Bayern 2 - Zündfunk


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Generator Podcast Die Endbossin - Warum Rechte ein Problem mit Frauen haben

Der Attentäter von Hanau hatte es, der von Halle hatte es auch, ebenso wie die Attentäter von Christchurch, Dayton und El Paso: ein Verhältnis zu Frauen, das man getrost als "gestört" bezeichnen kann - mindestens.

Von: Elisabeth Veh

Stand: 18.09.2020

Es ist ein Morgen wie jeder andere, und Anne Helm wartet auf den Bus. Sie ist die Fraktionsvorsitzende der Partei “Die Linke” in Berlin. Der Bus lässt noch auf sich warten. Da sprechen sie zwei Männer an. Anne Helm sagt, Leute aus der Szene. Die beiden erklären ihr, dass sie wissen, wo sie wohnt. Dass sie wissen, welchen Bus sie nimmt. Und wo sie damit hinfährt. Das war bereits vor ein paar Jahren. Seitdem weiß Anne Helm, dass Neonazis sie beobachten. 

Nazis fertigen Listen von Menschen an, die sie als "Feinde" einstufen

Daran hat sich bis heute vermutlich nichts geändert, zumindest existiert die Szene weiter und die Polizei fand auf dem Rechner eines Tatverdächtigen der rechtsextremen Anschlagsserie in Berlin Neukölln Feindeslisten. Also Listen von Personen mit persönlichen Daten. Darunter auch die von Anne Helm. Das LKA Brandenburg hat sie darüber informiert und gewarnt. In einem Warnbrief an die Betroffenen schreibt das LKA aber auch, man könne aus der Liste keine konkrete Gefährdung ableiten. Es sei eine Datensammlung über Institutionen und Menschen, die als “politische Gegner” angesehen werden.

Briefe voller Frauenhass

Man könnte an dieser Stelle also erstmal lapidar feststellen, Anne Helm sei Kummer gewohnt. Doch dann geht im Juli diesen Jahres die Sache mit den Emails los. „Was jetzt sehr speziell ist an dieser Situation mit den NSU 2.0 unterschriebenen Emails“ sagt Anne Helm, „ist, dass sie eine sehr, sehr explizite Sprache verwenden.“ Zum einen mit klarem Bezug zur NS-Ideologie - Anne Helm sagt, der oder die Täter schrieben, als wären sie Teil einer Behörde, formulieren bürokratisch und betten sich selbst in eine Art NS-Hierarchie ein. Der “Obersturmbannführer”, der einge Mails an andere Betroffene unterschrieben hat, ist so ein Beispiel. Und zum anderen sind die Mails voller Hass auf Anne Helm als Frau, sagt sie: „Eben diese ganz vulgären Beleidigungen und Vergewaltigungsphantasien, extreme Gewaltfantasien gegen weibliche Körper."

Selbstbewusste Frauen passen nicht in das ideologische Weltbild von Rechtsextremen

Anne Helm ist eine der Personen, die E-Mails mit Morddrohungen bekommen, die mit NSU 2.0 unterzeichnet sind. Darunter sind viele Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, Anwältinnen, Politikerinnen, Künstlerinnen, Journalistinnen. Frauen, die selbstbewusst auftreten und selbstbestimmt leben - so wie Anne Helm - die passen nicht in das ideologische Weltbild von Rechtsextremen, soviel ist klar. Das allein wäre theoretisch verkraftbar, wenn sich deren ideologisches Weltbild nicht gleichzeitig im fortdauernden Bürgerkriegszustand wähnen würde, hoffend auf den Tag X, den Tag, an dem das verhasste System endlich krisengeschüttelt zusammenbricht. Vielleicht nach einem Anschlag? 

Tatmotiv: Frauenhass

Allerdings: Bei der Analyse der zahlreichen rassistischen und rechtsextremistischen Attentate und Anschläge der vergangenen Jahre kommt ein Tatmotiv immer wieder zu kurz - der Hass der Täter auf Frauen. Besonders bedrohlich wird es halt, wenn in ihrer Vorstellung Frauen nicht mehr der natürlichen Frauenrolle, der vermeintlich natürlichen Frauenrolle entsprechen“, sagt Eike Sanders vom apabiz in Berlin, „während sie doch gerade die Krieger und Helden sein wollen.“ 

Die letzte und schwierigste Gegnerin von Rechten

Dabei ist Frauenhass als zusätzliches Tatmotiv - neben Rassismus und Antisemitismus - offensichtlich und zieht sich wie ein roter Faden durch durch die Chronologie des Terrors der jüngsten Zeit. In Hanau, in Halle, aber auch in Christchurch, in Dayton oder in El Paso. Alle Täter hatten ein Verhältnis zu Frauen, das man getrost als gestört bezeichnen kann. Manche sagen sogar: Die Frau ist für rechtsextremistische Täter so etwas wie der Endboss. Die letzte und schwierigste Gegnerin. 

Der Hass auf Frauen ist ein elementarer Teil des Internets

Diese Zündfunk Generator Sendung will den Tätern keinen Raum geben, und doch genau diese Analyse anstellen, die bisher fehlt. Warum beziehen sich Rechtsextremisten in ihren Pamphleten immer wieder auf Demografie und Geburtenrate? Was haben Incels damit zu tun, also Männer, die unfreiwillig zölibatär leben und sich selbst als Incels bezeichen? Und gibt es einen kausalen Zusammenhang zwischen Männern, die sich aus zunächstmal privatem Frust vernetzen und denen, die sich zur Anwendung von Gewalt entschließen? Dafür begeben wir uns in die Tiefen der völkischen Ideologie. Und - na klar - des Internets. Auf die Plattformen, in die Netzwerke und eben genau die anonymen Foren - oder “Chans”, oder Imageboards - die gerade nicht geschlossen sind. Denn da, in der sogenannten “Manosphere”, treffen sie aufeinander: Männer. Verlorene Seelen, Trolle und Nazis. Eine düstere Subkultur, vereint in Frust, Hass und manchmal auch Entschlossenheit. Der Hass auf Frauen ist in diesem Teil des Internets wie Öl im Getriebe. Darauf können sich alle einigen, und manche lässt dieser Hass so richtig heiß laufen. 

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