Bayern 2 - Zündfunk

Meinung Die deutsche Gesellschaft kann keine erfolgreichen und intelligenten Frauen aushalten

Es war der Aufreger des Wochenendes: Antisemitismus-Vorwürfe gegen Carolin Emcke auf dem Parteitag der Grünen. Dieser Vorfall ist einer von vielen Diffamierungs-Versuchen gegen intellektuelle Frauen. Das ist unverhältnismäßig, kommentiert Ferdinand Meyen, und zeigt, dass die deutsche Öffentlichkeit erfolgreiche und intelligente Frauen nicht akzeptieren kann.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 14.06.2021

Annalena Baerbock auf Parteitag in Berlin | Bild: Bayerischer Rundfunk 2021

Es ist schon reichlich absurd: Carolin Emckes Rede auf dem Parteitag der Grünen beginnt eigentlich mit einer Warnung vor Falschmeldungen und Desinformation: "Die Frage ist längst nicht mehr bloß, ob es postfaktische Zeiten sind, in denen wir leben und ob Desinformation und Ressentiments einzelne Debatten verzerren. Sondern es geht darum, ob die permanente Lüge den Unterschied zwischen wahr und falsch aufhebt."

Im Wahlkampf werden wir viele Lügen sehen, viele Falschmeldungen und verdrehte Angriffe, warnt Emcke vor den Strategien des Rechtspopulismus. Und dann schneidet CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak zehn Sekunden aus dem hinteren Teil der Carolin Emcke-Rede und dreht die Kritik um. Plötzlich soll die preisgekrönte Philosophin und Friedenspreisträgerin antisemitisch sein. Emcke sagt: "Es wird sicher wieder von Elite gesprochen werden und vermutlich werden es dann nicht die Juden und Kosmopoliten, nicht die Feministen oder Virologinnen, sondern die Klimaforscher*innen sein."

Tweet-Vorschau - es werden keine Daten von Twitter geladen.

Paul Ziemiak Das ist eine unglaubliche + geschichtsvergessene Entgleisung auf dem Parteitag der @Die_Gruenen Ich erwarte von @abaerbock dazu heute absolute Klarheit! Beim Thema Antisemitismus darf es keinen Raum für Interpretation geben. Da gibt es nur Klartext! #Gruene https://t.co/ZJeIMb45pU

Das ist eine unglaubliche + geschichtsvergessene Entgleisung auf dem Parteitag der @Die_Gruenen Ich erwarte von @abaerbock dazu heute absolute Klarheit! Beim Thema Antisemitismus darf es keinen Raum für Interpretation geben. Da gibt es nur Klartext! #Gruene https://t.co/ZJeIMb45pU | Bild: PaulZiemiak (via Twitter)

Für Ziemiak reicht dieser Ausschnitt als Beleg einer Holocaust-Relativierung. „Beim Thema Antisemitismus darf es keinen Raum für Interpretation geben. Da gibt es nur Klartext“, raunt der Generalsekretär. Schon paradox. Eine Philosophin warnt davor, wie leicht Menschen verunglimpft werden können – und wird dann selber verunglimpft. Als würde man Treuepunkte bekommen, wenn man Kondome für eine Affäre kauft.

Dieser Wahlkampf ist schon jetzt aggressiv gegenüber linken und grünen Frauen

Kampagne der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, kurz INSM

Das ist nur einer von vielen Angriffen auf vor allem auf als links oder grün identifizierte Frauen in diesem noch jungen Wahlkampf. Nehmen wir zum Beispiel Annalena Baerbock: Echauffiert wurde sich schon über ihren Lebenslauf, ihr Weihnachtsgeld, es gab eine riesige Kampagne der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft gegen die angebliche Verbotspartei. Baerbock-Nacktbilder wurden gefaked, und die vielen Versprecher der grünen Kanzlerkandidatin werden rauf und runter getrollt, unter anderem dass sie nach ihrer Rede auf dem Parteitag am Wochenende das Wort "Scheiße" gesagt hat.

Die Verhältnismäßigkeit ist Flöten gegangen

Natürlich kann man Baerbock kritisieren. Natürlich ist es reichlich blöd, seinen Lebenslauf aufzupolieren. Natürlich ist das auch Ausdruck der neoliberalen Selbstoptimierer-Gesellschaft, der es nur um die bestmögliche Vermarktung der eigenen Person geht. Noch blöder, sein Weihnachtsgeld nicht als Nebeneinkunft anzugeben. Aber ganz ehrlich: Wo ist die Verhältnismäßigkeit? Nehmen wir doch mal die Fehler des Gesundheitsministers Jens Spahn, in dessen Minister-Vertrag offenbar festgeschrieben steht, dass Steuergeld nicht zum Wohle der Bevölkerung, sondern zum Wohle der Maskenanbieter da ist. Oder Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz, der beim Wirecard-Skandal – dem größten Enkeltrick der deutschen Wirtschaftsgeschichte – noch immer nicht erklären kann, wie die Finanzaufsicht den Milliardenbetrug jahrelang übersehen konnte. Oder nehmen wir den Ex-Verfassungsschutz-Chef Hans Georg Maaßen. Der hatte zu verantworten, dass der Verfassungsschutz unter seiner Leitung regelmäßig Daten an die NSA geliefert hat. Außerdem fällt er immer wieder mit Aussagen auf, die man als rassistisch und antisemitisch einsortieren kann. Und trotzdem kandidiert er für den Bundestag. Abgeordneter Maaßen – als nächstes kommt Fahrlehrer Spongebob. Aber hey, nicht so wichtig. Die grüne Kanzlerkandidatin hat nach ihrer Rede am Wochenende "Scheiße" gesagt.

Die deutsche Öffentlichkeit: ein Incel

Friedenspreisträgerin Carolin Emcke

Irgendwie hat die deutsche Öffentlichkeit momentan etwas von einem frustriertem, pickeligen Incel. Sie findet es geil, wenn intellektuelle und erfolgreiche Frauen wie Carolin Emcke oder Annalena Baerbock Fehler machen. Vielleicht auch, weil es die unbewusste These bestätigt, dass die das ja eigentlich auch nicht besser können als man selbst.

Wo sind die Inhalte?

Dabei könnte man auch bei den Grünen mal anfangen, über Inhalte zu sprechen. Man könnte zum Beispiel das Wahlprogramm anschauen, dass die Grünen am Wochenende beschlossen haben und darüber diskutieren, dass sich die Partei zum Beispiel gewehrt hat, die Hartz IV-Bezüge um 200 Euro anzuheben. Wir könnten darüber diskutieren, warum es keine Vergesellschaftung von Immobilienkonzernen geben soll und der Spitzensteuersatz mit den Grünen nicht auf 53 Prozent sondern nur auf 48 angehoben wird. Aber hey – das ist alles nicht so wichtig! Viel ergiebiger, dass die Friedenspreisträgerin Emcke Klima, Elite und Juden in einem Satz reiht, und, Mist aber auch, Annalena Baerbock nach ihrer Rede am Wochenende "Scheiße" gesagt hat.