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Roots-Musikerin Rhiannon Giddens "Schwarze Geiger wurden aus der Geschichte ausgelöscht - im Sinne einer weißen, rassistischen Agenda"

Rhiannon Giddens ist eine grammy-prämierte amerikanische Roots-Musikerin, die sich auch als Aktivistin gegen Rassismus in der Musik-Geschichte einsetzt. Mit Texten und Instrumenten erklärt sie, warum Country Musik ursprünglich schwarzen Einflüssen entsprang. Eine Begegnung.

Stand: 14.04.2021 15:49 Uhr

Roots-Musikerin Rhiannon Giddens | Bild: picture alliance/AP Images | Michael Dwyer

Zündfunk: Rhiannon, du setzt dich immer wieder aktivistisch in Sachen Musik-Historie ein. Seit viele Jahren versuchst du, Leuten klar zu machen, dass es an der Zeit ist, vieles endlich anders und damit endlich mal korrekt zu sehen. Zum Beispiel, dass das Banjo nicht von weißen Europäern in die USA gebracht wurde.

Rhiannon Giddens: Das Banjo ist ein afro-amerikanisches Instrument. Es wurde in der Karibik erfunden. Es stammt ganz offensichtlich von verschiedenen afrikanischen Lauten-artigen Instrumenten ab. In der schwarzen Community findet man es seit dem 17. Jahrhundert. Erst so um 1820, 1830 herum hat das Banjo auch Eingang in die weiße Community gefunden. Dieses Instrument ist ein Symbol für viele Missverständnisse in Bezug auf die amerikanische Musik ganz allgemein. Amerikanische Musik war immer eine Mischung aus vielen, verschiedenen Dingen, aber der afro-amerikanische Anteil daran ist viel größer und reicht weiter zurück, als die meisten denken. Sie sagen: 'Ach, das begann in den 20ern mit Blues und Jazz'. Tatsache aber ist: Die absolute Grundlage amerikanischer Musik ist Fiddle- und Banjo-Musik, die von Afro-Amerikanern gespielt wurde.  

Warum wurden diese Tatsachen so lange unter den Teppich gekehrt?

Der Grund ist schlicht und einfach Rassismus. Man hat versucht, ein ethnisch-weißes Kulturerbe zu konstruieren. Das begann ganz eindeutig in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Und das Banjo wurde da miteinbezogen, genau wie die Fiddle. Es gab massenhaft schwarze Geiger, aber sie durften weder an Wettbewerben teilnehmen noch auf Festivals spielen, noch wurden ihre Sachen aufgezeichnet. Sie wurden aus der Geschichte ausgelöscht im Sinne einer weißen, nationalistischen und rassistischen Agenda. Das wird schnell klar, wenn du Forschung betreibst, wie ich das seit zehn Jahren mache.

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Rhiannon Giddens with Francesco Turrisi: there is no Other | MetLiveArts | Bild: The Met (via YouTube)

Rhiannon Giddens with Francesco Turrisi: there is no Other | MetLiveArts

Vor allem der Begriff "Country Music" steht für ländliche, weiße und eher konservative Musik, die in der Grand Ole Opry, einem Konzerthaus in Nashville, Tennessee, bis heute gefeiert wird. Aber für dich ist die Erfindung höchst problematisch.

Die sogenannte "Country Music" wurde vor rund hundert Jahren aus kommerziellen Gründen konstruiert. Man hat damit vieles verborgen. Einer der frühen Stars der Grand Ole Opry war z.B. DeFord Bailey, ein Schwarzer. Weil die Grand Ole Opry anfangs aber eine Radio-Sendung war, hat niemand gewusst, wie er aussieht (lacht). In dieses Konstrukt "Country Music" ist vieles eingeflossen, als Ausdruck konservativer Ideen. Aber viele frühe Country-Stars dachten gar nicht so. Auch die Idee, dass bergige, ländliche Gegenden automatisch immer konservativ geprägt waren - heute würde man sagen: republikanisch - stimmt so nicht. Da wurden Images kreiert und ein dumpfer Nationalismus verkauft, der sich nie gut mit der Wahrheit verträgt.

Auch dank Leuten wie dir wird nun über die Entstehung volkstümlicher Musik in den USA neu nachgedacht und diskutiert. Ein guter Anfang?

Mehr und mehr Leute werden sich dieser Dinge bewusst. Das ist schon mal gut. Aber es ist ein mühseliger Kampf, den ich schon sehr lange kämpfe. Noch immer gibt es eine tief verwurzelte Ignoranz. Tatsächlich wurden ja die Vorstellungen einer weißen Rassen-Trennung damit verknüpft, dass Country Music das weiße Vermächtnis amerikanischer Musik ist. Davon lassen die Leute nicht so leicht los. Sie haben wohl Angst, dass ihnen dann gar nichts bleibt - was nicht stimmt - aber dieses falsche und simplifizierte Narrativ wurde eben lange erzählt, so im Sinne von: 'Ihr habt dies, und wir haben das.' Aber die Geschichte der amerikanischen Musik geht ganz anders, sie ist völlig von ganz diversen, gegenseitigen Einflüssen bestimmt, was sie ja erst so großartig macht! Aber diese Geschichte ist eben nicht so einfach zu erzählen. Da muss man sich auskennen, dazulernen, daran arbeiten. Aber die meisten schauen lieber Netflix und hören sich leicht verständliche Geschichten an. So ist die amerikanische Gesellschaft nun mal aufgebaut: Man fördert nicht das tiefe Nachdenken, sondern simple Narrative. Und ich fürchte: Viele von uns sind in dieser Welt gefangen.


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