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"Deutschland geht klauen" Warum das Peng-Kollektiv zum Diebstahl aufruft

Das Video sieht nach Werbung aus. Für irgendeinen Discounter. Doch nicht kaufen soll man, sondern klauen: Bananen, Schokolade oder Tomaten - und das Geld spenden. Ann-Kathrin Mittelstraß hat Gil Schneider vom Peng-Kollektiv gefragt, warum der Diebstahl okay sein soll.

Von: Ann-Kathrin Mittelstraß

Stand: 01.03.2018

Peng-Kollektiv: Deutschland geht klauen (Videostill) | Bild: Peng-Kollektiv

Ein Video des Peng-Kollektivs ging viral. Darin zu sehen: Eine Dame in einem Catsuit, die in einem Supermarkt tanzend Ware klaut. Am Ende des Clips folgt der Aufruf: "Supermärkte klauen - wir klauen zurück". Der Appell kommt vom Berliner Peng-Kollektiv. Gil Schneider von den Aktionskünstlern erklärt, was dahinter steckt.

Gil Schneider: Dieser Diebstahl ist gerechtfertigt, weil er gleichzeitig die Frage verhandelt, was ist eigentlich legitim und was ist legal? Discounter klauen jeden Tag Menschenrechte. Und wir haben gesagt, wir drehen diese Ausbeutung um. Indem man die einzelnen Produkte, die man auf unserer Website einsehen kann, klaut und indem man den Gegenwert an die PlantagenarbeiterInnen - beispielsweise in Ecuador - spendet, setzt man ein Zeichen.

Um welche Produkte geht es genau?

Zum Beispiel Bananen: Die werden in Deutschland sehr gerne gegessen. Die werden aber unter Bedingungen angebaut, die wirklich menschenunwürdig sind. Die Pestizidbelastung auf den Feldern ist sehr hoch, es gibt keine Schutzkleidung, es gibt keine ausreichenden Löhne und Gewerkschaften fehlen bzw. die, die es gibt, werden massiv bedroht. Und die Problematik wiederholt sich bei Tomaten, Weintrauben, Kaffee, Orangensaft etc.

Und das Geld, das Leute auf deutschlandgehtklauen.de spenden können – wo genau kommt das an?

Wir haben uns Partnerorganisationen gesucht, die symbolisch für jeweils ein Produkt einstehen. Die erhalten das, um ihre Arbeit zu stärken in den jeweiligen Ländern, wo sie sich beispielsweise für ArbeiterInnenrechte einsetzen.

Ich dachte ja zuerst, der Aufruf zum Klauen sei symbolisch gemeint, aber Ihr gebt auf Eurer Seite sogar Tipps, wie man geschickt stiehlt und Ihr sagt: Lass Dich nicht erwischen, wir können Dir bei einer Anzeige nicht helfen. Wollt Ihr wirklich, dass sich die Leute strafbar machen?

Es ist ein soziales Experiment. Es geht eben um die Frage: Was ist legitim und was ist legal? Es ist offensichtlich nicht legal, eine Banane aus einem Supermarkt zu entwenden. Es ist aber offensichtlich legal in Deutschland, Unternehmenspraktiken zu verfolgen, die dazu führen, dass Menschen unter unwürdigen Bedingungen leben müssen.

Ihr macht Euch schon allein mit dem Anstiften zum Klauen strafbar. Eure Anwälte haben sich schon auf Überstunden eingestellt, nehme ich mal an?

Das Video zur Aktion: Super-Waschbär-Woman nimmt von den Reichen und gibt den Armen

Das haben sie, ja. Es ist nicht zu vermeiden: Wenn man dazu aufruft, zivilen Ungehorsam zu begehen, dann ist das in Deutschland in der Regel strafbar. Solange es aber so ist, dass es keine gesetzliche Regelung für diese Missstände gibt, über die aktuell diskutiert wird – solange aus dem "Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte" beispielsweise kein Gesetz wird, sondern das nur eine freiwillige Selbstverpflichtung ist – solange das so bleibt, bleibt uns nichts anderes übrig, als uns angreifbar zu machen und unsere Privilegien aufs Spiel zu setzen.  

Ich frage mich aber schon, ob diese radikale Robin-Hood-Aktion etwas bringt. Zu einem bestimmten Maß sind wir als Konsumenten ja auch selbst dafür verantwortlich, dass zum Beispiel die Arbeitsbedingungen auf Bananenplantagen in Ecuador so schlecht sind. Vielleicht müssten wir uns selber beklauen und das Geld in Öko- und Fair Trade-Produkte stecken.

Das zu machen, ist auf keinen Fall falsch, denn damit unterstützt man Initiativen, die sich auch auf anderer Ebene sehr einsetzen. Aber gleichzeitig ist unsere Meinung, dass die Einhaltung von Menschrechten in von großen Unternehmen kontrollierten Handelsketten keine KonsumentInnen-Entscheidung sein darf. Gerade wenn ich einen kleineren Geldbeutel habe, habe ich eine ganz andere Ausgangssituation als KäuferIn. Menschenrechte dürfen nicht anhand von einem Supermarktregal verhandelt werden.


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