Bayern 2 - Zündfunk


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Die Rückkehr der Fußball-Zombies Wie sich die Baslers, Effenbergs und Pochers auf Mesut Özil einschießen

Wer hat noch nicht, wer will noch mal – jetzt ist die Gelegenheit, endlich alles wieder sagen zu dürfen, was man sich bei den letzten drei WMs nicht mehr zu sagen traute - bzw. was man nicht sagen konnte, weil sich keiner für einen interessiert hat. Aber jetzt sind die Fußball-Zombies Matthäus, Basler, Effenberg & Co. zurück und hauen drauf - vor allem auf Özil.

Von: Caroline von Lowtzow

Stand: 19.06.2018

Fußball-Zombie: Lothar Matthäus | Bild: picture-alliance/dpa

Der Spielerrat der deutschen Nationalmannschaft hat getagt und sich auf Folgendes geeinigt: Bei den nächsten WM-Spielen wird aus Solidarität mit Özil und als politisches Statement kein deutscher Spieler mehr die Nationalhymne mitsingen. Die Spieler hoffen dadurch, die Debatte zu beenden, wer ein guter und wer kein guter deutscher Nationalspieler ist.

Das ist Fiktion, vielleicht sogar ein frommer Wunsch, hätte aber viele der Diskussionen, die wir jetzt gerade in sämtlichen TV-Formaten - vom Sport 1 Doppelpass bis hin zu Hart aber fair - ertragen müssen wohl beendet - oder zumindest entschärft. So aber schwelt die Diskussion weiter, die mit dem Treffen von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsident Erdogan begonnen hat. Wichtig ist aber, zu schauen, wer da eigentlich über was diskutiert. 

Die Schland-Zerstörer

Hat das schöne Schland kaputt gemacht: Mesut Özil.

Wer hat noch nicht, wer will noch mal – jetzt ist die Gelegenheit, endlich alles wieder sagen zu dürfen, was man bei den letzten drei Weltmeisterschaften sich nicht mehr zu sagen traute, weil die Özils, Boatengs und Khediras gemeinsam mit den Müllers, Lahms und Neuers Deutschland endlich aus dem Fußballjammertal geholt haben. Wir waren nicht mehr das langweilige, emotionslose Land, wir waren Fan-Meile, wir waren Public Viewing, wir waren "Gude Laune" – kurz: Wir waren Schland. Bis – ja, bis zwei National-Spieler mit türkischen Wurzeln unser schönes Schland kaputt gemacht haben.

Und jetzt? Jetzt darf jeder mal ran und draufhauen. Vor allem die, für die sich die letzten drei WMs zum Glück niemand mehr interessiert hat.

Lothar Matthäus:

"Ich habe bei Özil auf dem Platz oft das Gefühl, dass er sich im DFB-Trikot nicht wohlfühlt, nicht frei ist, ja fast: als ob er gar nicht mitspielen möchte. Da ist kein Herz, keine Freude, keine Leidenschaft."

Matthäus hatte 2011 übrigens keine Probleme bei einem Freundschaftsspiel in Grosny mitzuspielen, das der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow organisiert und bei dem er auch selbst mitgespielt hatte. Kadyrow werden Folter, Verschwinden lassen von Menschen, Verhaftung von oppositionellen und Korruption vorgeworfen. Entschuldigen wollte sich Lothar Matthäus nicht.

Stefan Effenberg:

"Wenn er so zu seinem Land, Deutschland, steht, dann muss er auch die Hymne mitsingen."

Wegen Stinkefingergate war Effenberg 1994 aus der Nationalmannschaft geflogen. Danach fiel er unter anderem wegen Beleidigungen von Polizisten und Arbeitslosen auf. Er ist auch derjenige, der mal sagte, er habe sieben Monate in Katar gewohnt und da keine Sklaven, Menschenrechtsverletzungen gesehen. Na dann.

Mario Basler:

"Ich muss es immer wieder sagen: Ein Özil, seine Körpersprache ist die von einem toten Frosch. Das ist jämmerlich. (…) Wenn ich gestern das Tor nehme, wie er da verteidigt hat als sogenannter Führungsspieler, das war ja erbärmlich."

Basler wunderte sich Anfang des Jahres noch darüber, dass die Spieler heute alle so brav sind. "Ich würde mir mal in jeder Mannschaft einen wünschen, der aus der Reihe tanzt. Aber heute traut sich ja keiner mehr etwas."

Oliver Pocher:

"Man nimmt immer die ganzen Vorteile der Nationalmannschaft mit, aber ich glaube, wenn die Türkei erfolgreicher wäre, hätten sie tendenziell eher für die Türkei als für Deutschland gespielt. Das ist einfach Fakt: Man pickt sich die Rosinen raus. Auch wenn zwei Herzen in ihrer Brust schlagen, es wäre schon ein Statement mitzusingen."

Pocher, Fußball-affiner Fernsehmoderator und Comedian, wurde 2005 im Rahmen von Rent a Pocher zum Nationaltrainer der Fußballnationalmannschaft von Sansibar ernannt und soll 2014 auf dem Wiener Opernball in einem ORF-Interview mit Kim Kardashian einen rassistischen Witz über ihren damaligen Freund Kanye West gemacht haben.

Es ist halt immer und schon jeher das Gleiche: Der Mensch (und wir Deutschen ganz besonders?) braucht halt immer einen Sündenbock. Es muss einen Schuldigen geben. Wie gut, dass es neben den Draxlers, Müllers, Kroos, Hummels, Kimmichs, Plattenhardts auch einen Özil gibt, auf den man alles schieben kann. Einmal Türke – immer Türke. Egal wie viel man geackert hat für dieses Land. 


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