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Illustrierte Comic-Autobiografie Das neue Bowie-Buch ist wie die Story vom kleinen Prinz - nur in weniger nervig und bunt

Bücher über David Bowie gibt es genug. Und auch an Ausstellungen mangelt es nicht. Das Genre multimediale Bowie-Musik-Lesung dagegen ist relativ neu. In dieser Woche tourte die „Bowie Night“ durch Deutschland. Grundlage der Veranstaltung ist eine neue Bowie-Autobiografie. Die Macher kommen aus München. Wir haben mit ihnen gesprochen.

Von: Tobias Ruhland

Stand: 12.10.2020

Bild aus dem neuen Buch "Bowie - ein illustriertes Leben". | Bild: Maria Hesse/Heyne Hardcore

Diese Augen. Diese riesigen, zweifarbigen Augen. Sie starren mich an. Bowie auf der Leinwand. Bowie aus den Boxen. Und der Musiker vor mir im Lichtkegel, diese Silhouette. Ich bin auf der "Bowie Night" im Münchner Muffatwerk. Ein Abend mit und über Bowie. Ein Abend, an dem auch das neue autobiografische Buch "Bowie - ein illustriertes Leben" vorgestellt wird. Natürlich ist auch Musik geboten. Ich frage mich: ist das wirklich Künstler Jesper Munk, der da Bowie-Songs interpretiert oder hat er sich inzwischen gar ganz in den thin white duke verwandelt? Und dann der andere Typ an der E-Gitarre vor mir: Eine optische Kreuzung aus Lou Reed und Johnny Cash zu ihren besten Zeiten. Er - der Typ an der E-Gitarre - ist Kristof Hahn. An diesem Abend hat er verdammt viel zu tun. Er ist seit zehn Jahren Gitarrist der US-Experimental-Rocker Swans und der Mann, der die deutsche Übersetzung von "Bowie – ein illustriertes Leben" verfasst hat. Er liest an diesem Abend auch daraus vor. Nein, es ist keine Faktenhuberei. Und ja, es ist möglich, das Leben und Œuvre von David Bowie auf 160 Seiten zu verdichten und der Person David Robert Jones näher zu kommen.   

Illustrationen immer den vielen Facetten von Bowie gerecht

David Bowie, dessen Bruder zeitlebens von Schizophrenie begleitet wurde. David Bowie, der mit seinem Sohn Zowie auf Safari nach Kenia geht, um das Vater-Sohn-Verhältnis zu retten. David Bowie, der sich diebisch freut, dass seine "Spiders from Mars" sich zunächst gegen Kostüme und Make-Up wehren, aber sich schon bald um die Lippenstifte streiten. Kunstvoll bebildert werden diese Geschichten von der spanischen Illustratorin María Hesse. Ein bisschen Picasso-Style haben die Bilder, mit diesen großen, gerne mal asymmetrischen Augen-, Mund, Nasen-Partien. Oft sind sie auf die Essenz und wenige Elemente wie pflanzen-umrankte Herzen beschränkt, oft abstrakt, aber sie werden immer den vielen Facetten von Bowie gerecht.

David Bowie als Koboldkönig Jareth im Film "Die Reise ins Labyrinth" aus dem Jahr 1986.

Markus Naegele, Musiker und Verleger von „Bowie – Ein illustriertes Leben“ hat da ein gutes Händchen bewiesen, die Zeichnungen nicht mit ollen Sprechblasen und Comic-Ästethik zu versauen. Im Interview erzählt er uns mehrich : "Es ist ja auch nicht wirklich eine Graphic Novel, sondern eine richtige Biografie in Ich-Perspektive. Die Autoren haben den Versuch unternommen, Fakt und Fiktion zu mischen. Fakten sind ja da. Und Fiktion, wie Bowie hätte sein Leben erzählen können. Ich bin kein Comic-Experte, aber ich finde im Gegensatz zum Comic ist das eher ein Kunstwerk. Passt für mich auch besser zu Bowie. Der hat ja selber Kunst auch gesammelt. Insofern ist das für mich eine ganz schöne Verbindung". Ein Auszug aus dem Buch liest sich so: "...Am Fußende meines Bettes kauerte ein merkwürdiges, hochgewachsenes Wesen. Sein Gesicht war so schmal, dass seine Wangenknochen aussahen wie Messerklingen. Es hatte rote Haare und einen durchdringenden Blick. Und dann packte es mich bei den Handgelenken und sagte: Ich bin gekommen, um Dir und Deinem Volk Euren Platz im Kosmos zu zeigen. Ich bin gekommen, um Euch ausrasten zu lassen. Und Du wirst meine Botschaft verkünden."

Der kleine white Duke und seine ereignisreiche Reise wohin auch immer

Das Buch funktioniert buchstäblich wie ein Daumenkino. Wie ein bunter Fächer, der uns die Verwandlungen von David Jones zu Major Tom, Ziggy Stardust bis hin zum Thin White Duke und Lazarus im Zeitraffer nachvollziehbarer macht. Und dank der relativ einfach-naiv gehaltenen Sprache mit vielen Ich-Sätzen, lässt sich das Phänomen Bowie auf einen eigentlich naheliegenden Gedanken herunterbrechen: Bowies Leben ist ein Märchen. Die Geschichte eines Jungen, der von Anfang nur eines wollte: Die Langeweile und das Alltagsgrau überwinden. Dazu dieses ganze Weltraum-Hin-und-Her-Gesause in Verbindung mit den teils aquarell-artigen Illustrationen. Und dann trifft ausnahmsweise mich mal der Blitz. Das Buch, die Story, der Typ! – Es ist wie "Der kleine Prinz". Nur halt nicht in nervig, sondern in bunt. Der kleine white Duke – und seine ereignisreiche Reise nach…Ja, wohin eigentlich?

Schauen wir nochmal ins Buch: "...Und dann war alles still. Ich machte einen Schritt vorwärts und tauchte schweigend in die Dunkelheit ein, bis sie mich vollständig einhüllte. Ich machte mich bereit, im Nichts zu verschwinden. Doch da war noch etwas. Ich schaute nach vorne und lächelte. Doch was ich sah, werde ich nicht verraten."


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