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Neue Audio-App Die fünf peinlichsten Clubhouse-Momente – und was wir daraus lernen können

Das Audio-Portal Clubhouse steht seit Tagen auf Platz eins der App-Charts, erlebt immensen User-Zuwachs. Doch neben innovativen Gesprächen gab es auch viele Pannen, die beweisen: Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 26.01.2021

Thüringens Minister Präsident goes Clubhouse | Bild: picture alliance / dieKLEINERT | Markus Grolik

Wer ins Clubhouse will, braucht eine Einladung. Denn ohne „Invite“, kann man sich die neue Audio-App nicht aufs iPhone (ja, es geht nur dort) herunterladen, kann man nicht an den exklusiven Gesprächsrunden mit Politiker*innen, Journalist*innen oder Start-Up-Gschaftlern teilnehmen. So wird die App künstlich verknappt – und jeder will so schnell wie möglich rein. Wenn man so will, ist Clubhouse das Berghain unter den Apps – nur dass sich dort eben nicht nur die coolen Kids herumtreiben. Die fünf peinlichsten Momente beweisen das.

1. Bodo Ramelow zockt Candy Crush

Der Vorfall: Ein Ministerpräsident gibt offen zu, dass die endlosen Corona-Sitzungen mit der Kanzlerin, Zitat Ramelow, „Merkelchen“, so langweilig sind, dass er währenddessen lieber Candy Crush spielt.

Die Beteiligten: Der oberste Rostbratwurst-Fan höchstpersönlich: Bodo Ramelow. Außerdem dabei: Über tausend Zuhörer*innen, die sich auf Clubhouse in die Gesprächsrunde mit dem Ministerpräsidenten eingewählt hatten.

Das lernen wir daraus: Eigentlich verspricht Clubhouse ja Privatsphäre. Aber wenn man Ministerpräsident ist, gelten andere Regeln. Vor allem dann, wenn eigentlich fast nur Journalist*innen zuhören, die auf der Suche nach der nächsten Story sind. Politiker*innen fordern jetzt eine Entschuldigung von Ramelow. Aber mei. Solange Bodo nicht Steuergeld-Crush spielt, ist das alles ja irgendwie auch halb so wild.

2. Thomas Gottschalk crasht Clubhouse

Thomas Gottschalk, versucht sich seit 1983, in die Audio-App Clubhouse einzuwählen

Der Vorfall: Wetten, dass ein 70-Jähriger eine neue Hype-App herunterladen kann – ohne an der Technik zu scheitern? Top, die Wette gilt!

Die Beteiligten: Jule Wasabi und Sascha Lobo hatten Thomas Gottschalk eingeladen, an einer recht persönlichen Clubhouse-Gesprächsrunde teilzunehmen. Doch der herbstblonde Entertainer hat technische Probleme und muss wegen schlechter Qualität rausgeschmissen werden. Die Folge: 43 Minuten lang warten über 5.000 Teilnehmer*innen auf Gottschalk.

Das lernen wir daraus: Früher waren es die Einschaltquoten, jetzt treibt Gottschalk Clubhouse an die Grenze. Die Prominenz des Kult-Moderators war offenbar zu viel für die Server der nur in Deutschland so gehypten App. Es hatten sich so viele User eingewählt, dass die Session immer wieder abstürzte.

3. „Lügenpresse? Was ist los im Journalismus“

Der Vorfall: Der erste richtige „Skandal“ in der noch recht jungen Clubhouse-Geschichte. Im Fokus: Eine Session, in der eine rechte Influencerin eingeladen war, um über „die Medien“ zu sprechen. Die Organisator*innen stehen in der Kritik, weil die Influencerin dort mit seriösen Journalist*innen als scheinbar ebenbürtige Expertin diskutieren durfte und wegen des rechten Begriffs der „Lügenpresse“ im Titel.

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Anna-Mareike Krause Ja, was ist los im Journalismus, wenn die Kolleg*innen hier mit Anabel Schunke reden als wäre nichts? https://t.co/ZCjvDBmml9

Ja, was ist los im Journalismus, wenn die Kolleg*innen hier mit Anabel Schunke reden als wäre nichts? https://t.co/ZCjvDBmml9 | Bild: mlle_krawall (via Twitter)

Die Beteiligten: Anabel Schunke, die für Blogs wie „Tichys Einblick“ oder „Die Achse des Guten“ schreibt und Sätze wie: „Ich überlasse mein Land ganz sicher nicht irgendwelchen islamischen Migranten“ sagt, diskutierte unter anderem mit den Journalist*innen Richard Gutjahr, Martin Kaul und Laura Kipfelsberger.

Das lernen wir daraus: Für einen Shitstorm heute reicht meistens schon ein Name oder eine Überschrift – denn bis jetzt weiß niemand, was in der Session wirklich besprochen wurde. Auf Clubhouse Screenshots oder Audioaufzeichnungen zu machen, ist nämlich verboten. Was nicht heißt, dass es nicht doch gemacht wird - mehr dazu bei Punkt 5.

4. Mein bester Freund, Vladimir Putin

Der Vorfall: Basiert wegen Privatsphäre-AGB auch hier auf einer Nacherzählung. Die ist allerdings ziemlich absurd. Im Zentrum: die Frage, wie deutsche Politiker eigentlich zu Russlands Präsident Vladimir Putin stehen.

Die Beteiligten: Hannover 96-Edelfan, und Mister „Agenda 2010“ Gerhard Schröder. In einer Clubhouse-Session wird Schröder völlig unerwartet auf seine Freundschaft mit Vladimir Putin angesprochen. „Wie kann man mit so einem Despoten befreundet sein?“, lautet die Frage. Schröder eiert, wird patzig und weicht aus, so heißt es.

Das lernen wir daraus: Was auf Clubhouse gesagt wird, bleibt nicht auf Clubhouse – und im Zweifel hört die Beauftrage der Bundesregierung für Digitalisierung mit, Dorothee Bär. Denn im Anschluss an die Sitzung schreibt die CSU-Politikerin auf Instagram, dass sie von Schröders Antwort sehr enttäuscht gewesen sei. Tja, Dorothee war wohl auch in der Session, wahrscheinlich aber anonym als „Flugtaxi2025". Zwinker.

5. Goldkehlchen Philipp Amthor

Der Vorfall: Kennt ihr das Pommernlied? Es stammt aus dem Jahr 1852 und gilt als inoffizielle Hymne der Region Vorpommern. Aber klickt doch einfach Mal den Play-Button im verlinkten Video und macht euch selbst ein Bild.

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rosenpup Für alle, die gerade verpasst haben, wie Philipp Amthor bei @joinClubhouse das Pommernlied zum Besten gibt (er war zu diesem Zeitpunkt mehr Singer als Speaker, deshalb kein AGB-Verstoß, würde ich sagen) #clubhouse #amthor #pommernlied @KaiDiekmann @ronzheimer @koesterfabian https://t.co/CqW1gvFne5

Für alle, die gerade verpasst haben, wie Philipp Amthor bei @joinClubhouse das Pommernlied zum Besten gibt (er war zu diesem Zeitpunkt mehr Singer als Speaker, deshalb kein AGB-Verstoß, würde ich sagen) #clubhouse #amthor #pommernlied @KaiDiekmann @ronzheimer @koesterfabian https://t.co/CqW1gvFne5 | Bild: rosenpup (via Twitter)

Die Beteiligten: Philipp Amthor. Interessant übrigens, wer noch in der Clubhouse Session ist. Wieder Bodo Ramelow, aber auch Kai Diekman, Paul Ronzheimer (beide Bild bzw. Ex-Bild) und Heute-Show Kolumnist Fabian Köster. Angeblich soll Bodo vorher auch gesungen haben – aber vielleicht hat er auch Candy Crush gespielt und gerade nicht zugehört.

Das lernen wir daraus: Wenn Philipp Amthor singt, brechen User die Clubhouse-AGB und zeichnen das Audio auf. Das ist nämlich eigentlich verboten, siehe Punkt 3. Über den Mitschnitt wird derzeit heftig gestritten, er gilt als Präzedenz-Fall. Das Argument dafür: Ist ein Audio-Mittschnitt wirklich noch privat, wenn sowieso schon 3.000 Leute mithören? Das Argument dagegen: Wenn sich Politiker in einem geschützten Raum in Sicherheit wiegen, kann man ihnen nicht so in den Rücken fallen.

Was bleibt vom Hype?

Bis jetzt ist Clubhouse die Plattform der Promis, Eliten und Journalist*innen. Viele sehen in ihr eine erfrischende Alternative zum Podcast-Hören - obwohl die Sessions häufig noch sehr unstrukturiert sind. Auch die Sehnsucht nach Gesellschaft im endlos wirkenden Corona-Lockdown wurde immer wieder als Kriterium für den Erfolg der App genannt, fragt sich, wie viel davon bleibt, wenn wir uns auch im echten Leben wieder treffen dürfen. Damit der Hype anhält, müssen wohl vor allem die Promis auf Clubhouse bleiben und dürfen die Lust daran nicht verlieren. Und das dürfte nicht zuletzt auch davon abhängen, ob die App ihr Datenschutz-Problem in den Griff bekommt. Denn wenn es nicht mehr heißt: Was auf Clubhouse passiert, bleibt auch auf Clubhouse - wo bleibt dann der Reiz?


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