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Von wegen schlechtes Filmjahrzehnt Die fünf unterschätztesten Filme aus den 90ern, die man sich heute unbedingt nochmal anschauen sollte

Geschlechterklischees, Rassismus, überzogene Männlichkeit. Das wird den Filmen der 90er immer wieder nachgesagt. Nicht ganz zu Unrecht. Doch neben Geballer und Klischees gibt es ein paar Ausreißer, die den Zeitgeist heute fast noch besser treffen als früher.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 02.10.2019

Der Gigant aus dem All und sein Freund | Bild: dpa Film Warner

In unserem Filmgedächtnis sehen die 90er Jahre ungefähr so aus: Ein Actionheld, wahlweise Sylvester Stallone oder Arnold Schwarzenegger, ballert sich durch eine Horde gemeiner Russen – und rettet eine kreischende Blondine aus den Fängen des bösen sowjetischen Generals. Doch Überraschung: Nicht alle Filme der 90er sind so platt, klischeebehaftet und aus der Zeit gefallen, wie wir denken. Neben den Rambos und Bravehearts dieser Zeit gibt es auch Filme, die uns heute noch immer begeistern können – und den Zeitgeist mit ihren Geschichten heute besser treffen als je zuvor.

I. Der Gigant aus dem All

Für alle, die „Der Gigant aus dem All“ im Jahre 1999 im Kino gesehen haben, ist der Science-Fiction-Animationsfilm Kult. Die beiden Protagonisten: Der neunjährige Junge Hogarth Hughes und ein 20 Meter großes Alien aus Metall, das aus dem Weltall auf die Erde gefallen ist. Ähnlich wie im Film „E.T.“ stößt Hogarth eher zufällig auf den Iron Giant, vor dem er sich zunächst wahnsinnig fürchtet. Schnell stellt er jedoch fest, dass das Alien gar nicht so bösartig ist, wie alle denken. Denn obwohl er mit Lasern schießen kann und sich etliche Maschinenpistolen in seiner Rüstung verbergen, hat der Gigant ein sanftmütiges Wesen – und ein moralisches Gewissen.

Außer Hogarth will das aber niemand verstehen. Vor allem nicht das US-Militär. Die glauben nämlich, der „Iron Giant“ sei eine sowjetische Massenvernichtungswaffe. Also beschließen die Soldaten, sich nicht mit dem Riesen anzufreunden, sondern eine Atombombe auf ihn zu schießen.

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The Iron Giant Intercept the Missile and Save the City | The Iron Giant (1999 Film) | Bild: The Planet Clips (via YouTube)

The Iron Giant Intercept the Missile and Save the City | The Iron Giant (1999 Film)

Obwohl „Der Gigant aus dem All“ ein Kinderfilm ist, ist er gleichzeitig auch ein Lehrstück über Xenophobie. Wie kaum ein Film persifliert er die Angst vor dem Fremden. Dabei will das, was so gefährlich aussieht, doch eigentlich nur Freunde finden. Obwohl das große Thema des Films der Sputnik-Schock und die Angst vor Sowjetischen Atomraketen sind, trifft er den Zeitgeist mit seiner Botschaft heute fast noch besser als damals. Denn angesichts des immer stärker werdenden Rechtspopulismus und der vielen Vorurteile gegen Fremde, ist seine Message heute vielleicht wichtiger als jemals zuvor.

II. Gattaca

Klar. Irgendein Film, der schon in den Neunzigern „in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft“ spielt, muss zwangsläufig auf einer Liste von Filmen von damals sein, die heute aktuell geworden sind. Et voilà: „Gattaca“ hat sich durchgesetzt.

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Gattaca - Trailer | Bild: Gattaca - Trailer (via YouTube)

Gattaca - Trailer

In „Gattaca“ haben die Menschen bahnbrechende Fortschritte in der Gentechnik erreicht. Dadurch hat sich jedoch eine Zweiklassengesellschaft gebildet: Auf der einen Seite stehen die „einwandfreien“ Menschen, die sich durch In-Vitro-Zeugung bester Lebenserwartung erfreuen dürfen, auf der anderen die „Gotteskinder“ – ein Euphemismus für natürlich gezeugte Menschen. In der Gesellschaft von „Gattaca“ werden die Gotteskinder stark benachteiligt, haben es schwerer, Partner oder einen Job zu finden. Angesichts der aktuellen Fortschritte in der Gentechnik und der CRISPR/Cas-Methode, die es ermöglicht, Genstränge zu manipulieren, wirkt die Dystopie von „Gattaca“ mittlerweile realistischer denn je.

III. Dogma

Bei der Bergtour einen entgegenkommenden Wandersmann einmal mit „Grüß Göttin“ begrüßen. Das wäre doch lustig. Der Film „Dogma“ aus dem Jahr 1999 setzt all das und noch viel mehr in die Tat um.

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Dogma trailer | Bild: pbiasizzo (via YouTube)

Dogma trailer

Weil in „Dogma“ so herrlich auf allen Traditionen und Konventionen der Kirche herumgehackt wird, Propheten mexikanische Drogendealer sind, Racheengel sich in Pulp Fiction-Manier durch die USA ballern und uns den in der Bibel unterschlagenen, dreizehnten und schwarzen Propheten vorstellt, trifft er den Zeitgeist heute immer noch ziemlich gut. Vielleicht ist Gott Alanis Morisette, vielleicht will sie auch einfach nur ihre Ruhe haben und Golf spielen. In "Dogma" ist all das möglich und jeder darf glauben, was er will. In Zeiten, in denen erzkatholische Lebensschützer auf die Straße gehen und gegen Abtreibungen demonstrieren, tun wir gut daran, uns hin und wieder auf die Couch zu setzen und uns über einen Film wie „Dogma“ schlapp zu lachen.

IV. Ein Schweinchen namens Babe

Ach, wer hat den Film damals nicht geliebt. Darf ich Mama zu dir sagen? Das war doch das Süßeste überhaupt.

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Ein Schweinchen namens Babe - Trailer (1995) | Bild: DerFilmReZenSenT (via YouTube)

Ein Schweinchen namens Babe - Trailer (1995)

Aber warum ist der Film auf dieser Liste? Nichts trifft den Zeitgeist besser als ein sprechendes Schwein, das ein Hirtenhund sein will. "Sei, wer du sein willst", ist die Botschaft von „Ein Schweinchen namens Babe." Und das macht den süßen Babe doch viel queerer als die meisten anderen Filmprotagonisten der 90er. Außerdem kann man dem Schweinchen Babe auch eine subtile Kritik an der Massentierhaltung zuschreiben. Als Babe nämlich erfährt, dass die Idylle des Schweinestalls, in die es sich immer zurückwünscht, in Wahrheit zur Schlachtung führt, bricht für ihn eine Welt zusammen. Wer da kein Vegetarier werden will, dem ist auch nicht mehr zu helfen.

V. Matrix

Klassiker, der einfach auf jede gute 90er-Filmliste muss. Dass Matrix der fünfte und letzte Film dieser Liste ist, liegt aber nicht an den coolen Sonnenbrillen oder den Special Effects, die auch 2019 noch Hammer aussehen. Hier soll es mehr um die philosophischen Fragen des Films gehen. Wer erinnert sich nicht an die Szene, in der Morpheus Neo vor die Wahl stellt: „Nimm die blaue Pille und du wachst in deinem Bett auf und glaubst, was immer du glauben willst. Nimmst du aber die rote Pille, werde ich dir zeigen, wie tief das Kaninchenloch reicht.“

Neo nimmt die rote Pille, erwacht aus seinem Dornröschenschlaf und sieht, wie beschissen es um die Welt steht. In der Matrix selbst ist er daraufhin plötzlich Außenseiter und muss gegen Menschen kämpfen, die ihre vermeintliche Realität beschützen. Sie tun das, weil sie, wie Morpheus sagt, „so hemmungslos abhängig von der Matrix sind.“ Ein Leben in der tatsächlichen Realität können sie sich nicht mehr vorstellen.

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The Matrix (1999) Official Trailer #1 - Sci-Fi Action Movie | Bild: Movieclips Classic Trailers (via YouTube)

The Matrix (1999) Official Trailer #1 - Sci-Fi Action Movie

Wenn wir "Matrix" heute sehen, fühlen wir uns unweigerlich erinnert an die heutige politische Situation. Wissenschaftler*innen zeigen, dass die Welt aufgrund der bevorstehenden Klimakatastrophe kurz vor dem Kollaps steht oder bereits gar nicht mehr zu retten ist. Trotzdem leugnen viele den Klimawandel, sprechen von "Klimahysterie" oder "Öko-Diktatur". Diese Positionen müssen wir nicht mögen und bis jetzt haben wir auch nicht verstanden, warum manche Menschen so hartnäckig an ihrem Zweit-SUV oder ihrem Bali-Sommerurlaub festhalten. Wenn wir aber heute "Matrix" schauen, dann wird uns zumindest klar, warum nicht jeder der Auserwählte sein kann und warum es immer auch diejenigen gibt, die sich für die blaue Pille entscheiden.


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