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Ronya Othmanns Debutroman über Jesiden in Syrien Wie politisch ist eine Kindheit?

Leyla muss den Genozid an den Jesiden hilflos am Bildschirm verfolgen. Die Deutsch-Jesidin lebt in München, als der IS die Heimat ihres Vaters in Syrien überfällt. Sie erinnert sich an die Sommer, die sie dort bei den Großeltern verbrachte. "Die Sommer" ist ein wütender wie zärtlicher Coming-of-Age Roman – mit deutlichen autobiografischen Bezügen zur Autorin Ronya Othmann.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 24.08.2020

Jesidische Flüchtlinge | Bild: picture-alliance/dpa

Die Berge, die wir auf dem Cover von „Die Sommer“ sehen, diese Berge haben auch die Figuren des Romans gesehen. Es gibt diese Berge, genauso wie es diesen Ort wirklich gibt, an dem der Roman spielt. Er liegt an der syrischen Grenze zur Türkei. Das Buchcover ist viel zu niedrig aufgelöst, das Gebirge, aus erkennbaren Pixeln zusammengesetzt – lila, rosa und blau. Die Berge sind abfotografiert, aus einem Hochzeitsvideo von Verwandten der Autorin. Das mag sehr privat erscheinen, für so ein Buchcover. Ist es aber nicht. Die Autorin Ronya Othmann hat genau entschieden, was wir sehen.

Das Private war noch nie so politisch

"Wenn man beim Schreiben biografisches Material hat, ist es im literarischen Text nicht mehr das, was es im Leben war. Es wird literarisiert, und ist nicht mehr privat", sagt Othmann. Das private ist da längst politisch geworden.

Am Leben der Protagonistin ist vieles politisch. Wegen ihres Umfelds. Leyla verbringt seit ihrer Kindheit ihre Sommer in einem kurdisch-syrischen Dorf, in dem Verwandte ihres jesidischen Vaters leben. Gemeinsam mit ihrer deutschen Mutter sind sie wochenlang dort – wo Leyla ihrer Großmutter hilft, traditionelle Speisen anzurichten. Wo der Großvater Tabakpflanzen hat, wo die Cousine behände alle Aufgaben im Haushalt schon beherrscht und Leyla etwas bedröppelt hinterher kleckert. Autorin und Protagonistin haben einiges gemeinsam: Eben solche Sommer, ähnliche Verwandtschaftsverhältnisse, das ungefähre Alter, beide sind in oder bei München aufgewachsen – solche Parallelen gibt es. Viel wichtiger aber sind andere Parallelen zwischen Roman und Realität. Die die Autorin aus ihren eigenen Sommern kennt, von ihrem Vater erzählt bekam oder recherchierte: "Es gibt ja auch historische Fakten. Das Dorf gibt’s wirklich und das Militär ist da auch."

In einer Szene im Buch kommt der Geheimdienst in das Dorf ihrer Eltern. Sie versuchen, ihren Vater einzuschüchtern. Er bekommt Probleme. "All das ist keine Fiktion. Das ist einfach die Realität", sagt die Autorin.

Der IS überfällt das Dorf ihrer Großeltern

Die Autorin Ronya Othmann

Im Buch wird die Protagonistin Leyla schließlich in Deutschland erwachsen und macht Abitur. Dann beginnt die Schreckensherrschaft des IS in Syrien. Und sie kann keinen Frieden mit dieser Schräglage finden: Dass es ihr gut geht, sie ihren Verwandten in Syrien aber nicht helfen kann, als der IS 2014 Jesiden verfolgt und einen Genozid verübt.

Die Protagonistin ist zerrissen und hilflos. "Diese ganze Gewalt, die sie erzählt bekommt und mitbekommt – weitergegebene Traumata, der Krieg, der ihre Familie bedroht. Brutale Geschichten, die in ihrer Familie weitergegeben werden, das kenne ich auch aus meinem Leben", sagt Othmann. "Das ist ja kein Small Talk Thema. Ich glaube man kann es schon vermitteln. Grundsätzlich ist es möglich, aber die Frage: Findet man eine Sprache um es zu vermitteln?"

Um zu vermitteln, bedarf es auch einiges an Information – über die Geschichte von Leylas Familie wird auch Historie erzählt. Von Führern, von politischen Umständen und Wenden. Und so ist dieser Roman auch ein Zeugnis von dem, was passiert ist, und noch immer passiert.

Zärtlich und wütend, aber nicht naiv

"Mir war es wichtig, dass man nicht so dieses Narrativ hat von wegen, es gab dieses glückliche Dorf, wo alles schön und toll war, dann kam der Krieg und alles wurde zerstört. Nein. Es gab ja davor schon eine Diktatur", sagt Othmann.

Der Roman ist im Rückblick erzählt. Auch deswegen ist immer wieder klar, dass die Geschichten aus Leylas Kindheit Vergangenheit sind. Nicht nur, weil Sommer und Kinderjahre vergehen, sondern auch, weil es dieses Dorf so nicht mehr gibt. Oft steht dabei nicht die literarische Sprache im Vordergrund. Aber Ronya Othmann hat mit der Weitergabe der Geschichten ihrer Familie eine Leistung vollbracht: In Worten überliefert, was einmal war und sichtbar gemacht, was nicht mehr zu sehen ist.

"Wenn man flieht, kann man nicht viel mitnehmen, außer vielleicht einen Koffer. Manches geht unterwegs verloren. Wir hatten Teppiche, die meine Großmutter gewebt hatte, nach einer uralten Technik. Die hat so niemand mehr. Man kann halt von dem, was verschwunden ist, nur noch erzählen."


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