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Streaming Die Serie "Heels" zeigt, dass Wrestling gutes Drama liefern kann

Die Serie „Heels“ schöpft aus dem Wrestling-Ring viel Drama-Potential, mit Alexander Ludwig (“Vikings“) und Stephen Amell („Arrow“) in den Hauptrollen. Im Interview hat Amell auch einen kleinen Wrestling-Reality-Check gemacht.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 13.08.2021

Szene aus der Serie Heels | Bild: Quantrell Colbert

Jack Spade geht auf den Ring zu. Muskeln, mieser Blick, ein Signature-Song, zu dem er einläuft. Er ist Wrestler. Und wenn die Einlauf-Musik erklingt, dann jubelt das Publikum nicht. Es buht ihn aus. Und das soll es auch. Denn Jack Spade (Stephen Amell) ist ein „Heel“. So heißen im Wrestling die Bösen. Ihre Gegenspieler sind: Die Guten. So simpel gestrickt, wie diese Aufteilung klingt, sieht sie auch erst aus, die Serie „Heels“. Wir befinden uns in einer Kleinstadt im US-amerikanischen Georgia. Die maskulinen Männer sind muskulös, die femininen Frau sind attraktiv, der verschlafene Ort ist klein. Doch: Es entblättert sich ein fabelhaftes Drama.

Jack Spade führt eine Wrestling-Liga an, die DWL. Die Duffy Wrestling League. Er schreibt die Drehbücher für die Kämpfe, leitet das Training und behält den Überblick. Während seine Ehefrau Coupons sammelt - Geld sparen ist angesagt - bestellt er teure Nebelmaschinen. Alles für die Show. Die Show, die davon lebt, dass das Publikum es liebt, die Guten zu lieben und es genauso liebt, die Bösen zu hassen. Damit die Zuschauenden schnell auch gedanklich mit in den Ring steigen, bekommen wir Stück für Stück alles erklärt. Was “Heels” sind und was ein “Face” ist, nämlich das Gute im Gegensatz zum Heel. Wie die Moves funktioniert und natürlich wird uns auch die dringendste Frage überhaupt beantwortet. Als eine Figur fragt, ob die Fans nicht wüssten, dass alles ein Fake sei. Ja, das wissen sie schon. Aber, so lautet die Antwort, das Glauben an den Guten und den Bösen macht das Publikum zu einem Teil der Show. Und das ist gar nicht allzu skurril.

Stephen Amell – bekannt auch für seine Rolle als Bogenschütze in „Green Arrow“ – vergleicht das sehr meta mit einer Unterhaltungsform, die ausgesprochen erfolgreich ist: „Für mich ist Wrestling wie eine Serie. Mit Helden und Bösen und einer eigenen Machart. Man fiebert mit einer Geschichte mit. Wir versuchen in den Zuschauern etwas auszulösen, sie zu bewegen. Wenn sie etwas empfinden, egal ob es positiv ist oder negativ - dann haben wir alles richtig gemacht.“

Wrestling als Entertainment für die Familien aus dem Umland

Aus diesem Wrestling-Rollenspiel formt die Serie in einem Kleinstadt-Kosmos die Frage, ob und wie es möglich ist, zwischen den einzelnen Rollen im Leben zu unterschieden. Wissen wir, was wir spielen und können wir mit Reaktionen Anderer darauf umgehen? Wissen wir, wer wir sind? Auch Jacks kleinerer Bruder Ace Spade, gespielt von Alexander Ludwig, ist Wrestler und das Gegenstück zu Jacks Rolle: Ace ist einer von den Guten. Als Wrestler ist er beliebt, freundlich, ein Held. Im Alltag? Klaut er in einem Laden und beleidigt die Kassiererin. Ace verschwindet hinter seinem Wrestling-Charakter, kann sich nicht von ihm trennen.

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Heels | Official Trailer | STARZ | Bild: STARZ (via YouTube)

Heels | Official Trailer | STARZ

Die Vermischung von Wrestling-Charakter und privater Persönlichkeit kann man tatsächlich auch im Profi-Sport beobachten. Sagt Schauspieler Stephen Amell, der Jack spielt, selbst Wrestling-Fan ist und Erfahrung im Showsport hat: „Es sind schon sehr viele Wrestler in Schwierigkeiten geraten, weil der Wrestling-Charakter zu sehr die echte Persönlichkeit beeinflusst hat. Meistens taugt dieser Charakter aus dem Ring auch wirklich nur für den Ring. Und nicht in der echten Welt. Denn das sind übergroße Versionen eines Menschen. Sie sind kein guter Moralkompass.“

Eine Figur, die ihre Vorbilder sicherlich auch im echten Leben hat, ist die des Wild Bill Hancock (Chris Bauer). Bill hat es geschafft: Raus aus Duffy, rein in die Welt der Millionäre. Nun ist er als Talent-Scout wieder in der Stadt, nennt sich selbst bei seinem Wrestling-Namen, hat mehr als ein Sucht-Problem, aber dafür keinerlei Hemmungen.

Wrestling als Aufstiegschance?

Weil alles in einer bedeutungslosen Kleinstadt spielt und einige Serienfiguren in Wohnwägen leben, stehen die einzelnen Charaktere unter zusätzlichem Druck aus dem Wrestling mehr zu machen als Entertainment für die Familien aus dem Umland. Sie alle könnten berühmt werden, reich, dem Ort entkommen. Wrestling als Aufstiegschance? Als hoffnungsvollen Gedanken gibt es den auf jeden Fall, sagt Stephen Amell: „Es gibt diesen verlockenden Gedanken, dass du in der professionellen Liga zum Millionär werden kannst. Wenn du eine Besonderheit hast, die das Publikum bewegt. Ob sie jubeln oder dich ausbuhen. Dann startest du durch und stehst plötzlich vor 20.000 Menschen, die deinen Namen rufen. Aber da steckt viel Arbeit dahinter. Genau jetzt kämpfen wahrscheinlich einige der besten Wrestler der Welt vor 100 Menschen in irgendeiner örtlichen Turnhalle. Sie könnten unbekannt bleiben - oder das nächste große Ding werden. You never can tell!“

Szene aus der Serie "Heels".

Bekannt wurde Stephen Amell auch in der Hauptrolle der Serie „Arrow“ in der er, wenig überraschend, den Superhelden „Green Arrow“ spielt. Muskelpaket im hautengen Kostüm, eine Persönlichkeitsänderung vom Normalo zum Alter Ego – sind Wrestler auch irgendwie Superhelden? „Ich finde es ist eine Superhelden Show. Von Jack Spade gibt es die eine Version, die jeder kennt: Den liebevollen und hilfsbereiten Familienvater. Aber wenn sein Einlauf-Song gespielt wird und er sein Superheldenoutfit anzieht, wird er zu einer Superheldenpersona. Er wird zum Bösewicht. Zu dem Typen, der in den Ring kommt und allen den Finger zeigt und es liebt und dafür lebt, ausgebuht zu werden.“

Das erinnert an die Netflix-Serie „Glow“, mit Alison Brie und Kate Nash. Dort wurde das Wrestling im 80er Look als – zunächst spielerische – Emanzipations-Utopie betrachtet. In der ein Alter Ego nicht nur für das Publikum da ist, sondern die Spielende ermächtigt - und das in einer Frauen-Wrestling-Liga: "Gorgeous Ladies Of Wrestling" – kurz „Glow“.

Serie „Heels“ offensichtlich nicht nur für ein nischiges Zielpublikum

Der aktuelle Serienmarkt diversifiziert sich immer mehr – hier haben wir eine queere Serie, hier drüben ist was für Feministinnen und woanders finden wir das konservativere Segment. Durch Streaming findet jede noch so kleine Sparte ihr Publikum. In dieser Dynamik überrascht die Serie „Heels“. Auch wenn Vorab-Trailer zur Serie vor allem die Brüder zeigen – oft halbnackt und extra maskulin - machen alle Figuren Entwicklungen durch. Die Frauenfiguren, die anfangs nur als schönes Beiwerk wirken, genauso wie die Wrestler, die statt immer nur wütend auch weich und unsicher sein dürfen, stellenweise sogar flamboyant. Toxische Männlichkeit wird gezeigt, aber auch reflektiert und an einer Stelle von einer Figur als solche benannt. Nicht jede Wendung ist überraschend, nicht jeder Satz progressiv. Die Serie „Heels“ ist ganz offensichtlich nicht nur für ein nischiges Zielpublikum bestimmt. Und genau deswegen sollte sie in einer gerechten Serienwelt auch Erfolg haben - wenn der Serienmarkt nicht schon zu geteilt ist.

Zu sehen bei: STARZPLAY