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Jetzt im Kino Die Kontroverse um den neuen Joker-Film zeigt, wie kaputt die sozialen Medien sind

Schon seit Wochen tobt eine heftige Kontroverse um "Joker". Als Folge warnt sogar die US-Army vor möglicher Gewalt im Kinosaal. Dabei geht es aber weniger um den Film - sondern darum, was er im Internet-Zeitalter repräsentiert, meint Zündfunk-Autor Gregor Schmalzried.

Von: Gregor Schmalzried

Stand: 08.10.2019

Joker, Filmszene | Bild: Warner Bros.

Schon gut einen Monat bevor Joker in die ersten Kinos kam, passierten zwei Dinge gleichzeitig: Bei den Filmfestspielen in Venedig gewann der Film völlig überraschend den Goldenen Löwen - die höchste Auszeichnung dort. Gleichzeitig wurde der Film von einigen Kritikern als "gefährlich" eingestuft.

Jessica Kiang schrieb zum Beispiel (wenn auch mit einem Augenzwinkern) für The Playlist, vielleicht solle man den Film nur nach vorheriger Prüfung des Strafregisters anschauen dürfen. David Ehrlich von Indiewire meinte, dem Film "fehlt die Disziplin, mit so riskantem Material umzugehen". Der Vorwurf: Die Art und Weise, wie Joker einen gewalttätigen Mann und seinen Hass auf die Gesellschaft in den Mittelpunkt stellt, könnte bei manchen Zuschauern falsch aufgefasst werden - und vielleicht sogar zu Gewalt im echten Leben führen.

Popkultur-Debatten sind unter Beschuss von rechts

Wahrscheinlich hätte man damit rechnen müssen: Joker ist ein Film über einen psychopathischen Massenmörder, einen der bekanntesten Bösewichte aller Zeiten. Und das vom Regisseur von Hangover. Also keine Kombination, die viel Fingerspitzengefühl verspricht.

Und das in einer Zeit, in der die Popkultur-Debatte im Netz ohnehin so gereizt ist wie noch nie. So werden die Diskussionen um große Blockbuster-Filme zuletzt immer wieder von rechten Bewegungen gekapert. Das passierte bei den neuen Star Wars-Filmen, dem letzten Ghostbusters und bei Captain Marvel – dem ersten Marvel-Film mit einer Frau in der Hauptrolle. Alle wurden (neben auch berechtiger Kritik) in den sozialen Medien zum Ziel von koordinierten frauenfeindlichen Hate-Kampagnen, die sich zum Beispiel gegen die Schauspielerinnen oder Filmemacher richtete.

Von Internet-Trollen zu den Incels

Die Troll-Community, die hinter solchen Aktionen steckt, überschneidet sich gern mit anderen Troll-Communities, die man im Netz kennt: Der, die online rechte Verschwörungstheorien verbreitet oder der Troll-Community, die online Frauen belästigt, etwa. Trolle sind selten nur einem einzigen Troll-Ziel verschrieben.

Und in einer der besonders toxischen Ecken von einigen Online-Plattformen finden sich die "Incels". Incel steht dabei für "Involuntary Celibate" – unfreiwilliges Zölibat. Es ist eine Selbstbezeichnung für Männer, die keine Freundin finden. Dafür gibt es die verschiedensten Gründe und viele von ihnen könnten sich wohl selbst helfen. Aber Hilfe oder Unterstützung gibt es in der Incel-Community nicht. Es gibt nur ein Hassobjekt: Frauen, und damit natürlich auch jede Form von Feminismus und die angeblich links-liberale Gesellschaft. Die sind schuld an deinem Unglück, heißt es in Incel-Foren.

Der Joker ist nicht nur der Joker

Für Incels und andere frauenverachtende Online-Bewegungen ist der anarchische Joker schon länger ein Symbol der Zerstörungswut - und ein inoffizielles Maskottchen, das immer wieder in Memes und Videos auftaucht. Im Netz ist der Joker neu positioniert worden: Als Symbol für den sich abgehängt fühlenden weißen Mann.

Jetzt sind die Sorgen da: Denn in Nordamerika gab es seit 2014 mindestens fünf Massenmorde von Männern mit Verbindungen zur Incel-Community. Die US-Army gab wohl infolgedessen eine offizielle Warnung für den Film heraus. In vielen Kinos wurden Joker-Kostüme verboten. Wenn man den Medien glaubt, ist ein Joker-Besuch geradezu gefährlich.

Joker will nicht politisch sein

Dass tatsächlich eine Gefahr von diesem Film ausgeht, ist aber höchst fraglich - erst recht wenn man den Film sieht. Anders als Natural Born Killers, Taxi Driver und andere Skandalfilme dieser Art macht Joker nämlich keinen Hehl daraus, dass seine Hauptfigur letztlich eine bemitleidenswerte und erbärmliche Gestalt ist - und kein ideologisch getriebenes Genie, das zur Nachahmung einlädt. An einer Stelle im Film wird der Charakter fast lächerlich selbst-referentiell und verkündet vor Publikum: "Ich bin nicht politisch!"

Aber letztlich ist das alles nicht besonders wichtig. Denn der große Streit um Joker ist eigentlich kein Streit um einen Film. Sondern einer darüber, wie die Gesellschaft mit rechten Troll-Armeen und sich abgehängt fühlenden Männern umgehen sollte. Und der wird mit diesem Film weder begonnen noch beendet werden. Nicht zuletzt, weil all die Fragen, die die Joker-Kontroverse aufwirft, eigentlich interessanter sind als der Film selbst.


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