Bayern 2 - Zündfunk


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Lese-Highlights 2020 Diese Bücher solltet ihr dieses Jahr gelesen haben

Das Corona-Jahr 2020 war das perfekte Jahr für den Buchmarkt. Viel Zeit, viel Sitzfleisch und viel Lust, sich in andere Welten zu retten. Auch die Zündfunk-Redaktion hat alles gegeben. In der diesjährigen Bücher-Selection ist von Comedy und Drama bis zu Futurismus alles dabei.

Stand: 15.12.2020 22:05 Uhr

Axiom's End | Bild: St. Martins Press

Katja Engelhardt empfiehlt: "Untertauchen" von Daisy Johnson

Dieser Roman ist vieles: Eine komplexe Mutter-Tochter Beziehung, eine Verbildlichung von dem, was "gender" sein kann und in seinen Grundfesten eine Geschichte über Schicksal und Entscheidungen. "Untertauchen" ist die Geschichte des Ödipus, erzählt in der Gegenwart und mit einer weiblichen Hauptfigur. Der erst dieses Jahr auf deutsch erschienene Debütroman von Daisy Johnson ist kein reiner Spaß an Provokation, sondern ein hochkomplexes Drama, in dem Sprache verbindet und genau deswegen auch isoliert. Wie Johnson diese Verstrickungen so gekonnt dirigiert: Respekt.

"Untertauchen" erschien im btb Verlag.

Alba Wilczek empfiehlt: "Frausein" von Mely Kiyak

So nervig es manchmal ist, weiblich in einer Gesellschaft zu sein, die gerade mal so akzeptiert hat, dass Sexismus und Gewalt gegen Frauen* existiert: Schöne Momente gibt es da auch. Zum Beispiel dieses neue Buch von Mely Kiyak. Einfühlsam, poetisch und klar erzählt sie über genau das: Frau sein. Und sie fasst damit so vieles in Worte, was man bisher selbst nicht in Worte fassen konnte. Ein Blick auf das Leben als Mensch mit Brüsten, mit Migrationshintergrund und mit Familie. Inklusive Hopes & Dreams, Job und der Liebe. Perfekt.

"Frausein" erschien im Carl Hanser Verlag.

Michael Bartle empfiehlt: “Homeland Elegien” von Ayad Akhtar

Gerade mein Buch der Stunde, an einem Wochenende durchgesuchtet. Was es bedeutet, als Moslem in den USA markiert zu werden. Was es bedeutet, (gegen) eine Mehrheitsgesellschaft zu affirmieren. Wie subtil und weniger subtil man als Outsider geframed wird. Die USA nach 9/11. Pakistan nach 9/11. Ayad Akhtar ist der meist gespielte Dramatiker der USA und Pulitzer-Preisträger. Seine Eltern, beide Ärzte, sind nach ihrem Medizinstudium aus Pakistan in die USA eingewandert. Sein Vater, mittlerweile angesehener Spezialist, behandelt Trump am Herzen und bewundert ihn – sozusagen gegen die eigenen Interessen. Ayad selbst will am Tag von 9/11 spontan in NYC Blut spenden, wird aber als Terroristen-Spezl aus der Schlange gemobbt. Nur zwei von 1.000 Skizzen. Ein als Autobiografie getarnter Essay, literarisch hundertmal raffinierter als die Hillbilly Elegies, auch wenn das keine allzu große Kunst ist. Auf allen 2020-Empfehlungslisten der großen amerikanischen Zeitungen und Zeitschriften. Zurecht.

"Homeland Elegien" erschien bei den Ullstein Buchverlagen.

Alba Wilczek empfiehlt: "Land in Sicht" von Ilona Hartmann

Einer der angesagtesten Schinken auf Instagram btw. Twitter dieses Jahr. Ein kurzes tragikkomisches Büchlein über eine junge Frau, die ihren Vater auf einer Kreuzfahrt sucht und findet und sich dabei allerlei Gedanken macht. Amüsant, Easy going und mit Schmunzelfaktor. Das Beste: Irgendwie versetzt der Roman einen in den Sommer und ans Meer. Schön.

"Land in Sicht" erschien im Blumenbar Verlag.

Gregor Schmalzried empfiehlt: “Axiom’s End” von Lindsay Ellis

In einer alternativen Version des Jahres 2007 werden die Vereinigten Staaten von immer lauter werdenden Verschwörungstheorien erschüttert: Was verheimlicht die US-Regierung über den mysteriösen Meteoriteneinschlag vor einem Monat? Waren es wirklich Außerirdische? Der Debütroman von Nerd-Queen Lindsay Ellis ist - wie alle tolle Science-Fiction - ganz im Hier und Jetzt verortet. Es geht um das Internet, um die virusartige Verbreitung von Informationen und darüber, was das Konzept Wahrheit in unserer Welt überhaupt noch bedeutet. Außerdem: Um Aliens! Aliens sind cool!

"Axiom's End" erschien im Noumenon Verlag.

Alba Wilczek empfiehlt: "Miroloi" von Karen Köhler

Ein fiktives (?) Inseldorf, dass so seine eigenen Regeln hat. Eine aufwühlende Coming-of-Age-Geschichte eines Mädchens inmitten einer patriarchalischen Gesellschaft. Doch Miroloi ist noch mehr als das. Es ist ein Gedankenexperiment, eine Metapher auf das Aufbegehren gegen Machtstrukturen, auf die ersten Feminismus-Wellen und darauf, wie es ist, wenn Menschen systematisch unterdrückt werden. Köller schreibt roh, ganz einzigartig und ohne Schnörkel. Am Ende fühlt man sich, als hätte man gerade ein Kinderbuch für Erwachsene gelesen.

"Miroloi" erschien im Carl Hanser Verlag.

Katja Engelhardt empfiehlt: "Aus der Zuckerfabrik" von Dorothee Elmiger

Dieses Buch findet sich in der Kategorie "Roman", ist gleichzeitig ein Forschungsbericht der Autorin und eigentlich schon viel beachtet: Nominiert für den Bayerischen Buchpreis, auf der Shortlist des Deutsche Buchpreises. Was aber bei dem Versuch dieses Buch zu fassen viel zu selten erwähnt wird (zwischen: Trauriger verarmter Lottokönig, auf den Spuren des Zuckers, Kolonialismus), ist die Verbindung zwischen Essen, Hingabe und der Lust auf das Leben und auf fremde Körper. Man muss in den eigenen Flow dieses Buchs kommen. Ist man aber erst einmal darin, kann man sich treiben lassen im Gedankenstrom der Autorin.

"Aus der Zuckerfabrik" erschien im Carl Hanser Verlag.

Michael Bartle empfiehlt: “Palast der Miserablen” von Abbas Khider

Shams wächst mit seinen Eltern im Süden des Iraks auf. Weil dort, im Desert Storm, permanent Krieg ist, versucht die Familie ihr Glück in Bagdad – eine erste Flucht. Die Familie landet dort im Schatten des großen Müllbergs, in einer der provisorischen, informellen Siedlungen, die es zu Tausenden gibt in den großen Städten abseits der privilegierten westlichen Welt. Shams schlägt sich durch, lernt Bücher kennen und lieben. Und als Folge auch die Schergen des Regimes. „Palast der Miserablen“ ist sozusagen Abbas Khiders Gegenbesuch zu seinem Geflüchteten-Roman „Ohrfeige“. Wieder ein auf Schenkelklopfer verzichtender Schelmenroman, der uns verstehen lässt, warum die meisten Orte dieser Welt keine Guten sind. Und wie und warum man trotzdem überleben will.

"Palast der Miserablen" erschien im Carl Hanser Verlag.

Alba Wilczek empfiehlt: "Der Gesang der Flusskrebse" von Delia Owens

Dieses Buch hat alles: Coming Of Age, Rebellentum, Kriminalgeschichte, eine Prise Feminismus und ganz viel Liebe. Dazu lernen wir ein Mädchen kennen, dass so besonders und stark ist, dass man es von der ersten Sekunde an fest in sein Herz schließt. Ich habe jeden Buchstaben geliebt. Bitte Taschentücher bereitlegen. Achso, Vögel sind dank diesem Buch jetzt auch viel interessanter.

"Der Gesang der Flusskrebse" erschien bei Hanserblau.

Ferdinand Meyen empfiehlt: “Die Verwandelten” von Thomas Brussig

Ein Buch, das nicht besonders fordernd, aber dafür sehr lustig ist. Die Story: Zwei Youtuber-Teenager (Aram und Fibi) lesen im Internet eine Anleitung, wie man sich in einen Waschbären verwandelt. Sie ziehen es durch - und verwandeln sich tatsächlich in Waschbären. Während sich Aram daraufhin seinen animalischen Trieben hingibt, wird Fibi als sprechender Waschbär zur Influencerin und zum Reality-TV-Phänomen. Ein urkomisches Buch mit einer leichten Prise Gesellschaftskritik, ideal zum Einschlafen oder für die Lockdown-Langeweile.

"Die Verwandelten" erschienen im Wallenstein Verlag.

Michael Bartle empfiehlt: “Die Topeka Schule” von Ben Lerner

Auch dieser Roman spielt mit dem Reiz, Fiktion und Autobiografisches schwer dechiffrierbar miteinander zu verweben. Lerner hat tatsächlich eine berühmte Mutter, ist tatsächlich in Topeka, Kansas, aufgewachsen. Und Lerner war tatsächlich als Schüler Debattier-Meister der USA. Sein Familien-Roman über einen intellektuellen Zirkel am Topeka-College im Hinterland der USA kann man vor der Folie Trumps und der Spaltung Amerikas lesen. Vor allem aber ist dieses Buch eine Feier des Nerdism, des elaborierten, oft jüdisch-intellektuell konnotierten Scharfsinns.

"Die Topeka Schule" erschien im Suhrkamp Verlag.

Alba Wilczek empfiehlt: Die Musik-Reihe vom KiWi-Verlag

Ideal für alle Musik-Conaisseure mit Hang zu Literatur. Als Konzept des KiWi-Verlags schreiben handverlesene Autor:innen sehr persönliche und liebevolle Texte über beliebige Künstler:innen oder Bands. Mit am Start unter anderem: Frank Ocean und Sophie Passmann, Enya und Chilly Gonzalez oder Tino Hanekamp und Nick Cave. Ganz viele besondere Perspektiven auf wiederum besondere Figuren der Musik. Bonus: Dabei lernt man nicht nur etwas über die Protagonist:innen selbst, sondern auch über die Autor:innen und letztendlich sich selbst. In diesem Sinne: Frank Ocean und Beerdigungen? Mehr Bezug zueinander, als ihr vielleicht denkt!

Katja Engelhardt und Michael Bartle empfehlen: "Die Sommer" von Ronya Othmann.

Leyla muss den Genozid an den Jesiden hilflos am Bildschirm verfolgen. Die Deutsch-Jesidin lebt in München, als der IS die Heimat ihres Vaters in Syrien überfällt. Sie erinnert sich an die Sommer, die sie dort bei den Großeltern verbrachte. "Die Sommer" ist ein wütender wie zärtlicher Coming-of-Age Roman – mit deutlichen autobiografischen Bezügen zur Autorin Ronya Othmann. "Mir war es wichtig, dass man nicht so dieses Narrativ hat von wegen, es gab dieses glückliche Dorf, wo alles schön und toll war, dann kam der Krieg und alles wurde zerstört. Nein. Es gab ja davor schon eine Diktatur", sagt Othmann. Ronya Othmann hat mit der Weitergabe der Geschichten ihrer Familie eine Leistung vollbracht: In Worten überliefert, was einmal war und sichtbar gemacht, was nicht mehr zu sehen ist. Wer mit Ronyas Hauptfigur durch dieses jesidisch-kurdisches Dorf in Syrien an der Grenze zur Türkei entwickelt eine große Zärtlichkeit. Und eine Wut. Eine Wut auf die autoritären Regimes diesseits und jenseits der Grenze. Auf die Idioten, die die Menschen nicht erkennen in den Geflüchteten. Großen Respekt für dieses beindruckende Debüt!

"Die Sommer" erschien im Hanser Verlag.

Hinweis: Der Zündfunk hat nicht nur einige der besten Bücher 2020, sondern auch gute Filme, Games und Serien für euch zusammengetragen. Außerdem kommt ihr hier zu unseren Alben und hier zu unseren Singles des Jahres.


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