei gibt es längst Ideen, wie es auch anders geht.

Von: Sandra Limoncini

Stand: 07.06.2022

Eine Frau räumt auf nach dem Roskilde-Festival 2019: Etwa 130.000 Gäste hinterließen kaputte Zelte, Schlafsäcke und Plastiktüten | Bild: picture alliance / Ritzau Scanpix | Mads Claus Rasmussen

Kaputte Zelte, Bierdosen, Plastikbecher: Eindrucksvoller als jede Bühnenshow sind die Bilder von Müllbergen nach Festivals. Dazu die Anreise von Bands und ihrer Entourage, von Crews und Publikum – einmal über den Atlantik, um drei Tage zu feiern. Doch die Festival- und Konzertbranche versucht seit Jahren ihr Image als Klimasünderin loszuwerden. Coldplay hat zuletzt mit einer besonders klimafreundlichen Welttournee geworben – und wurde für Greenwashing kritisiert. Rock am Ring setzt auf Mehrwegbecher. Auch Rock im Park, Wacken, Coachella, Roskilde und das Modular-Festival steuern wie viele weitere Festivals gegen. Aber geht das überhaupt, ein klimafreundliches Festival?

Über welche Nachhaltigkeit reden wir eigentlich?

„Die nachhaltigste Veranstaltung ist die, die nicht stattfindet“, meint Patrick Jung. „Zumindest unter ökologischen Gesichtspunkten.“ Was der Leiter des Modular-Festivals in Augsburg da sagt, klingt ernüchternd: Okay, passt, Thema erledigt. Dann halt keine Festivals mehr. Nur, alles abzublasen kann selbstverständlich keine Lösung sein. Denn Nachhaltigkeit ist nicht nur eine Frage des Klimas, so Festival-Leiter Jung: „Es ist wichtig zu verstehen, dass Nachhaltigkeit nicht nur ökologische, sondern auch ökonomische, kulturelle und soziale Aspekte beinhaltet.“

Ab und zu sei es wichtig und richtig, so der Festival-Leiter, den ökologischen Aspekt zugunsten anderer Aspekte zu vernachlässigen. Festivals spülten beispielsweise Geld in die Kassen einer Kommune und sie könnten Menschen motivieren, sich in Vereinen oder Kulturzentren zu engagieren. „Das hat genauso Bedeutung wie das Ökologische – oder vielleicht sogar etwas mehr “, sagt Jung. Und doch tut sein Modular-Festival, das am Wochenende in Augsburg stattfand, schon einiges fürs Klima – ebenso wie andere Festivals. Mit ihren klimafreundlichen Ideen könnten sie zum Vorbild werden.  

Idee 1: Grüne Energie

Ökologisch wurde in den letzten Jahrzehnten schon viel unternommen. Wacken arbeitet beispielsweise an einem nachhaltigen Energiemodell mit Wind- und Sonnenenergie, um die Versorgung so klimaneutral wie möglich zu gestalten. Oder das Schweizer One-Of-A-Million-Festival: Das nennt sich bereits seit 2017 stolz „klimaneutral“. Durch den Einkauf von Klimazertifikaten lagert es die Einsparung von Emissionen ganz einfach auf andere Projekte aus.

Idee 2: Weniger Müll

Ob das Lametta auf dem Modular-Festival auch recyclebar ist?

Sanne Stephansen vom Roskilde-Festival in Dänemark erklärt, wie Klimaschutz bei ihnen begonnen hat: „Zuerst haben wir uns auf übergeordnete Ziele geeinigt, wo wir in ein paar Jahren sein wollen.“ Bis zum Jahr 2024 will das Roskilde-Festival seinen Müll um 30 Prozent verringern, das sind rund 600 Tonnen. „Und dann wollen wir auch schauen, wie viel vom Plastikmüll auf dem Campingplatz recyclebar ist“, sagt Stephansen.  

Auf dem Modular-Festival wird seit 2015 der Müll getrennt, damit konnte man die 20 Tonnen Restmüll auf unter fünf Tonnen reduzieren. Das bedeutet aber nicht, dass grundsätzlich weniger Müll produziert wird, sondern nur, dass Plastik-, Glas- und Papier-Müll wieder in die Kreislaufwirtschaft zurückkommt. Spannend ist laut Festival-Leiter Patrick Jung aber ein anderer Klimaaspekt, den viele Festival-Besucher und -Besucherinnen vermutlich gar nicht so auf dem Zettel haben: das Essen. 

Idee 3: Guten Appetit!

„41 Prozent unserer Emissionen kommen durch die Verpflegung“, sagt Patrick Jung vom Modular-Festival. „Dass wir durch Getränke und Speisen, die wir während der Veranstaltung konsumieren, über 100 Tonnen CO2 produzieren, ist vermutlich den wenigsten bewusst.“ Und so ist eine entscheidende Möglichkeit, CO2 einzusparen, der berühmte Mut zur Lücke: das Fleisch weglassen.

Als das Augsburger Modular-Festival vor einigen Jahren einen CO2-Rechner erstellt hat, kam laut Jung heraus: „Wenn wir rein vegetarisch-vegane Speisen anbieten, könnten wir einen mittelhohen, zweistelligen Tonnenbetrag an Kohlendioxid einsparen.“ Ein Beitrag der deutlich effektiver sei als die Einsparungen beim Müll. Und: „Zwei Drittel unserer Besuchenden würden es befürworten, wenn wir auf ausschließlich fleischfreies Essen setzen.“

Idee 4: Klimafreundlicher Verkehr

Zu Fuß zur Bühnel – beim Modular-Festival in Augsburg ist das möglich.

Der größte Posten ist aber immer noch der CO2-Ausstoß, den der mit Festivals verbundene Verkehr verursacht. Hunderttausende Musikfans reisen während der Festivalsaison um die Welt. Gerne mit dem Flugzeug oder Auto. Das betrifft das Modular-Festival nicht wirklich, weil es lokal in Augsburg stattfindet und die meisten mit dem Fahrrad, der Bahn oder tatsächlich zu Fuß kommen.

Aber was, wenn Fans aus aller Welt unterwegs sind? Das Roskilde-Festival hat sich etwas einfallen lassen, um die Besucherströme klimaneutral aufs Gelände zu bekommen. „Wir haben seit vier Jahren einen eigenen Bahnhof für unser Festival“, erzählt Sanne Stephanson. So kann man direkt mit dem Zug zum Campingplatz fahren. Zudem ist Roskilde eine größere dänische Gemeinde mit gut ausgebautem Nahverkehr, viele Busse fahren hier elektrisch. „Und wir stellen natürlich, wenn wir 130.000 Menschen erwarten, mehr Busse zur Verfügung“, sagt Stephanson. Zwar seien nicht alle davon elektrisch: „Aber wir machen viel, um den öffentlichen Nahverkehr zu unterstützen.“

Wenn Ende Juni das diesjährige Roskilde-Festival stattfindet, dann wird alles genau gemessen und festgehalten: die Müllberge, der CO2-Ausstoß. Sie wollen noch besser werden, noch klimaneutraler und noch umsichtiger feiern. Denn hart zu feiern und live Musik zu hören – und auf seinen ökologischen Fußabdruck zu achten, geht beides. Ganz sicher.