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Album der Woche: Devotion Love-Songs reloaded: Wieso niemand unseren Liebeskummer so gut versteht wie Tirzah

Ein Album voller Hingabe, Zuwendung, "Devotion" eben. Tirzah aus London bringt nach zwei EPs ihr Debütalbum "Devotion" raus. Ihr Minimal-Pop ist keine Ansammlung von Songs, die alleine funktionieren, „Devotion“ sollte man am besten am Stück hören.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 13.08.2018

Es liegt in der Natur der Popmusik alles breitzutreten, groß zu machen und dann noch größer. Popmusik will unbedingt, dass alle hinhören. Wenn sie in einem Stadion erschallt, will die Popmusik auch noch die hintersten Ränge und am Besten auch schon die Besucher erreichen, die gerade erst auf dem Parkplatz angekommen sind. Entsprechend ist die besungene Liebe selbstredend immer die einzig wahre Liebe: Alles einnehmend, den Verstand vernebelnd, entwaffnend. Gefühlt geht nix unter den Leiden des jungen Werthers. Selbstaufgabe ist das Mindestmaß. Da ist es geradezu irritierend, was die Londonerin Tirzah auf ihrem Album "Devotion" - also "Hingebung" - mit der Liebe macht: Sie lässt sie klein. Und intim. Und einfach. Also: Realistisch.

Tirzah macht keine klassischen Love-Songs

Tirzahs Album klingt, als säße sie singend in ihrem Schlafzimmer auf dem Bett. So, als wäre sie allein und deswegen in der luxuriösen Lage, schonungslos ehrlich sein zu können. Wie intim kann Adele dagegen klingen, wenn sie ihre orchesterbegleiteten Kassenschlager schmettert? Eben. Jemand wie Adele muss eine emotionale Krise mit Pauken und Trompeten aufblasen. Tirzah steckt noch mittendrin. Die Liebe, die Tirzah besingt, ist aufrichtig, aber unaufgeregt, ohne echten Anfang und ohne definiertes Ende. So klingt auch das Album. Hingesprenkelte Klavierstücke und Beats, als hätte jemand in der Nachbarwohnung einen Piratensender laufen, dessen Musik nur halb ankommt; Mal wird die Akustik durch die Wand verschluckt, mal durch den Hall im urbanen Innenhof verstärkt.

Tirzah und ihre Produzentin und Freundin Mica Levi alias Micachu (rechts)

Dahinter steckt neben Tirzah auch Jugendfreundin Mica Levi, eventuell noch im Ohr als Kopf der Band Micachu & The Shapes. Mica lässt Tirzahs Gesang schweben und in Endlosschleifen drehen. Mal stottert Tirzah geschliffen durch das, was eine Hook sein könnte, mal bricht unter ihrer Stimme der Beat weg und gibt den Weg frei für einen neuen Song im Song.

Die Liebe bei Tirzah ist unaufgeregt und realistisch

Tirzahs Texte sind simpel und repetitiv. Dieses stete Wiederholen von einfachen Sätzen unterstreicht die im schönsten Sinne naive Liebe, die die Musikerin aus London besingt. Wer von uns hat jemals allein zuhause wie Bruno Mars oder andere Musiker in anderen Schmachtsongs vor sich hingedacht: "Ich bin so verliebt, ich würde eine Granate für dich fangen. Ich würde meinen Kopf unter eine Klinge halten für dich. Ich würde vor einen Zug springen für dich?" Antwort: Keine Sau. Im echten Leben sind die Gesten kleiner. Die Gedanken drehen sich um das Alltägliche, von Tirzah formuliert, so banal. Gerade deswegen treffen sie, wie im Song "Holding On", direkt ins Schwarze. Der Track ist der einzige klare Hit, den Tirzah und Mica Levi sich erlauben. Er passt am ehesten in das bisherige Portfolio der beiden: Zwei gemeinsame EPs, die unter “zur Schau getragenem Introvertierten-Sound für Clubs" zusammengefasst werde könnten. "Holding On" zeigt das Konzept der unaufgeregten Liebe und der Magie von Tirzahs Stimme vielleicht am besten. Dann, wenn sie singt: "Ich will nicht daran festhalten, wenn du solo glücklich bist. Aber falls du noch an mich denkst, sag es mir, weil ich bin hier ganz alleine."

Das ist die Liebe, die wir kennen. Im echten Leben kann man sich nicht besinnungslos von einem Drama ins nächste werfen. Immerhin müssen wir ja auch mit gebrochenem Herzen noch überleben. Wer in diesem Sommer ein gebrochenes Herz hat, ein verheilendes oder überhaupt: ein Herz: Der sollte "Devotion" von Tirzah auf Repeat stellen.


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