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Netflix-Serie Wie Hausfrauen an Marie Kondo verzweifeln

„Das Unbehagen der Geschlechter mit Marie Kondo“ wäre ein besserer Titel für diese Serie gewesen. Denn die Netflix-Doku „Aufräumen mit Marie Kondo“ kommt so nett daher, nur um dann die Housewife-Rolle der Frauen mit einem Lächeln zu zementieren.

Von: Laura Selz

Stand: 17.01.2019

Marie Kondo | Bild: PA

Die Message der Sendung in einem Satz: Äußere Ordnung schafft innere Ordnung. Diese Erkenntnis ist super, neu ist sie nicht. Und ob nun speziell Kondos Aufräum-Methode der „State of the Art“ ist oder nicht, ist eigentlich sekundär. Ob T-Shirts nun besser gefaltet, gelegt oder gehängt werden, ist egal, denn die Frauen in dieser Serie werden eh versagen.

In der ersten Folge besucht Kondo ein nettes weißes Paar, das in einem schönen Haus in einem schönen Vorort irgendwo in Kalifornien wohnt. In engelsgleicher Sanftmut erklärt Kondo das Problem: „Rachel und Kevin haben zwei Kinder und ein kleines Aufräumproblem. Die Unordnung wirkt sich auch negativ auf ihre Beziehung aus. Ich möchte ihnen helfen, sich auf das wichtige im Leben zu konzentrieren: Zeit mit der Familie.“

So sieht eine ordentliche Schublade aus!

Kevin arbeitet über 50 Stunden im Büro. Rachel arbeitet Teilzeit, versorgt die Kleinkinder, schmeißt den Haushalt. Doch für die Wäsche bezahlt sie eine Putzfrau. Man gönnt sich ja sonst nichts. Kevin findet das blöd, denn das sei rausgeschmissenes Geld. Rachel weint. Marie Kondo lächelt gnädig und erzählt, wie sie selbst mit ihren Kindern spielerisch aufräumt. Das sei alles ganz leicht. Rachel verdreht die Augen. Kevin schaut sehnsüchtig zu Kondo rüber und nickt andächtig. Tolle Frau!

Marie Kondo rettet Deine Ehe!

In einer anderen Folge kämpft ein afroamerikanisches Paar gegen das Chaos. Douglas ist Musiker. Katrina ist die gute Seele. Und sie plagt das schlechte Gewissen: „Ich habe das Gefühl, dass ich die Schuld trage, weil ich die Mutter bin. Und die Mutter soll das Haus zu einem Zuhause machen.“ Gott sei Dank haben ihre Teenagerkinder Verständnis, dass das nicht immer klappt: „Es ist ok Mama, du gibst dir so viel Mühe. Wir lieben Dich.“

Warum macht mich diese Serie so aggressiv? Bei Trash-Sendungen wie Frauentausch reagiere ich gelassener. Da akzeptiere ich irgendwie die voyeuristische Darstellung zwischenmenschlicher Abgründe als Freakshow – ironisch natürlich, haha! Denn das sind ja nicht wir. Das sind nicht Du und ich. Das sind die anderen.

Eine Feel-Good-Produktion von Netflix allerdings weckt andere Erwartungen. Der Trailer verspricht normale und liebenswürdige Paare, mit denen sich meine Freunde und ich identifizieren sollen. Mit Instagram-Accounts und Pinterest-Moodboards. Doch trotz warmer Beleuchtung und dem akkuraten Verzicht auf Kraftausdrücke sehen wir, dass auch die Paare von nebenan keinen Deut progressiver sind, als die Freaks von RTL2.

Crying Girl

„Aufräumen mit Marie Kondo“ sollte eigentlich „Das Unbehagen der Geschlechter mit Marie Kondo“ heißen. Nach dem Schauen dieser Serie wird meine diffuse Angst vor der Ehe zur konkreten Furcht. Dieses Gefühl, dass der eigene, geliebte Freund trotz aller Couple-Goals nach der Hochzeit das Patriarchat entdeckt. Und das ganz ohne Druck. Denn man selbst spielt ja mit. Es gibt kein Entkommen.

Einen größeren Mahner vor Klischees als „Aufräumen mit Marie Kondo“ kann es eigentlich nicht geben. Ein anderes Must-Watch ohne Bezahlschranke und ohne gute Ausleuchtung: Das heutige Schlussplädoyer von – ausgerechnet – Wolfgang Schäuble im Bundestag. Zur Hundertjahrfeier des Frauenwahlrechts sagt er: „Unverzichtbare Tätigkeiten wie Kindererziehung, Hausarbeit und Pflege müssen besser aufgeteilt werden. Eine weithin akzeptierte Erkenntnis, an deren Umsetzung Männer gelegentlich mit Nachdruck erinnert werden müssen.“ Well played Wolfgang, und: Nimm das, Kondo!


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