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Umstrittene Netflix-Serie "Bir Başkadır" lässt Gegensätze aufeinanderprallen - und polarisiert damit nicht nur in der Türkei

Ein Serientipp kurz vor den Feiertagen. In der Türkei wird momentan viel über die Netflix-Serie „8 Menschen in Istanbul“ gesprochen. Nicht nur, weil sie alle so super finden, sondern auch weil die Serie die Meinungen ziemlich spaltet. Aylin Dogan erklärt, warum wir sie sehen sollten.

Von: Aylin Doğan

Stand: 15.12.2020

Ein Bild aus der türkischen Netflix-Serie Bir Baskadir. | Bild: Netflix

Monotone Szenen. Wenige Kameraeinstellungen. Überraschend lange und ruhige Dialoge. Dinge, die nicht wirklich für die türkische Serienlandschaft stehen. Normalerweise ist die Devise da eher eine andere: Intrigen und Dramen müssen so fesselnd und emotional wie möglich auf die Bildschirme gebracht werden. Gerade deswegen fand ich die türkische Netflix-Serie „Bir Başkadır – 8 Menschen in Istanbul“, anfangs sehr befremdlich. Sie ist das komplette Gegenteil davon, was ich sonst von türkischen Serien gewohnt bin. Sie lässt sich Zeit, sehr viel Zeit. Setzt wenig auf Drama, sondern viel auf eine intensive Charakterentwicklung – und ist dabei noch höchst politisch und entlarvend.

Die ewige Diskussion um das Kopftuch

Im Fokus steht Meryem. Eine junge, religiöse Frau, die zusammen mit ihrem Bruder, dessen Frau und Kindern in ihrem selbstgebauten Haus lebt, im ärmeren Teil Istanbuls. Meryem trägt Kopftuch, geht bei einem reichen Mann putzen und fällt immer wieder in Ohnmacht, weshalb sie letztendlich Therapiestunden verschrieben bekommt. Bei der Psychiaterin Peri, die das komplette Gegenteil von ihr ist. Peri lebt höchst modern, wird als äußert liberal dargestellt, ihren akademischen Grad hört man ihr schon beim Sprechen raus – und: Peri verachtet Frauen mit Kopftüchern.

Die ewige Diskussion um das Kopftuch. Eine, die ich selbst aus meiner türkischen Familie kenne. Frauen mit Kopftuch wurden mir schon immer schlechtgeredet. „Freiheitsentzug“ und „religiöse Gehirnwäsche“ - nur einige Begrifflichkeiten, die in diesem Kontext fielen. Das Kopftuch als Symbol für die Abgründe des Islams. Und genau dieses Bild zeigt sich auch bei Peri. Nämlich dann, wenn sie sich bei ihrer eigenen Therapeutin ausheult. „Diese Leute sind verrückt mit ihren Hodschas und Gebeten. Das können wir unmöglich verstehen. Es ist, als würden wir in einem anderen Land leben. Und sie sind die Mächtigen, sie sind in der Mehrheit“, klagt sie in einer Sitzung.

Anerkennung aus der postmigrantisch-muslimischen Blase

Nichte und Neffe der Protagonistin Meryem wachsen auf dem Land und mit einer psychisch sehr belasteten Mutter auf.

Peris Kopftuch-Hass geht so weit, dass sie Meryem eigentlich nicht mehr behandeln will. Sie hält sie für naiv, dumm und weltfremd – Szenen, die mir beim Schauen schon fast unangenehm sind, weil sie die internalisierten, islamfeindlichen Ansichten innerhalb meiner Familie so entblößen. Und Assoziationen aufzeigen, die vermutlich viele mit dem Kopftuch verbinden. Aber das ist nicht der einzige Fokus der Serie. Auch die Nebenfiguren bekommen die Zeit, ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Da ist Meryems Schwägerin Ruhiye, die an einem Trauma aus ihrer Jugend leidet. Und dann ist da ihr Mann Yasin, der die vorgesehene Männerrolle in der Familie aufrechterhalten will, aber bei seiner psychisch kranken Frau an seine Grenzen stößt. Und dann ist da auch noch Peris Therapeutin Gülbin, die von ihrer eigenen Familie für die Wahl eines akademischen Weges verurteilt wird.

Die Serie „Ethos“ - unter diesem Namen ist sie auch bekannt - bekommt vor allem innerhalb meiner postmigrantisch-muslimischen Blase viel Anerkennung. Meine Freundin Nabila feiert die Serie auch und erklärt mir, wieso: „Dann merkt man, mit jeder folgenden Minute, dass vieles nicht so ist, wie es scheint. Und dass diese ganzen Klischees in der Serie verfallen und immer mehr Schichten der einzelnen Charaktere gezeigt werden und man am Ende eigentlich feststellt, dass diese ganzen Charaktere, die so weit voneinander entfernt wirken, doch ganz viel verbindet und sie ganz viel gemeinsam haben und dass die Kategorien, die wir im Kopf haben, doch gar nicht anwendbar sind auf ihre komplexen Leben.“

Gegensätze, die mit Wucht aufeinanderprallen

Die Serie erhitzt Gemüter und hat so einiges aufgewirbelt. Ein Vorwurf gegen "Bir Başkadır": Das Reproduzieren von Klischees an praktizierenden Muslims - arm und bildungslos. Wiederum streng konservative Medien beklagen, dass das Kopftuch zusätzlich noch als Sexobjekt oder -gegenstand aufgeladen wird. Und überhaupt: Dass auch Themen wie Sex und Homosexualität – wenn auch nur nebensächlich – ihren Platz in der Serie finden, ist ebenfalls äußert verpönt. Es gibt sogar Aufrufe an die RTÜK, die Regulierungsbehörde für den privaten Rundfunk in der Türkei, diese Serie zu verbieten. Parallel dazu wird aber schon über eine mögliche zweite Staffel gesprochen.

Ich persönlich empfehle die Serie nicht nur, weil mir die Inhalte so vertraut vorkommen. Auch als außenstehende Person wird man vom Storytelling mitgezogen, die Serie kann von ihrer Machart leicht mit amerikanischen Serien mithalten. In acht Folgen werden diverse Gegensätze verdeutlicht: Die Kluft zwischen Arm und Reich, gebildet und ungebildet, religiös und nicht-religiös, auf dem Land lebend und in der Stadt lebend. Und gerade wie diese Gegensätze in einer leichten und doch prallenden Wucht aufeinandertreffen, ist das Fesselnde daran.

Läuft wo? Im Moment nur auf Netflix, auf Türkisch mit deutschen Untertiteln


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