Bayern 2 - Zündfunk


28

Literaturtipps Diese Bücher bringen euch durch die Quarantäne

Macht doch mal Pause vom Internet. Wir haben unsere Lieblingsbücher wieder aus dem Schrank genommen und üben uns in Eskapismus. Mithilfe von Abbas Khider, Sibylle Berg, Debbie Harry, Ocean Vuong, Christa Wolf, Mark Fisher, Young-Ha Kim, Ahmed Saadawi, Don Winslow, Katja Lewina und Georg M. Oswald.

Von: Michael Bartle, Franziska Timmer, Laura Freisberg, Florian Fricke, Katja Engelhardt

Stand: 24.03.2020

Debbie Harry und Chris Stein | Bild: Dave Hogan

ABBAS KHIDER: Palast der Miserablen (Hanser-Verlag)

Sham, der Ich-Erzähler in Abbas Khiders neuem Buch, wächst in einem kleinen Dorf im Süden des Irak auf. Erlebt mit großen Augen, aber kindlicher Unschuld nacheinander den Irak-Iran Krieg, den irakischen Einmarsch in Kuwait und einen Typen namens Bush, der die Region mit donnernden Bomben erzittern lässt. Weil die Situation im Dorf immer schwieriger und unübersichtlicher wird, packt Shams Vater die vierköpfige Familie und versucht sein Glück in Bagdad. Und dort setzt die Geschichte erst so richtig ein: Wir sind dabei, wie die zunächst obdach- und mittellose Familie in einem abgelegenen Blechviertel noch weit hinter der neuen Trabantenstadt "Saddam City" anheuert, wie sie wie Tausende anderer Familien ein Haus baut – aus den verwertbaren Teilen der benachbarten Müllkippe. Wir begleiten den langsam pubertierenden Sham im Kampf gegen Kleinstgangster und im Kampf gegen seine aufkeimende Sexualität. Sind dabei, wie seine Schwester die halbe Region in Aufruhr versetzt, Sham langsam in Regime-kritische Literaturzirkel eingeführt wird, Saddam und seine degenerierten Söhne Udai und Kussei aber weiterhin mit aller Brutalität das irakische Volk traktieren.

Obwohl der schelmenhafte Ton uns in eine gewisse touristisch-voyeuristische Komfortzone beamt, wissen wir: diesem verschmitzt-unzuverlässigen Erzähler können wir nicht ganz trauen. Denn dass die Geschichte nicht gut enden kann, das machen Interludes klar, in denen sich ein nun erwachsener Erzähler im Kerker befindet. Abbas Khider, der 1996 aus dem Irak geflohen ist und seit 2000 in Deutschland lebt und schreibt, hat wieder einen wunderbar liebevollen Roman rausgehauen – sozusagen die Vorgeschichte zum Buch "Ohrfeige", in dem er über sein höchst seltsames Ankommen als Geflüchteter in Deutschland berichtet.

"Palast der Miserablen" bringt uns nun nach Bagdad, in eine der Megacities, die brummen und stinken, eine Stadt, die die Armen und die Neuankömmlinge an die Ränder drängt und dort sich selbst überlässt, deren korrupte Exekutive aber immer dann hart durchgreift, wenn es ihr gerade in den Kram passt. Geschrieben ohne Moral-Hammer, komplett unverbittert, und voller Wertschätzung für und Solidarität mit all den Überlebenskünstlern, die aus Scheiße ein Leben bauen, das aber nur solange hält, wie es niemand zerschlägt. (Michael Bartle)

OCEAN VUONG: Auf Erden sind wir kurz grandios (Hanser-Verlag)

OCEAN VUONG: Auf Erden sind wir kurz grandios | Bild: Hanser

Schon ein paar Monate draußen, tatsächlich aber in grandioser Sprache: Der autofiktionale Migrations-Roman von Ocean Vuong, aus Saigon mit seiner gewalttätigen und traumatisierten Mutter, Tante und Großmutter in die USA emigriert, dort eine neue Sprache und eine erste queere Liebe findend, während seine analphabetische Mutter so eifrig wie verstört versucht, die neuen Regeln in einer für sie noch fremderen Zunge zu verstehen. Ich bin sonst immer etwas skeptisch, wenn Autor*Innen mehr oder weniger narzisstisch Sprache neu behauen wollen, aber so einleuchtend und überraschend neu habt Ihr eine Geschichte vom Ankommen, von Häutungen, von Brutalität und Nähe bisher noch nicht gelesen. Ocean Vuong, erst 32 Jahre alt, ist zurecht einer der Shooting-Stars der US-amerikanischen Literatur. (Michael Bartle)

Mark Fisher - K-Punk (Edition Tiamat)

Die Werkliste von Mark Fisher ist für einen so vielseitigen und produktiven Denker sehr überschaubar. Das liegt vor allem daran, dass sich Fisher im akademischen Umfeld nicht nur unwohl fühlte, es machte ihn depressiv. Erst das Internet bzw die Blogosphäre bot dem sensiblen und viel zu früh verstorbenen Kulturtheoretiker einen Raum, in dem er sich frei entfalten konnte.

Nun sind ausgewählte Texte seines Blogs „K-Punk“ in deutscher Übersetzung erschienen. Man hat bei Fisher - bei aller Komplexität seiner Gedankengänge -  nie das Gefühl, an einer Überdosis Theorie zu vertrocknen. Jeder Text ist eine Einladung zu einem geistigen Dialog. Das Arbeiterkind musste sich selber viel aneignen (oder war auf Zufälle angewiesen wie diesen, als seine unbelesenen Eltern ihm Kafka zu Weihnachten schenkten, weil sie annahmen, dass das irgendwie passen könnte), intellektuelle Standesdünkel sind ihm fremd. Wie kein anderer konnte Fisher die gegenwärtige Kulturproduktion sezieren, Bezüge herstellen und Kontexte setzen. Dabei kannte er keine Grenzen, trashige TV-Serien regten ihn genauso an wie die dystopische Melancholie des Post-Step-Musikers Burial. Und diese permanente Anregung zum tiefen kritischen Diskurs ist mehr als ansteckend. (Florian Fricke)

Debbie Harry: Face It (Heyne Hardcore)

Schon klar, dass diese Empfehlung kommen musste, ich war ja nicht ganz umsonst mit 13 Jahren im Blondie-Fanclub. Aber Debbie Harrys Autobiografie füttert nicht nur die Fans ihrer Band „Blondie“ – immer wieder bekommen wir auch grandiose Einblicke in das New York der 70er Jahre, eine der besten und kreativsten Phasen der Stadt, auch oder weil die Stadt ein einziger Schrotthaufen war – hier eine Textprobe:

Debbie Harry und Chris Stein

"Im Erdgeschoss unseres Hauses war ein Schnapsladen. Die Kunden nutzten unseren Hauseingang als Klo, der Gestank ihrer Pisse zog hoch in unsere Wohnung. Einmal fanden wir einen toten Säufer auf dem Bürgersteig. Wir gaben unsere Wohnung auf, als zum dritten Mal dort eingebrochen wurde. Im Sommer 1975 streikte die Müllabfuhr. New York stand kurz vor dem Bankrott. Der Müll verrottete tonnenweise auf der Straße. Die Kids steckten Müllhaufen in Brand und öffneten die Hydranten, woraufhin der ganze Müll die Straßen runterlief. Blondie spielte den ganzen Sommer über Konzerte mit Television, den Miamis, den Marbles und den Ramones. Für langfristige Pläne blieb keine Zeit. Es ging ums Überleben." (Michael Bartle)

Young-Ha Kim: Aufzeichnungen eines Serienmörders (Cass Verlag)

Herr Kim ist 70 Jahre alt, war einmal Tierarzt, vor allem aber auch: Serienmörder. Eigentlich hat er diese Zeit hinter sich gelassen. Weil er seine Tochter von einem Fremden bedroht sieht, muss er noch einmal töten. Seine beginnende Demenz erschwert allerdings nicht nur dieses Vorhaben, sondern auch seinen Alltag. Wir lesen seine (auch durchaus witzigen) Notizen, die er sich gemacht hat, um sich nicht vollständig selbst zu verlieren und verfolgen seine Gedanken. Wer nach fünf Minuten in der Küche nicht mehr weiß, dass er einen Tee aussetzen wollte. Kennt weder Vergangenheit, noch Zukunft - und ist verloren in der Gegenwart. (Katja Engelhardt)

Ahmed Saadawi -Frankenstein in Bagdad (Assoziation A Verlag)

Ahmed Saadawi

Noch eine Geschichte aus dem Irak: Nachdem Saddam Hussein gestürzt wurde, sich das Leben aber kaum beruhigt hat, geschehen seltsame Morde in der Stadt. Sie sind anders als die alltäglich gewordenen Anschläge. Urheber scheint ein vom lokalen Geschichtenerzähler aus Leichenteilen zusammengesetzter Mann zu sein. Dass besagter Geschichtenerzähler überhaupt unbeobachtet derart viel Material sammeln kann, ist gruselig genug und noch nicht das Ende dieses Romans zwischen Realität und Mystik. (Katja Engelhardt)

Don Winslow: Jahre des Jägers (Droemer)

Lasst Euch bitte weder von dem trashigen Cover noch von den knapp 1000 Seiten abschrecken – Ihr habt ja im Moment genug Zeit. „Jahre des Jägers“ ist das furiose Finale von Winslows dreiteiligen Epos über den mexikanisch-amerikanischen Drogenkrieg. Der US-Drogenfahnder Art Keller steht vor der Aufgabe seines Lebens: der War On Drugs ist gescheitert, so viele Amis wie noch nie sind opiatabhängig. Die mächtigen mexikanischen Drogenkartelle versuchen, die amerikanische Regierung zu unterwandern – an deren Spitze ein seltsamer neuer Präsident steht. Offenbar ist auch dessen Schwiegersohn (ziemlich klar erkennbar: Jared Kushner) finanziell mit der mexikanischen Drogenmafia verbandelt. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen, bald hat Keller nicht nur die Mexikaner an der Backe, sondern auch seine eigene Regierung. Das Buch ist um Längen besser als die in der letzten Staffel doch etwas redundante Narcos-Serie, weil jetziger, dramaturgisch klüger und mit der überzeugenderen Hauptfigur. Und nein: ihr müsst nicht, könnt aber direkt mit diesem letzten Teil einsteigen, der dritte und letzte Teil ist der Beste von Winslows Trilogie. (Michael Bartle)

Sybille Berg: Grm (Kipeneheuer & Witsch)

Auch dieser Roman ist nicht mehr ganz neu, auch dieser Roman ist ein Page-Turner. Und literarisch noch eine Nummer anspruchsvoller als Winslow. "Wenn ein Film eine Agenda hat", sagte mal der große italienische Regisseur Paolo Sorrentino, "dann schalt ich ab!" Was für Filme richtig sein mag, das gilt für diesen Roman (?) von Sybille Berg nicht. Keine Ahnung, wann und wie sie das gemacht hat, in welchen fiebrigen Nächten sie "Grm" geschrieben hat, aber es ist alles drin, worüber wir heute diskutieren. Der Post-Brexit und die Poulisten, Hate-Speech, die prekäre und abgehängte (britische) Arbeiterklasse, ein kaputt gespartes Gesundheitssystem, von Spekulanten vergessene, runtergerockte Bruchbuden, der Neoliberalismus hat in UK ganze Arbeit geleistet. (Häusliche) Gewalt, Armut, Ausweg- und Hoffnungslosigkeit bestimmen auch die Welt von vier Teenagern. Sie entdecken für sich das musikalische Genre „Grime“, die größte musikalische Revolution in England seit Punk. Hauen ab nach London, wo, anders als in ihrer Heimat Rochdale, ein perfekt choreografierter Überwachungsstaat tanzt und starten dort ihre eigene Revolution. Wer Ken Loach-Filme schätzt, sie manchmal aber einen Ticken zu kunstlos, zu sozialdemokratisch erzählt findet, der ist bei Sybille Berg richtig. Eine gnadenlos, aber virtuos erzählte Kampfschrift, manchmal so hämmernd redundant wie Grime, aber immer mit viel Zärtlichkeit auf der Seite der Kämpfer*Innen. (Michael Bartle)   

Georg M. Oswald: Vorleben (Piper)

"Warum schöpft man Verdacht gegen jemanden, den man liebt ? Und ab wann ? Und wenn man es tut, warum folgt man diesem Verdacht?". So beginnt der neue Roman des Münchner Juristen Georg M. Oswald, einen Autor, den ich immer verlässlich gerne lese. Sophia, Journalistin, 38 Jahre und gerade in einer beruflichen Krise, erhält den Auftrag, für das Jahresprogrammheft des BR-Symphonieorchesters Artikel zu schreiben. Dabei lernt sie den zehn Jahre älteren Weltklasse-Cellisten Daniel kennen. Der Mann hat eine edle Dachgeschosswohnung im teuren Münchner Glockenbachviertel. Sie verknallt sich in ihm, wird seinen Eltern vorgestellt. Doch irgendwas stimmt nicht ganz mit Daniel, ist der Typ ein Hochstapler? In welcher Beziehung stand er zu Nadja, die vor 30 Jahren einem Verbrechen zum Opfer fiel? Sophias fast verschwundener Jagdinstinkt ist geweckt, als Daniel auf einer Auslandsreise ist, beginnt sie, seine Vergangenheit auseinander zu nehmen. Und Seite für Seite morpht das Buch von einem Roman über eine selbstoptimierte Gesellschaft zu einem Krimi über München, schmutzige Gentrifizierung, die nie platzen wollende Immobilienblase und ein München, das es nicht mehr gibt. Weil all die legendären Orte, Dive-Bars und Menschen längst an die Ränder, an die Nicht-Sichtbarkeit gedrängt wurden. Spätestens dann will man "Vorleben" nicht mehr aus der Hand legen. (Michael Bartle)

Christa Wolf: Kassandra (Suhrkamp BasisBibliothek)

Es ist ziemlich genau 40 Jahre her, im März 1980, da verpasst die DDR-Schriftstellerin Christa Wolf ihren Flug nach Athen und beginnt erst daheim und dann in der Wartehalle “Die Orestie” von Aischylos zu lesen. Und Christa Wolf ist bei diesem fast 2.500 Jahre altem Drama sofort von der Figur der Kassandra fasziniert. Kassandra, das ist die trojanische Prinzessin die die Sehergabe besitzt, der aber niemand glaubt. Die wird, nachdem der Krieg um Troja vorbei ist, zur Kriegsbeute von Agamemnon. Und lebt dann aber auch nicht mehr lange, weil sie von dessen Frau Klytaimnestra ermordet wird. 

Für Christa Wolf wird die Griechenland-Reise zu einer Recherchereise - an dessen Ende die Erzählung “Kassandra” steht. Und in dieser Erzählung erfahren wir die Geschichte des Trojanischen Krieges aus der Sicht von Kassandra. Das allein ist schon mal super, denn selbst wenn man sich die modernen Versionen des Stoffes, zum Beispiel Filme wie “Troja” mit Brad Pitt als Achilles anschaut, geht es immer um kraftstrotzende Männer, die sich gegenseitig abmetzeln und schöne Frauen, die als Kriegsbeute hin und her geschoben werden.

Aber die Erzählung von Christa Wolf ist sehr viel komplexer als eine weibliche Version der Sagen des Klassischen Altertums. Vor allem ist sie hoch literarisch erzählt. Die Selbstbefragung von Wolfs Kassandra hat nichts von ihrer Kraft eingebüßt. Jede/r der wirklich den Anspruch hat, ein eigenständig denkender Mensch zu sein - und es sich gedanklich nicht bequem zu machen - die wird in Kassandra eine Seelenverwandte finden. Sei es als politischer Mensch oder als Künstlerin. (Laura Freisberg)

Katja Lewina: Sie hat Bock (DuMont)

"Wenn wir wirklich über Sex reden wollen, müssen wir zuallererst unsere eigenen Hosen runterlassen". Schreibt die Autorin im Vorwort. Und genau das tut sie auch. Katja Lewina lässt die Hosen runter, beschreibt wie sie mit ihrer blutigen Menstruationstasse herumhantiert, was sie von Analverkehr hält und wie es war, als sie ihre ersten Härchen im Intimbereich entdeckte. Katja Lewina wurde 1984 in Moskau geboren. Und ihre persönlichen Erfahrungen schwingen immer mit. Die verknüpft sie dann Kapitel für Kapitel mit Recherchen feministischer Literatur.

Manchmal wirkt das Geschriebene so, als habe sie es ganz schnell, noch im Denken aufgeschrieben. Dabei macht sie auch keinen Halt vor Situationen, an denen ich am liebsten „vorbeilesen“ möchte, beschreibt wie sie bei ihrem ersten Mal zu betrunken ist, um nein zu sagen. und erzählt offen von einer Abtreibung mit 21 Jahren. Intimste Geschichten mischen sich mit politischen Forderungen. Denn nur durch das Persönliche werde das Politische überhaupt erst greifbar, schreibt Katja Lewina. So steckt in jedem einzelnen, noch so ehrlichen Kapitel auch immer ein Plädoyer. Für die sexuelle Selbstbestimmung der Frau, für Empowerment, für Gleichberechtigung. Alles schon mal gehört, aber sicher nicht oft genug. (Franziska Timmer)


28