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Kernkraft 400 Die verrückte Geschichte hinter der neuen Torhymne des DFB

Dieser Song wird auf fast jeder Sportveranstaltung gespielt. Jetzt ist er sogar die neue Tor-Hymne der deutschen Nationalmannschaft. Doch fast niemand weiß: „Kernkraft 400“ von Zombie Nation hat seine Ursprünge im Münchner Underground. Eine Geschichte von Bootlegs, Klagen, Streetfights und einem Vulkanausbruch.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 10.09.2019

Rave in den 90ern | Bild: Heinrich Ortner

Gegen „Chöre“ von Mark Forster und „Von allein“ von Culcha Candela hat er sich durchgesetzt: Der Techno-Song „Kernkraft 400“ von Zombie Nation ist die neue Tor-Hymne des DFB. „Um die 92.000 Fans haben zugestimmt und haben dieses Lied ausgesucht. Ich hoffe, es wird uns irgendwann in den Ohren klingeln“, sagt DFB-Direktor Oliver Bierhoff zur neuen Tor-Hymne der Nationalelf.

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Zombie Nation - Kernkraft 400 | Bild: tistlo (via YouTube)

Zombie Nation - Kernkraft 400

Florian Senftner

Der Song „Kernkraft 400“ ist nicht nur beim DFB beliebt. In der Welt der Stadionhymnen ist er eine echte Legende. Keine Selbstverständlichkeit. Denn als das Lied im Jahre 1999 entstanden ist, war mit vielem zu rechnen – damit allerdings nicht, sagt Florian Senfter, der Schöpfer des Songs. Der DJ, früher auch als „Splank!“ bekannt, arbeitet heute in New York. „In dem Moment, wo ich es in München gemacht habe, habe ich nicht geglaubt, dass das größer wird als ein kleiner Clubhit“, erzählt er.

Technokultur und Streetfights

Florian Senfter war damals einer der beiden Köpfe von Zombie Nation. Der Andere: Emanuel Günther, in München auch als DJ Mooner bekannt. Der Riesenerfolg „Kernkraft 400“ sei völlig überraschend gekommen, bestätigt er. Zombie Nation sei vom Mainstream 1999 nämlich ungefähr so weit entfernt gewesen wie der DFB vom nächsten WM-Titel. „Ende der 90er waren wir ja in München so eine richtige Gegenkultur. Wir haben illegale Partys veranstaltet. Zur Technokultur, die ja eigentlich schon Subkultur ist, waren wir nochmal eine Mikrosubkultur. Und aus dieser Mikrosubkultur ist „Kernkraft 400“ entstanden“, sagt DJ Mooner.

Für die Macher von Zombie Nation sei es damals befremdlich gewesen, als „Kernkraft 400“ und das Album „Leichenschmaus“ plötzlich in den deutschen Charts auftauchten. Für DJ Mooner war Zombie Nation zuvor ein Kunstprojekt gewesen, mit dem er den Musikmarkt unterwandern wollte. So wie die Sex Pistols zuvor, meint er. An Charts und Fußballstadion war nicht zu denken, stattdessen organisierte man Streetfights und Underground-Veranstaltungen.

"Da kamen so 100 bis 150 Leute auf die Hackerbrücke, haben sich mit Wasserballoons beschossen, mit Mehl bestäubt, es flogen Teddybären, Ketchup und was weiß ich noch alles. Das war der Spirit, den wir hatten."

DJ Mooner

Kernkraft 400 verändert alles

DJ Mooner

Doch bei Straßenschlachten mit Teddybären bleibt es nicht. Denn Splank! und Mooner haben eine Idee. Sie sampeln eine Melodie aus dem C64-Spiel „Lazy Jones“ und machen sie zu einem Techno-Song. Mit Hilfe des Münchener Underground-Labels Gigolo Records vermarkten sie ihn als „Kernkraft 400“. Und als der Song dann auf dem Markt erscheint, bricht das Chaos aus. Unzählige Bootlegs und Remixes entstehen, der Song wird gefeiert. Das alles nachverfolgen? Unmöglich.Also, es gab bestimmt 30 bis 40 Bootlegs und die Plattenfirmen haben natürlich auch von vorne bis hinten versucht uns übers Ohr zu ziehen“, erzählt er. Die Geschichte von „Kernkraft 400“? Immer schon sei sie mit viel Abzockerei verbunden gewesen.

Auf „Top Ten-Sirup“, wie er es nennt, hat Mooner keine Lust – und steigt aus Zombie Nation aus. Florian Senfter macht alleine weiter, dreht ein Musikvideo und spielt unzählige Konzerte vor tausenden Fans. An die Auftritte von damals erinnert er sich aber noch gerne zurück. „Irgendwann hab ich aufgehört Vodka zu trinken, dann wurde es einfacher. Da konnte man dann noch mehr Shows spielen ohne Kopfweh!“, lacht Senfter. Doch dabei bleibt es nicht. Denn unter anderem entsteht einer der bis heute beliebtesten Remixe, bei dem das Gegröle der Fans im Club unter die Melodie von „Kernkraft 400“ gesampelt wird.

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Kernkraft 400 (Sports Chant Stadium Remix) by Zombie Nation | Bild: coolmichael0000 (via YouTube)

Kernkraft 400 (Sports Chant Stadium Remix) by Zombie Nation

„In dem Moment, wo ich es gehört hab, war ich zugleich begeistert und angewidert. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Ich wusste es wird Leuten gefallen. Und so ist es dann auch passiert“, erzählt Florian Senfter. Die Folge des Remixes: Der Song aus der Münchener Underground-Szene der späten Neunziger wird in den Nuller Jahren zu einer der bekanntesten Stadionhymnen aller Zeiten. Vor allem in den USA – zum Beispiel bei den Detroit Red Wings, den Toronto Maple Leafs, den Boston Celtics und vielen anderen Sportmannschaften – wird „Kernkraft 400“ als Jingle verwendet.

Der Streit mit David Withaker und dem Crazy Frog

Doch der immense Erfolg des Songs bringt Probleme mit sich. Videospiel-Komponist David Whittaker versucht, sich die Rechte an „Kernkraft 400“ zurückzuholen. „Mit dem Lied kommen immer so Sachen daher. Auf einmal will einer dein Leben zerstören, ja wunderbar“, sagt Senfter. Denn die Gründer des Unternehmens Crazy Frog wollen „Kernkraft 400“ als Klingelton im Fernsehen verkaufen. Also holen sie den C64-Komponisten Whittaker ins Boot und klagen auf die Lizenz des Liedes. „Ich wollte das halt nicht, ich habe gesagt, ich find das scheiße. Gefällt mir nicht, was ihr da macht“, erinnert sich Florian Senfter zurück.

Zum Glück für Zombie Nation hat die Klage von Crazy Frog und Whittaker keinen Erfolg – und wird vor Gericht abgeschmettert. Einer der Gründe ist laut DJ Mooner genauso skurril wie die ganze Geschichte von „Kernkraft 400“: Das Gericht weist die Klage zurück, weil die Kläger ihren Flug wegen eines Vulkanausbruchs auf Island verpassen - so erzählt DJ Mooner. Senfter erklärt aber: Der Vulkan wäre ohnehin nicht ausschlaggebend gewesen, weil die Kläger nicht nachweisen konnten, dass die Melodie von ihnen stamme. Das hätten seine Anwälte bestätigt.

Wie viel Geld bringt der Hit heute?

Also bleiben die Rechte für „Kernkraft 400“ bei Zombie Nation. Da muss die Kasse doch weiter klingeln – vor allem jetzt, wo der Song die Torhymne des DFB ist, oder? Fehlanzeige. Florian Senfter zufolge gäbe es keinen Extra-Dollar, wenn „Kernkraft 400“ in amerikanischen Stadien gespielt wird. „Und auch in Deutschland hat mich keiner gefragt, ob sie das spielen dürfen.“, sagt Senfter. Für ihn sei das aber nebensächlich. „Die Leute hören es dann im Stadion und sagen dann: "Alexa, spiel mal die DFB-Torhymne" und dann krieg ich auch 0,01 Cent, das ist schon okay.“

Wie viel Senfter und Mooner heute noch an „Kernkraft 400 verdienen, wollen sie nicht erzählen. Allzu große Summen sind es aber wohl nicht. Der eigentliche Wert von „Kernkraft 400“ ist für die beiden eher das, wofür der Song steht, und was er mit den Leuten macht.


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