Bayern 2 - Zündfunk

Klima-Aktivist droht Präventivhaft "Ich weiß nicht, ob ich Weihnachten bei meiner Familie sein werde oder in der JVA Stadelheim"

Trotz der angedrohten Präventivhaft kündigt "Die letzte Generation" weitere Blockaden an. Dass die Mitte der Gesellschaft ihre Protestformen zunehmend ablehnt, nehmen die Aktivisten hin. "Es ist kein Beliebtheitswettbewerb, Aktivismus zu machen", sagt Simon Lachner, der gerade zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Ein Interview.

Von: Sandra Limoncini

Stand: 21.12.2022

Eine auf dem Boden klebende Hand | Bild: picture-alliance/dpa

Viel zu langsam gehen die Anstrengungen gegen den Klimawandel, sagen Wissenschaftler. Aber am meisten haben wir über "Die letzte Generation" und ihre Verkehrsblockaden diskutiert. Deren Forderungen sind nicht allzu überzogen – aber durch ihre extreme Form der Störung spricht kaum noch jemand über die Inhalte. Simon Lachner ist Aktivist der Gruppe "Die letzte Generation". Der 24-jährige Elektrotechniker war bereits als Schüler bei "Fridays for Future". Im Februar 2022 beteiligt er sich an einer Straßenblockade am Münchner Isartor und wurde dafür zu einer Geldstrafe verurteilt. Derweil kündigt "Die letzte Generation" weitere Blockaden an. Trotz der neuen, angedrohten Präventivhaft. Wir haben mit Lachner gesprochen.

Zündfunk: Du wurdest gerade zu 40 Tagessätzen á 15 Euro verurteilt. Wie geht es Dir damit?

Simon Lachner: Ich habe damit meinen Frieden geschlossen, das ist in Ordnung für mich. Dass ein Staat, der nicht willen ist, die Klimakatastrophe ernst zu nehmen, die bestraft, die darauf hinweisen, dass diese Regierung gerade Gesetze bricht. Das ist die Verteidigungsreaktion dieses Staates. Damit habe ich mich abgefunden.

Aber was hättest Du dir denn gewünscht?

Dass der Richter anerkennt, dass wir in einer Notstandslage sind. Der Klimawandel bedroht unsere Lebensgrundlage. Die Auswirkungen werden uns auch hier in Deutschland betreffen. Wenn er das anerkannt hätte, hätte er mich freisprechen können.

Schränkst Du dein Engagement jetzt ein oder machst Du weiter?

Ich werde weitermachen. Die Situation ist nicht besser geworden. Vor ein paar Tagen wurde das erste Flüssiggasterminal eröffnet, und die Politik hat‘s gefeiert.

Zwischen deiner Aktion im Februar und heute ist ja politisch einiges passiert. Die Möglichkeit der Präventivhaft wird angewendet, nach der Aktivisten auf Verdacht eingesperrt werden können. Wie siehst Du das?

Der Staat weiß sich offenbar nicht besser zu helfen. Wir lassen uns nicht einschüchtern, werden mehr, also sperrt man uns weg.

Du hast dich von deiner Freundin verabschiedet, weil die Möglichkeit besteht, dass Du Weihnachten im Gefängnis sitzen könntest.

Das war ein komischer Moment, aber ja, wir planen gerade eine weitere Aktion. Und wir können nicht abschätzen, wie die Polizei reagieren wird. Ob sie von der Präventivhaft Gebrauch machen und uns für einen Monat oder so einsperren. Also: Ich weiß nicht, ob ich Weihnachten bei meiner Familie sein werde oder in der JVA Stadelheim.

Macht Dir das keine Angst?

Doch. Und der Simon vor zwei Jahren hätte auch nie gedacht, dass es mal so weit kommt. Ich komme eigentlich aus einem sehr behütetem Umfeld. Aber was mit mehr Angst macht, ist wirklich, dass unsere Lebensgrundlage kaputt geht. Das macht mir mehr Sorgen, als dass ich ein paar Tage meiner Freiheit einbüßen muss.

Was sagt denn dein Umfeld dazu? Deine Eltern, deine Freunde?

Die Angst um mich ist schon da. Meine Freunde machen gerade in ihrem Leben beruflich Karriere – während ich mich derzeit politisch engagiere. Weil mir das wichtig ist, aber natürlich hat das Auswirkungen auf mein weiteres Leben.

Ich erlebe, dass ihr die bürgerliche Mitte gegen euch aufbringt, mit euren Aktionen. Ist das kein Risiko?

Das stimmt. Es gibt die Umfragewerte mit 82 Prozent, die "Die letzte Generation" ablehnen. Die Zahl sagt, dass die Leute unsere Gruppe nicht gut finden und das ist völlig in Ordnung. Niemand muss uns mögen – aber das Thema muss diskutiert werden. Es ist kein Beliebtheitswettbewerb, Aktivismus zu machen.

Nun werden Ende des Jahres die letzten Atomkraftwerke abgeschaltet. Die Debatte, die dazu geführt hat ist 50 Jahre alt. Glaubst Du dass ihr so einen langen Atem habt?

Das können wir uns nicht leisten. 2070 stehen die ersten Länder unter Wasser. Wenn wir dann erst ins Handeln kommen, ist es zu spät.