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Buch-Highlights 2018 Unser Jahr in Büchern - 12 Lesetipps vom Zündfunk

Ein gutes Buch braucht Zeit und Liebe - für diese hier hatten wir 2018 beides und stellen sie deswegen in unsere Zündfunk Library. Darunter: Kritikerlieblinge und Geheimtipps, schlaue Analysen. Die besten Geschenke also!

Von: Zündfunk, Team "Lesen"

Stand: 19.12.2018

Eine Frau liest und tagträumt auf dem Kanapee | Bild: picture alliance/Everett Collection

Fische - Melissa Broder

In "Fische" geht für die Protagonistin, Ende 30, alles den Bach runter. Ihre Langzeitbeziehung wird aufgekündigt, Alkohol hilft nicht, Tinder hilft nicht, wahlloser Sex hilft nicht und die Selbsthilfegruppe sowieso nicht. Bis sie am Strand einen jungen Mann trifft. Einen Meermann. Broder wirft uns diesen surrealen Brocken einfach hin und dreht daraus eine wirklich großartige Metapher über Sucht, Liebe und - ja, sorry - Selbstliebe. Die muss man nicht lieben, aber drüber nachdenken. (Katja Engelhardt)

Überleben - Frederika Amalia Finkelstein

Der stream of consciousness einer jungen Frau, die durch die Anschläge am 13. November 2015 auf das Bataclan in Paris völlig aus der Bahn geworfen wird. Sie lässt sich durch Paris treiben, besessen von Tod, Terror und den omnipräsenten Bildern des Schreckens, von Panikattacken verfolgt, beschämt von der Tatsche, überlebt zu haben. Ein bedrückendes Buch, das Gefühl der Traumatisierung auf krasse Art beschreibt. (Caroline von Lowtzow)

Serverland - Josefine Rieks

Gute Idee für einen Debütroman: die Zeit nach der Abschaltung des Internets. Wenn das Anschauen von Youtube-Videos (dank Hackern) wie der Besuch in einer verbotenen Bibliothek oder verwaistem Plattenladen wird: Staunen mit offenem Mund, was für tolle kulturelle Dinge wir mal hatten (jetzt) und wieviel Quatsch auch drin vorkam (Internet). Subtopia! (Ralf Summer)

Am liebsten mag ich Monster - Emil Farris

Der beste Graphic Novel dieses Jahr ist "Am liebsten mag ich Monster" von Emil Farris, neben "Maus" und "Der Bildhauer" der vielleicht beste Comic, den ich überhaupt gelesen habe. Die Geschichte spielt in Chicago 1968. Man liest im gezeichneten Tagebuch der zehnjährigen Karen, die nicht viele Freunde hat, in der Schule gehänselt wird und viel allein ist. Sie hält sich für hässlich und malt sich deshalb selbst als Monster, als eine Art Wolfsmädchen. Als ihre Nachbarin unter mysteriösen Umständen stirbt, wird Karen zur Detektivin. Sie verfolgt den Fall, der zurück ins Berlin der Zwanzigerjahre führt. In diesem Comic vermischt sich Krimi, eine traurige Coming-Of-Age Geschichte, Kinderprostitution im Nachkriegsdeutschland, US-Politik der 60er und kunstgeschichtliche Theorie. Und das beste daran ist eigentlich der Zeichenstil: Frankensteins Monster, Werwolf, Mumie, Vampir - alles dabei. Jede Seite ist ein brillant komponiert und erst nach mehrmaligen Überfliegen versteht man, wie die Seite überhaupt zu lesen ist - teilweise auf dem Kopf oder über zwei Seiten hinweg. Einfach zu lesen ist das also nicht. Sehr anspruchsvoll! (Sebastian Spallek)

Hochdeutschland. Roman - Alexander Schimmelbusch

Auch dieses Jahr bin ich nicht von der Illusion losgekommen, durch Lesen die Welt besser zu verstehen. Deshalb ist das mein Roman des Jahres: Hochdeutschland. Der erfolgreiche und sehr vermögende Investment-Banker Victor verzweifelt am kapitalistischen System und kämpft fortan für Verteilungsgerechtigkeit. Das kann nur Satire sein. Ist es auch, aber so gut gelungen, dass man beim Lesen von Victors Manifest zur Verbesserung der Welt eine diebische Freude hat. (Tom Kretschmer)

My Boyfriend is a Bear - Pamela Ribon

Nora ist Ende 20, lebt in LA und hat dating-technisch unglaublich viel Pech. Bis sie einen Schwarzbären kennenlernt und mit ihm eine Beziehung beginnt - eine perfekte Beziehung -, und natürlich unglaublich vielen Vorurteilen begegnet. Die Eltern machen sich Sorgen, die Freundin lehnt ihn ab und dann kommt auch noch der Winterschlaf. Einschränkung: Man muss dafür wenigstens etwas Manga- oder Disney-affin sein ... (Katja Engelhardt)

Mutterland - Paul Theroux

Niemand kann einen so verletzen wie die eigene Familie: Eine egozentrische Mutter sichert sich die Zuwendung ihrer sieben Kinder dadurch, dass sie geschickt Missgunst und Zwietracht unter ihnen sät. Das funktioniert auch dann noch, als die Kinder schon im Ruhestand und die alte Dame auf die Hundert zugeht. Eine gut beobachtete - und streckenweise auch herrlich zynische - Familiengeschichte von der amerikanischen Westküste. (Oliver Buschek)

Alle, außer mir - Francesca Melandri

Eine Familiengeschichte, die aus verschiedenen Perspektiven und in Rückblicken die koloniale Vergangenheit der Italiener beleuchtet und vor allem die verdrängten Verbrechen während des Faschismus in Äthiopien und Eritrea an die Oberfläche bringt - verknüpft mit der aktuellen Debatte um Flüchtlinge in Italien. Auslöser der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und Erzählanlass ist das plötzliche Auftauchen eines jungen Äthiopiers vor der Wohnung von Ilaria Profeti, der sich als ihr Neffe entpuppt. Er hat die Hölle von Libyen überlebt und die Überfahrt über das Mittelmeer, und hofft auf Hilfe seiner italienischen Verwandten, die von seiner Existenz bislang nichts wussten. Hier beginnt Ilarias Entdeckungsreise in die Vergangenheit: Die Vergangenheit des Vaters und die Italiens - und wie sich diese Vergangenheit in die Gegenwart durchbricht, wie alles mit allem zusammenhängt, das ist manchmal etwas langwierig beschrieben, aber insgesamt irre toll. (Caroline von Lowtzow)

Das Leben des Vernon Subutex, Band 2 und 3 - Virginie Despentes

Virginie Despentes hat es innerhalb kürzester Zeit geschafft, mit ihrer Geschichte von Vernon Subutex in aller Munde zu sein: Ihre Roman-Trilogie, deren erster Band 2017 erschien (in Frankreich bereits 2015), ist ein detailliertes Gesellschaftsgemälde, auf dem sich jeder wiederfinden kann. Der Protagonist Vernon, ein aus der Zeit gefallenes Original, steht für eine ganze Generation, in der Sex, Drugs & Rock'n'Roll noch die Antwort auf alle Fragen war. Eine klassische und zugleich verrückte Antihelden-Geschichte mit hoch aktuellem Bezug. (Sophie Dezlhofer)

Die autoritäre Revolte. Die neue Rechte und der Untergang des Abendlandes - Volker Weiß

Volker Weiß ist Historiker und Journalist. Seit vielen Jahren untersucht und analysiert er die Neue Rechte in Deutschland und Europa. In diesem Buch zeigt er die unzähligen Verbindungen der Neuen zur Alten Rechten. Alles, was man wissen muss über die Ideen und Theorien der Neuen Rechten, die so neu gar nicht ist. (Tom Kretschmer)

Die Jahre - Annie Ernaux

Zwar nicht von 2018, sondern aus dem Herbst 2017, trotzdem mein Lieblingsbuch 2018 - und vor dem Hintergrund der Gelbwesten-Proteste in Frankreich noch mal interessanter. In Frankreich ist Ernaux eine Legende, hier werden ihre Romane gerade erst entdeckt. "Die Jahre" ist eine ganz außergewöhnliche Biografie. Ausgehend von Fotos, die sie beschreibt und auf denen sie als Kind, als junge Frau oder als Mutter zu sehen ist, verzahnt Ernaux ihre eigene Biografie mit gesellschaftlichen Entwicklungen und den Erlebnissen ihrer Generation. Als junge Frau schafft sie es aus ärmlichen Verhältnissen der Normandie nach Paris, das Paris des Aufbruchs, der 68er, der sexuellen Befreiung, wird dann Lehrerin und Mutter, trennt sich irgendwann, wundert sich, wie die Utopien durch Konsumartikel ausgetauscht werden konnten - und beschreibt beides, eigenes Leben und Entwicklung der Gesellschaft, mit wenigen Worten so genau und treffend, dass man nicht zu lesen aufhören mag. (Caroline von Lowtzow)

Bullshit Jobs - David Graeber

Starke Analyse des gegenwärtigen Arbeitsmarkts. Sehr lustig und kurzweilig geschrieben - für mich auf jeden Fall aus Sachbücher-Sicht das Beste, was ich dieses Jahr gelesen habe. (Ferdinand Meyen)
Hier das Interview mit David Graeber zu seinem Buch.

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