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Flops des Jahres Diese Serien aus dem Jahr 2022 sollten in den Feuern des Schicksalsbergs brennen

Premiere! Zum ersten Mal haben wir in der Zündfunk-Redaktion neben Serien-Tipps auch nach Verrissen gefragt. Wir haben böse Texte zurückerhalten. Und – ihr werdet es nicht glauben – auch deshalb streiten wir in der Mittagspause jetzt fast nur noch über Harry & Meghan.

Author: Zündfunk

Published at: 21-12-2022

Galadriel in "Die Ringe der Macht" | Bild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Uncredited

Hinweis aus der Redaktion: Die nachfolgenden Texte enthalten leichte Spoiler, die in der Regel im Text markiert sind.

Ferdinand Meyen warnt vor: "Die Ringe der Macht"

Das einzig Gute an "Die Ringe der Macht": Das Design der Orks

Schwache Schauspieler, schwache Story, dämliche Dialoge, grausam schwülstige Bilder. Es ist unvorstellbar, wie viel Geld Amazon für diesen Schmarrn in den Äther geballert hat. Cast it into the fire! Das Endprodukt hat es verdient, in die Flammen des Schicksalsbergs geworfen zu werden. Apropos Schicksalsberg (ACHTUNG SPOILER) – diese Szene bringt eigentlich auf den Punkt, wie schlecht "Rings of Power" wirklich ist. Als der Vulkan ausbricht und die Südlande zu Mordor werden, wird eine Texttafel eingeblendet. Wie in der Grundschule wird der Schriftzug "The Southlands" durchgestrichen und es erscheint das Wort "Mordor". Gute Serien verfolgen das Prinzip: "Show – don’t tell". Bei dieser Serie ist es umgekehrt. Es wird einem alles auf die Nase gebunden, die Figuren erklären ihre Gefühle und Motivationen immer so, dass es auch ein Höhlentroll verstehen würde. Und dann wird man auch noch mit unzähligen Callbacks und Nostalgie-Momenten bombardiert, Referenzen auf Peter Jacksons Filmtrilogie. Da wird schmerzlich klar, dass alles, was man an den Ringen der Macht gut finden könnte, schon mal da war, aber es leider nicht Teil dieser Serie ist. 

Zu sehen (lieber nicht) bei Amazon Prime

Alba Wilczek warnt vor: "And Just Like That"

Ein Foto aus einer besseren Serie: Carrie und Mr. Big in "Sex And The City"

Eigentlich ist die Serie ja schon letzten Winter 2021 gestartet. Aber da wusste ich noch nicht, was für einen desaströsen Verlauf dieses Feuerwerk der Cringeworthyness Anfang 2022 noch annimmt. Also von vorne. Der Plot des Sex-And-The City-Spin-Offs: Größtenteils wie gewohnt. Es geht um das Leben von Freundinnen rund um die Kolumnistin Carrie (Sarah Jessica Parker), um viel Sex und das Leben in New York City. Der größte Unterschied zur Original-Serie aus den 00er Jahren: Kim Catrall ist nicht dabei, sie spielt Samantha, die sexpositive Ikone und loyale Freundin von Carrie. Laut eigener Aussage hat sich Catrall schon lange nicht mehr wohl und wie eine Outsiderin in der Gruppe gefühlt. Ihre Rückkehr ins SATC-Universum ist wohl ausgeschlossen. Schade. Denn Samantha fehlt. Und die Versuche der Writer*innen, sie doch irgendwie in die Serie hineinzuschreiben, scheitern kläglich. Spätestens als sie nicht mal zur – VORSICHT SPOILER – Beerdigung von Carries großer Liebe Mr. Big erscheint, ist klar: So ein Bullshit. Die echte Samantha hätte sich nie so verhalten, ihre beste Freundin niemals geghostet. Shame! Ansonsten versuchen die Writer*innen krampfhaft, die gealterten drei Freundinnen in das woke Zeitalter zu bringen. People of Color-Protagonist*innen wirken wie Tokens, die jetzt mit Nachdruck platziert werden, um den Mangel an Diversität in den sechs Original-Staffeln wettzumachen. Keine der Figuren hat einen wirklich tiefergehende Storyline - außer Carrie, Charlotte und Miranda Nachhilfe in Political Correctness zu geben, die weißen Frauen dadurch in einem besseren Licht und weltoffen dastehen zu lassen. Die zweite Staffel des Spin Offs ist wohl schon in the making. Ich positioniere mich dagegen mithilfe des Klassikers aller Verrisse: Sie hätten es einfach gut sein und die monumentale Serie in Kult, Problematik und Würde altern lassen sollen.

Zu sehen (lieber nicht) bei WOW

Paula Lochte warnt vor: "Love Is Blind" (Staffel 3)

Sieht fast so aus, aber nein, Danger Dan spielt bei "Love Is Blind" leider nicht mit

Ohne sich zu sehen, und damit befreit von Äußerlichkeiten und oberflächlichen Vorurteilen, lernen sich in der Netflix-Realityshow "Love Is Blind" Singles kennen. Und wenn alles gut geht, heiraten sie im Staffelfinale. Soweit die Theorie, die geradezu nach einer Utopie klingt (Okay, das Heiraten geht etwas zu schnell). Doch spätestens in der dritten Staffel zeigt die Show ihre dystopische Fratze. Denn nach ein paar Tagen in Kabinen mit Sichtschutz sehen sich die Singles (nun Verlobte) eben doch, und es dauert wenige Sendeminuten, bis Teilnehmer (meist Männer) über ihre Auserwählten Sachen sagen wie: "Sie ist optisch nur eine fünf von zehn." Oder: "Hätte ich doch lieber die andere gewählt, die ist eine sexy Granate." Diese tiefschürfenden Weisheiten plärren sie nicht nur in die Kamera, sie sagen sie den Frauen auch ins Gesicht. Das führt manchmal zu schlagfertigen Kontern, meist jedoch zu psychischen Krisen, die die Show voyeuristisch ausschlachtet. Der absolute Tiefpunkt ist erreicht, als die Producer es zulassen, dass ein Mann mit Aggressionsproblemen (Ausrede: Seine Jugendliebe hat ihn betrogen, nun kann er keiner Frau mehr vertrauen) seine Verlobte in der Show anschreit und ihr dabei hochrot und spuckend immer weiter auf die Pelle rückt. Das passiert gleich mehrfach; einmal hat sie angeblich mit einem anderen Mann geflirtet, einmal hat sie es gewagt, ohne ihn auszugehen. Besitzgebaren und toxische Männlichkeit sind offensichtlich auch 2022 so show- respektive salonfähig, dass niemand einschreitet. Obwohl es wirkt, als würde er jeden Moment zuschlagen. Dass diese Datingshow so erfolgreich ist, sagt nichts Gutes: weder über den Streaminganbieter Netflix noch über unsere Gesellschaft.

Zu sehen (lieber nicht) bei Netflix

Ferdinand Meyen warnt vor: "The Sandman"

"Buhu, ich bin Dream und ich habe ein seeeeeeeeeeeeeeeeeeeehr langes Gesicht!"

Kommt ein Sandmann in eine Bar. Fragt der Barkeeper: "Was ziehst du denn für ein langes Gesicht?" Mal im Ernst, was ist bei dieser Serie bloß mit der Kamera passiert? Ja, ich weiß, irgendwie wurde "The Sandman" dafür gelobt, dass er sich nah an der Comic-Vorlage orientiert. Ich kenne die nicht, vielleicht sind die Gesichter da auch so langgezogen. Ansonsten erzählt uns die Serie die Abenteuer des Dämons "Dream", aber ich frage mich: warum? Eine zusammenhängende Story suche ich vergebens. Es gibt drei oder vier Handlungsstränge, die dann immer wieder durch Episoden unterbrochen werden, die eigentlich eher Kurzfilme sind. Und auch politische Kritik habe ich vermisst (andere Fantasy-Serien können das besser). Stattdessen habe ich gerätselt, ob am Fernseher etwas kaputt ist, weil das Bild so seltsam langgezogen ist. Das Gemeine: Irgendwie scheint es die ganze Zeit so, als hätte das Ganze irgendeinen philosophischen Anspruch. Vielleicht haben sich manche darin wiedergefunden, mir ging es eher auf die Nerven. Die ganze Zeit hatte ich das Gefühl, dass da noch mehr kommt, dass da irgendein Ansatz ist, der "The Sandman" doch noch gut macht, dass da ein Twist lauert, der mich plötzlich verstehen lässt, was das alles soll. Aber das Warten war umsonst. Für mich ein Lowlight im Jahr 2022.

Zu sehen (lieber nicht) bei Netflix

Alba Wilczek warnt vor: "Wednesday"

"Buhu, ich bin Wednesday Addams, und ich habe Angst vor meinem Spiegelbild"

Ich war bereits skeptisch. Denn ich liebe die morbid-witzigen Addams-Family-Filme aus den 90ern. Christina Ricci, die als Wednesday Addams ihr komplettes Summer-Camp in Flammen steckt oder ihren neuen kleinen Baby Bruder mehrfach knapp umbringt? Iconic! Lange habe ich mich gewehrt, in die Neuverfilmung von Tim Burton reinzugucken. Doch als mir auf TikTok immer wieder diese vermaledeite Tanzszene ausgespielt wurde – ja, die, in der Hauptdarstellerin Jenny Ortega als Wednesday zu einem tollen Song der Cramps tanzt – da habe ich klein beigegeben. Ein Fehler. Jenny Ortega spielt zwar toll, blinzelt wenig und trägt den Grufti-Prada-Chic – den Karren aus dem Matsch zieht das Ganze aber nicht. Die Storyline wird unmöglich in die Länge gezogen, die Komik der Protagonistin teilweise zu oft, teilweise zu wenig ausgeschöpft und den Bösewicht, den erspäht schnell jeder, der einmal in seinem Leben eine Mystery-Serie geguckt hat. Figuren wie Pugsley werden anfangs eingeführt und dann komplett aus den Augen verloren, Publikumslieblinge wie Onkel Fester kommen viel zu spät zum Zug. Einziger Lichtblick: Das emotionale Eiskalte Händchen. Teil des Plots ist übrigens, dass Wednesday Angst vor ihrem Spiegelbild aus dem Mittelalter hat. Really? Die Frau, die Piranhas auf Mobber loslässt? Mein Tipp: Skippen und einfach die Tanzszene auf Youtube angucken.

Zu sehen (lieber nicht) bei Netflix

Thomas Mehringer warnt vor: "Picard" (Staffel 2)

Ein Commander Data aus einer besseren Zeit

"Make it so" wie damals: Das war schon bei Staffel eins der Star-Trek-Serie ersichtlich: Der Zauber bei einer Spin-Off-Serie, basierend auf dem Next-Generation-Captain und französischen Teufelskerl, Jean-Luc Picard lag darin, dass die Showrunner – wie gewohnt – schön philosophisch angehaucht Fan-Service betreiben, hier mit Fokus auf die Nostalgie – langweilig wird sie nie. So wurde in Staffel eins – Achtung Spoiler – der freundliche Android Data würdig beerdigt und andere Figuren aus dem Star-Trek-Universum tauchten fidel wieder auf. Auch Staffel zwei setzt genau da an, bringt den Weirdo Q zurück und Picards steinalte Freundin Guinan, gespielt von Whoppie Goldberg. Klingt doch super, wurde es aber nicht, denn Staffel zwei hat mich da verloren, wo der Fan-Service überhandnahm – und zwar bei einer Zeitreise, die Trekkies natürlich nicht unbekannt sein dürfte. Die geliebten Figuren zurückholen, okay, aber die Storylines solche Haken schlagen lassen, damit man altbekannte Narrative neu aufwärmen kann, das ist mir zu viel. Da werde ich zum Klingonen. 

Zu sehen (lieber nicht) bei Amazon Prime

Roderich Fabian warnt vor: "Archive 81"

Hilfe, ein Horror-Klischee!

Ich mag Horrorfilme. Auch wenn ich dafür von manchen, die so etwas nie anschauen würden, für ein bisschen krank im Kopf gehalten werde. Und ich bin nicht der Einzige. Das Horror-Genre gibt es, seit es bewegte Bilder gibt. Der Stummfilm "Nosferatu - eine Symphonie des Grauens" von Friedrich Wilhelm Murnau, der vor genau 100 Jahren erschien, ist noch genauso verstörend wie damals. Horror hat immer in Krisenzeiten Konjunktur, weil die Menschen dann andere Menschen sehen, denen es noch schlechter ergeht - das beruhigt ein bisschen. Der Erfolg der Netflix-Serie "Archive 81" lässt sich also schon mal aus dem Zeitgeist heraus erklären, der gerade weht - aber auch aus der Tatsache, dass hier ziemlich gnadenlos die Horror-Klischees vermischt werden. Je dicker aufgetragen wurde in dieser Serie, umso egaler ist es mir gewesen, wie die Geschichte ausgeht. Aber vielleicht habe ich den tieferen Sinn nicht erfasst: Denn wenn alle zehn Minuten ein neuer Horror um die Ecke kommt, ist man als Zuschauer wahrscheinlich so abgestumpft, dass einen nichts mehr schocken kann. Und genau dieses Gefühl macht sich ja breit in der unendlichen Pandemie, die Professor Drosten cineastisch schon früh richtig benannt hat, als eine Katastrophe in Zeitlupe.

Zu sehen (lieber nicht) bei Netflix

Ferdinand Meyen warnt vor: "Harry & Meghan"

Schön, reich, aber trotzdem arm dran: Harry & Meghan

Wenn es so etwas wie einen Berg namens Doppelmoral gäbe – Harry & Meghan würden oben auf dem Gipfel stehen. Das muss man erstmal schaffen: Sich als öffentlichkeitsscheues Paar zu geben, das von der Presse in Ruhe gelassen werden will – vor einem Millionenpublikum auf dem weltweit größten Streaming-Anbieter Netflix. Es ist ja schon irgendwie interessant, den beiden dabei zuzuschauen, wie sie in die Kamera schluchzen, wie mies es ihnen ergangen ist. Und dabei wahlweise in einem gigantischen New Yorker Loft mit panoramic view oder einem gigantischen Landhaus in Kanada sitzen. Das Vermögen von Harry & Meghan beläuft sich auf schätzungsweise über 300 Millionen Dollar. Da fällt es schwer, beim insgesamt dramatisch anmaßenden Grundtonus der Serie ernst zu bleiben. Vor dem Gesichtspunkt großartige Unterhaltung. Nicht falsch verstehen: Auch Superreiche können Probleme haben, Depressionen, von Rassismus betroffen sein. Meine Kollegin Alba Wilczek zählt zu Recht auf, was Meghan Markle alles erlebt hat. Aber vor dem Hintergrund ihrer Lebensqualität sind das mit Sicherheit nicht die Debatten, die uns als Gesellschaft in diesen großen Fragen weiterhelfen. Wohin sollen sich progressive Bewegungen denn entwickeln, wenn sich sogar das reiche Prozent jetzt als Opfer sieht? Rassismus, Sexismus, diese Debatten hängen mit dem Kapitalismus und mit sozialer Ungleichheit zusammen. Und da stehen Harry & Meghan leider nicht auf der Seite, auf der sie sich selbst verorten. Denn die eigenen Privilegien werden von den beiden in der Netflix-Serie (zumindest bis Folge vier, da habe ich abgebrochen), nicht thematisiert.

Zu sehen (lieber nicht) bei Netflix