Bayern 2 - Zündfunk

Plädoyer für die 4-Tage-Woche "Wir erleben ein kollektives Burnout"

"Die Welt geht unter, und ich muss trotzdem arbeiten?" Das haben sich viele während der Pandemie gefragt. So auch die Journalistin Sara Weber, die ihren Job kündigte und das Buch der Stunde schrieb. Denn die Frage lautet: Wie gesund, wie fair und wie zukunftsfähig ist eigentlich unsere Arbeitswelt?

Von: Alexandra Martini

Stand: 18.01.2023

Die Journalistin, Digital-Strategin und Medien-Beraterin Sara Weber | Bild: Maya Claussen

Zündfunk: Du hattest einen soliden Job, warst Redaktionsleiterin. Und hast dann gekündigt um ein Buch zu schreiben. Darüber, was in unserer Arbeitswelt schiefläuft. Aber bei Dir lief es doch eigentlich gut, oder nicht?

Sara Weber: Nur weil man mit Leidenschaft dabei ist, heißt es nicht, dass die Arbeitsbedingungen gut sind. Also bei mir persönlich waren die Arbeitsbedingungen zwar gut. Aber trotzdem, gerade wenn man mit den Leuten gerne zusammenarbeitet, ist es noch schwieriger Grenzen zu setzen, und auch während der Pandemie nicht die ganze Zeit zu arbeiten - weil außer Arbeit gab es ja nichts mehr.

Du hattest dann einen Burnout. Du beschreibst in deinem Buch, wie du den Eindruck hattest, es läge an Dir. Dass Du nicht mehr mithalten kannst. Und hast aber dann gemerkt, dass wir eigentlich grade ein kollektives Burnout erleben und hast daraufhin dein Buch geschrieben. Was läuft den falsch in unserer Arbeitswelt?

Wir sind alle, kollektiv gesprochen, gestresst. Die Arbeitslast ist in den letzten Jahren extrem angestiegen. Dann, durch die Digitalisierung, bleibt die Arbeit nicht mehr zwingend "auf der Arbeit", sondern sie kommt mit nach Hause. Dann sind in vielen Berufen mehrere Jobs in einen gewandert. Die Arbeit hat sich extrem verdichtet. Dann die Rahmenbedingungen, in denen wir leben. Wir haben gerade eine globale Pandemie durchgemacht und haben das noch gar nicht so richtig verarbeitet. Und in dieser Zeit ist bei den Menschen der Stress und die Arbeitslast noch weiter angestiegen.

Eigentlich müsste man doch denken, dass wir alle produktiver und effizienter geworden sind. Warum wird die Arbeit nicht weniger?

Das verstehe ich auch nicht. Es ergibt eigentlich keinen Sinn, wenn man sich das mal auf dem Papier ausrechnet. Wir haben die Technologie und noch nie waren so viele Menschen erwerbstätig wie heute. Aber die Vollzeitarbeit liegt weiterhin bei 40 Stunden pro Woche. Dann gibt es auch noch Forderungen seitens der Unternehmen, noch einmal darüber hinaus zu arbeiten. Und für mich erschließt sich das überhaupt nicht. Ich finde, diese Rechnung geht nicht auf.

Du bist nicht die Einzige, die in den letzten Jahren gekündigt hat. Es gibt zum Beispiel in den USA eine riesige Kündigungswelle, die auch "The Great Resignation" genannt wird. Gerade die jüngere Generation kritisiert, dass sie so wie bisher nicht mehr arbeiten möchte. Was ist da los?

Die Frage lautet ja, wofür arbeitet man. Früher gab es das Wohlstandsversprechen. Solide Mittelschicht, Eigentum, Auto, Ferienwohnung. Die Jüngeren aber müssen sich fragen: "Wofür arbeiten wir eigentlich?" Wir haben die Klimakrise, Rentenkrise, Inflation, Immobilienkrise. Wir wissen überhaupt nicht, wie unsere Zukunft aussieht. Also was ist das Ziel? Wenn das Ziel nicht mehr da ist, fragen sich viele junge Menschen, wozu sie noch Karriere machen sollen.

Dieses Mindset, dass wenn wir uns aufopfern, auch was wert sind, ist trotzdem nach wie vor vorhanden bei den Menschen. Wir definieren uns immer noch sehr über unsere Leistung.

Das wurde uns ja auch so beigebracht. Als ich damals anfing zu arbeiten, musste man noch dankbar sein, überhaupt irgendwo einen Job zu kriegen. Aber der Arbeitsmarkt hat sich gewandelt. Wir haben Fachkräftemangel. Und grade die Jüngeren haben da heute eine ganz andere Ausgangsposition, weil die Unternehmen händeringend auf der Suche sind. Aber trotzdem, das Mindset ist immer noch da, dass wir unseren gefühlten Wert über unsere Produktivität definieren.

Die Pandemie hat auch gezeigt, dass es eine Zweiklassengesellschaft gibt. Wie kann da eine bessere Arbeitswelt aussehen?

Es gab ja die, die ins Homeoffice konnten - und die, die dafür gesorgt haben, dass die Welt weiterläuft. Die Essen ausgeliefert haben oder im Krankenhaus gearbeitet haben. Und diese Schere geht weiter auf. Auch innerhalb der einzelnen Unternehmen. Bei Amazon zum Beispiel sitzen die einen im Büro, die anderen liefern aus. Aber beide Seiten würden sehr davon profitieren, wenn wir die Arbeitszeit reduzieren und mehr Flexibilität ermöglichen, um zum Beispiel einen Arzttermin wahrnehmen zu können. Wir müssen da breiter denken und wirklich an alle denken.

In deinem Buch beschreibst du ein Unternehmen, das den 5-Stunden-Tag eingeführt hat. Wie realistisch, wie übertragbar ist das?

Ich glaube nicht, dass das immer machbar ist. Aber es gibt ja auch Testballons wie die 4-Tage-Woche. Und man sieht, dass die Menschen deutlich weniger gestresst sind, wenn sie bei gleicher Bezahlung nur vier Tage arbeiten. Und dass die Produktivität gerade bei Wissensarbeit auch nicht runter geht, wenn man zum Beispiel unnötige Meetings oder Kaffeepausen wegstreicht. Das funktioniert natürlich nicht in allen Jobs. In der Pflege zum Beispiel kann nicht noch effizienter gearbeitet werden. Da bräuchte es de facto mehr Personal, um die Arbeitszeit reduzieren zu können.

"Die Welt geht unter, und ich muss trotzdem arbeiten" ist bei Kiepenheuer&Witsch erschienen.