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Meinung Wo war Gondor, als „Die Ringe der Macht“ und „House Of The Dragon“ produziert wurden?

Die neuen Serien „Die Ringe der Macht“ und das Game-of-Thrones-Spinnoff „House of the Dragon“ werben mit starken Frauen und Schwarzen Darstellern. Trotzdem scheitern beide. Weil sie trotz Diversity viel weniger politischen Zündstoff haben als ihre Originale.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 02.09.2022

Galadriel in der Herr-der-Ringe-Serie "Die Ringe der Macht" | Bild: Courtesey of Amazon

Achtung: Dieser Text enthält kleine Spoiler zu den ersten Folgen von „Die Ringe der Macht“ und „House of the Dragon“.

Es ist wohl der Fantasy-Sommer der starken Frauenrollen. Amazon erzählt uns in „Die Ringe der Macht“ die Geschichte der wohl mächtigsten Elbin Mittelerdes, Galadriel. Und HBO präsentiert den Aufstieg der Prinzessin und Drachenreiterin Rhaenyra Tagaryen zur Thronfolgerin von Westeros. Diese beiden Frauen sind umgeben von Männern, die meinen, sie wüssten es besser: Sie sind zum Beispiel sicher, dass Frauen nicht im Stande sind, ein „Königinnenreich“ zu führen. Oder sie denken, dass der dunkle Herrscher Sauron verschwunden ist, obwohl es in Mittelerde vor Orks nur so wimmelt. Galadriel zum Beispiel ist sich sicher, dass der Feind noch da draußen ist. Doch sie bekommt die Anweisung: „Du hast lange genug gekämpft, gib dein Schwert auf!“

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The Lord of the Rings: The Rings of Power - Official Trailer | Prime Video | Bild: Prime Video (via YouTube)

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Ein Cast so divers wie nie

Neben den starken Frauenrollen werben beide Serien außerdem mit einem diversen Cast. In „Die Ringe der Macht“ sehen wir erstmals schwarze Hobbits, Zwerge und einen schwarzen Elben. Und „House of the Dragon“ stellt uns mit den Velaryons ein Haus in Westeros vor, dessen Schirmherr Lord Corlys ein Schwarzer mit einer ziemlich schicken, blonden Perücke ist.

So wie in Westeros die Drachen, brüllen deshalb derzeit auch die konservativen Kritiker. „Woker Aktivismus“ ruiniere das Fantasy-Fernsehen, las man da, linke Aktivisten hätten die Produktionen gekapert. Besonders beim Herr-der-Ringe Prequel fürchteten einige, dass das Werk des großen Meisters durch Amazons Diversity-Richtlinien verschandelt würde. Jetzt, wo beide Serien gestartet sind, ist klar: Diese Befürchtungen waren völlig überzogen. Aber gut sind die Geschichten trotzdem nicht – und das hat leider auch mit Wokeness zu tun.

Wie sich „Woke Capitalism“ in Fantasy-Serien niederschlägt

Nicht ganz so böse wie "Woke Capitalism": ein Ork.

Beide Serien sind fast schon Werbeprojekte eines Systems, dass der Organisationswissenschaftler Carl Rhodes treffend „Woke Capitalism“ genannt hat. Im „aufmerksamen Kapitalismus“, schreibt Rhodes, geht es Firmen nicht mehr nur ums Geldverdienen, sondern darum, sich als Kämpfer für das Gute zu inszenieren – und daraus Profit zu schlagen. Nicht zwecklos fallen Loriens Blätter. Wenn Firmen sich mit Diversität oder mit Regenbogenfarben im Firmenlogo brüsten, lenkt das auch ab von Fragen, über die man als Großkonzern wie Amazon oder HBO nun wirklich nicht gerne nachdenkt: Gerechtere Löhne? Höhere Steuern? Ausbeutung von Arbeitnehmer*innen? Jetzt mal halblang Leute, in unserer neuen Serie versucht eine Frau, auf den eisernen Thron zu kommen! Obwohl es doch bis dato hieß, dass man in Westeros „nie eine Frau als Königin akzeptieren wird“.  

Warum „House of the Dragon“ und „Die Ringe der Macht“ konservativ sind

Rhaenyra Tagaryen in "House of the Dragon"

Und so sind beide Serien nur vordergründig divers, lullen uns aber eigentlich mit Geschichten ein, die wir so schon hundertmal gesehen haben. Vermutlich sind sie auch deshalb so langweilig – und ihre Charaktere so uninteressant. Wäre man wirklich an Diversität interessiert, müsste man an bestehenden Machtverhältnissen rütteln, in Geschichten auch mal die Klassen- oder Systemfrage stellen. Stattdessen werden uns nur plakativ schwarze Elben, Zwerge und Hobbits gezeigt, die meistens aber eher wirken wie Tokens, weil sie keine Rolle für die Geschichte spielen. Und so viel sei verraten: Auch Galadriel schafft’s am Ende nicht ohne einen Mann. Und Rhaenyra Tagaryen kämpft auch nicht für eine bessere Welt sondern nur für sich selbst und die Ausweitung ihrer Macht.

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House of the Dragon | Official Trailer | HBO Max | Bild: HBO Max (via YouTube)

House of the Dragon | Official Trailer | HBO Max

Trotz weniger Diversität: Die Originale sind „woker“ als die Spinnoffs

Dabei war man sowohl in Westeros als auch in Mittelerde schon mal weiter. In Tolkiens Herr der Ringe ging es darum, sich trotz kultureller Unterschiede zu verbünden gegen eine Bedrohung, die alle betrifft. Darum, dass selbst der Kleinste den Verlauf des Schicksals zu verändern mag. Es gab zwar keinen diversen Cast, aber dafür eine Geschichte, die die Machtverhältnisse weit mehr in Frage stellt als „Die Ringe der Macht“. Und auch im Lied von Eis und Feuer erzählte uns George R.R. Martin schon die Geschichte des Aufstiegs einer Frau – und zwar deutlich komplexer. Daenerys Targaryen war – anders als jetzt Rhaenyra – tatsächlich daran interessiert, alte Strukturen zu zerschlagen. Und am Ende war die Botschaft in „Game of Thrones“, dass der beste Herrscher derjenige ist, der eigentlich gar nicht an politischen Ränkespielen interessiert ist. Jetzt haben wir mit „House of the Dragon“ und den „Ringen der Macht“ zwar zwei Serien mit diversem Cast und starken Frauen. Aber sie sind weit entfernt vom politischen Zündstoff der Originale.