Bayern 2 - Zündfunk

Lese-Highlights 2021 Diese fünf Bücher über Musik und Popkultur legen wir euch ans Herz

Bücher, die Musiknerds begeistern: Über Krautrocker, die gegen ihre Väter aufbegehren. Über She-Punks, die sich rächen. Und über ein Kiez-Genie, das Rocko Schamoni inspirierte. Eine Auswahl der besten Bücher 2021.

Von: Ralf Summer

Stand: 13.12.2021

Chrissie Hynde (Pretenders) Debbie Harry (Blondie), Siouxsie Sioux (Siouxsie and the Banshees), Poly Styrene (X-Rey Spex), Viv Albertine (Slits) und Pauline Black (Selecter) im Jahr 1980   | Bild: picture alliance / Avalon/Retna | Michael Putland

Noch auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für einen Musiknerd und Popkultur-Aficionado? Oder nach einem spannenden Buch für die Feiertage? Diese Liste versammelt eine Auswahl der fünf besten Bücher über Musik und Popkultur des Jahres 2021.

„Die Rache der She-Punks“ von Vivien Goldman

„Punk ist das einzige Genre, das man auch ohne Männer erzählen kann“, zitiert die Autorin und Musikerin Vivien Goldman eine schreibende Kollegin. Stimmt wahrscheinlich, denn mit Blondie, The Slits, X-Ray Spex, The Raincoats, Siouxsie And The Banshees, The Pretenders, Mania D oder Kleenex waren von Anfang an Punk-Bands mit Frauen am Start. Punk war ein niederschwelliges Musikangebot, das schnell allen bis dahin Außen-vor-Gebliebenen eine Einstiegschance bot. Goldman schrieb in den späten 70ern für englische Musikmagazine und versammelt für diese Punk-History aus weiblicher Sicht Interviews von damals und heute. Ihre These: Punk hatte eine Langzeitwirkung. Denn erst mit der zweiten Welle in den 90ern, den Riot Grrrls um Bikini Kill und Sleater-Kinney, eroberten die Frauen sichtbar mehr Raum.

Außen vor bleibt bei Goldman, die an der New York University Dozentin für Punk und Reggae ist, die elektronische und digitale Punk-Bewegung. Ihre feministische Musikgeschichte endet bei Russlands Pussy Riot.

„Die Rache der She-Punks – Eine feministische Musikgeschichte von Poly Styrene bis Pussy Riot“ von Vivien Goldman ist im Ventil Verlag erschienen (224 Seiten, 20 Euro).

„Play Pause Repeat“ von Tobi Müller

„Was Pop und seine Geräte über uns erzählen“, so lautet der Untertitel des Buches. Der in Berlin lebende Schweizer Autor Tobi Müller fragt darin nach dem Verhältnis von Technik, Musik – und uns selbst. Für ihn haben die meisten Pop-Genres typische Tools: die Verstärker-Burgen der Grateful-Dead-Hippie-Fans, die Maxi-Single in der Disco-Musik, der Kopierer für die Fanzines im Punk, der Walkman im hedonistischen 80er-Pop … Im Zündfunk sagte Müller, dass durch die Algorithmen der Streamingdienste Musik heute zu einem universellen, aber auf seine Funktionen reduzierten Begleiter gemacht wird: für jede Stimmung die passende Playlist. Wird TikTok demnach seine eigenen Stars und Sounds hervorbringen?

„Play Pause Repeat – Was Pop und seine Geräte über uns erzählen“ von Tobi Müller ist im Hanser Verlag erschienen (240 Seiten, 23 Euro).

„Future Sounds“ von Christoph Dallach

Ein Techno-Buch? Ein Buch für Elektronik-Frickler? Nein. Der Untertitel verrät es: „Wie ein paar Krautrocker die Popwelt revolutionierten“. Der Spiegel-Journalist Christoph Dallach hat die inzwischen oft greisen Pioniere des Krautrocks noch einmal getroffen und gesprochen. Sein Buch ist als Interview-Collage angelegt, wie wir sie vom Punk- und NDW-Buch „Verschwende deine Jugend“ von Jürgen Teipel noch in bester Erinnerung haben. Man hat das Gefühl, als ob man mit Can, Neu! und Faust an einem Tisch sitzen und ihren Erinnerungen lauschen dürfte. Wir erfahren, wie sie und die anderen deutschen Krautrocker in den 50ern unter ihren Vätern und Lehrern litten. Und dann in den 60ern ausbrachen. Ausbrechen mussten. Und in den 70ern manchmal auch der RAF nahestanden. Dank Amon Düül und Embryo kommen auch der Süden und München nicht zu kurz bei dieser Zeitreise.

„Future Sounds – Wie ein paar Krautrocker die Popwelt revolutionierten“ von Christoph Dallach ist im Suhrkamp Verlag erschienen (511 Seiten, 18 Euro).

„Die Zukunft war gestern“ von Ingeborg Schober

Sie kam aus dem Allgäu und wurde die erste namhafte Musikjournalistin in Deutschland. Ingeborg Schober sendete beim BR (Rocklok, Zündfunk, später Bayern 3) und schrieb für die Süddeutsche Zeitung, Sounds und Musikexpress.

Im Buch „Die Zukunft war gestern“, herausgegeben von ihrer guten Freundin Gabriele Werth, wechseln sich Schobers Artikel aus den 70ern und 80ern (LP-Kritiken, Konzertbesuche, Interviews) mit Erinnerungen von Freunden und Kollegen an sie ab. So erzählt Carl-Ludwig Reichert, unser Ex-Zündfunk- und Nachtmix-Kollege, wie sie sich bei einem Grateful-Dead-Konzert in München kennenlernten. Und ihren sehr subjektiven Artikeln entnehmen wir nebenbei, wie schwierig es war, damals als Pop-Journalistin zu arbeiten: ohne Netz, ohne Handy.

Einmal verpasste sie eine Pressekonferenz des Musikers Stephen Stills (Crosby, Stills, Nash And Young) im Münchner Hilton Hotel und musste dann stundenlang in der Lobby warten, bis sie über Rezeptionist, Taxifahrer und Liftboy herausbekam, in welchem Hotelzimmer der Rockstar untergebracht war – der ihr dann doch noch ein Interview gab: exklusiv. Über den Zündfunk sagte sie später einmal, dass dort immer so wahnsinnig lang und ernsthaft über Musik diskutiert wurde. Same as it ever was. Schober starb 2010 nach einer Krankheit in München. 

„Die Zukunft war gestern – Essays, Gespräche und Reportagen“ von Ingeborg Schober, herausgegeben von Gabriele Werth, ist im Reiffer Verlag erschienen (400 Seiten, 24 Euro).

„Der Jaeger und sein Meister“ von Rocko Schamoni

Cover des Buches „Der Jaeger und sein Meister“ von Rocko Schamoni | Bild: Hanser Verlag

Schon in den ersten Zündfunk-Interviews mit dem Telefonstreich-Trio Studio Braun verrieten die drei Hamburger ihr großes, unbekanntes Humorvorbild: Heino Jaeger. Rocko Schamoni widmet dem „verkannten Kiez-Genie“ nun einen biographischen Roman. Jaeger war Karikaturist und Stegreif-Geschichtenerzähler mit eigenen Sendungen in ARD-Radiosendern und diversen LPs (seine Sprech-LPs sind inzwischen als Hörbuch-CDs bei Kein & Aber erschienen).

In „Der Jaeger und sein Meister“ begleiten wir ihn durch die 60er und 70er in St. Pauli. Umgeben von Dichter Hubert Fichte sowie Halbweltfiguren und immer wieder heimgesucht von den Dresdner Bombennächten von 1945, die den kleinen Heino Jaeger im Mark erschütterten.

Die Grenze zum Wahnsinn war bei Jaeger fließend – vor allem am Ende seines Lebens, das er in der Psychiatrie verbrachte. Danke, dass diese vergessene Figur und ihre Freak-Freunde nun weiterleben!

„Der Jaeger und sein Meister“ von Rocko Schamoni ist im Hanser Verlag erschienen  (288 Seiten, 22 Euro).