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"Universalgenie der Popkultur" CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung gibt Webinar zu David Bowie - so kam es dazu

David Bowie ist Pop-Legende, Alien und androgyner Superstar. Ein bisschen wunderlich ist es daher schon, dass gerade eine CSU-nahe Stiftung ein Webinar zu einem queeren Phänomen wie Bowie gibt. Wie sowas abläuft? Ferdinand Meyen war dabei.

Author: Ferdinand Meyen

Published at: 11-1-2023

werbebild der hanns seidl stiftung zu einem webinar über david bowie. credits: hanns seidl stiftung | Bild: Hanns-Seidl-Stiftung

Ein bisschen kommt es mir so vor, als hätte ich geträumt, was ich da gestern Abend auf dem Bildschirm meines Laptops gesehen habe. Als wäre ich wie Major Tom ein Astronaut, der in irgendeinem Parallel-Universum gestrandet ist, in dem sich die seltsamsten und unwahrscheinlichsten Dinge ereignen.

Aber nein, das ist wirklich passiert: Ein Online Webinar mit dem Titel: „David Bowie: Universalgenie der Populärkultur“, mitsamt einem Bild von David Bowie in einem seiner legendären Ziggy-Stardust-Jumpsuits.

Das allein ist nicht ungewöhnlich, ungewöhnlich ist der Veranstalter des Vortrags: Bowie und seine Bedeutung wird uns nicht von einer queeren Plattform oder vom Goethe-Institut für Popkultur erklärt. Das Webinar ist eine Veranstaltung der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung. Und die erklärt uns, wie modern und riskant Bowie und seine Queerness in jener Zeit war.

Ein absurdes Referat mit spannenden Anekdoten

Abgehalten wird das Webinar vom Journalisten Matthias Lange zusammen mit dem Soziologen Stefan Preis. Zwei Bayern, die ganz trocken und sachlich über Bowies Karriere sprechen.

"1971 ist da so ein Typ, der dieses Cover hat, der in einem Frauenkleid auftritt. Das hat die Briten scho a bissl nervös gemacht, weil Großbritannien in der Zeit… Ja, konservativ, wäre noch schmeichelhaft gewesen."

- Matthias Lange

Ein Zwei-Stunden-Vortrag plus Powerpoint über die Diskografie, Filmografie und das komplette Leben von David Bowie. Mit dabei auch einige Anekdoten, die ich selbst noch nicht kannte. Zum Beispiel wie Iggy Pop, der in Berlin mit Bowie zusammenwohnte, ihm die Luxuslebensmittel vom KaDeWe aus dem Kühlschrank geklaut hat. Das hat Bowie laut Matthias Lange so aufgeregt, dass Iggy in die Nachbarwohnung umziehen musste.

Gegensätze ziehen sich an?

Aber wie kann das sein? Warum bietet die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung so etwas an? Eine Würdigung an David Bowie, einer der Kämpfer gegen Rassismus und Homophobie, der offen darüber sprach, bisexuell zu sein? Der Menschen bejubelte, die unsicher waren, welchem Geschlecht sie sich zurechnen sollten? Und der - er hat ja kein großes C im Namen - behauptet hat: „Religion sei für Leute, die Angst vor der Hölle haben!“ Bowie und die CSU? Das klingt wie alkoholfreies Weißbier und Punkrock! Twitterte CSU-Chef Markus Söder doch erst kürzlich: "Bei uns gilt Weiß-Blau statt Woke."

Auf diese Fragen entgegnet Matthias Lange, die Seidel-Stiftung sei eine konservative, CSU-nahe Stiftung, aber sie ist nicht die CSU. Die Seminare wären keine Parteipolitik, sondern für Populärkultur da. Er gäbe immer wieder solche Kurse für die Seidel-Stiftung, zum Beispiel auch über die Bedeutung von Tolkiens Herr der Ringe oder über Bob Dylan.

Nicht alles vom "Chamäleon of Pop" wird abgefeiert

Aber die Hanns-Seidel Stiftung veranstaltet auch ganz anderes, wie zum Beispiel die die „Sommernacht im Gottesgarten“ beim Kloster Banz, die so ganz anders klingt als David Bowie. Umso mehr wirkt es so, als sei die Veranstaltung der Hans-Seidel-Stiftung ein wenig außerirdisch und aus dem Nichts auf die Erde gestürzt, ähnlich wie Bowie im Film „Der Mann, der vom Himmel fiel“. Manchmal merkt man schon, dass die beiden Referenten nicht alle Projekten, an denen Bowie beteiligt war, gutheißen. Kritisiert werden zum Beispiel David Lynchs „Twin Peaks“, wo Bowie mitspielte oder „Lost Highway“, wo Bowie angespielt wird. Gerade „Lost Highway“ ist laut Stefan Preis „einer der schwierigsten Filme von David Lynch, weil man da wirklich nur noch fragmenthaft eine Handlung hat“.

Auch in Sachen Drogen wird, ganz im Geiste der CSU, gewarnt, wie Bowie in seiner US-Phase zu stark abgestürzt ist:

"Wenn man Interviews sieht, es gibt interessante Interviews bei YouTube, ich habe hier mal einen Screenshot rausgemacht, sie sehen: Der Mann ist in einem sehr bedenklichen Zustand gewesen. Er war durchgehend auf Kokain und Amphetaminen."

- Matthias Lange

Schnittmengen gibt es immer

Nichts von all dem wird politisch gewertet, es sind einfach zwei David-Bowie-Fans, die für 34 andere David-Bowie-Fans noch einmal Bowies Karriere reflektieren. 34 Menschen, so viele hat die Hanns-Seidel-Stiftung, die sonst eher mit Veranstaltungen mit Titeln wie „Erklär mir die Versicherungswelt“ wirbt, mit ihrer Vorabankündigung erreicht. Und so leistet das Webinar in seiner ganzen Unwahrscheinlichkeit an Bowies Todestag sogar noch einen Beitrag zu seinem Vermächtnis. Denn es gilt noch immer: Langweilig wird’s mit David Bowie nie. Und es ist kein Paralleluniversum: Denn es gibt sie anscheinend doch, eine Schnittmenge aus CSU-Wählern und David Bowie Fans. Warum auch nicht!