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Petition für mehr Telefonzeit Wie sich JVA-Gefangene in Straubing gegen Vereinsamung wehren

Ein regelmäßiger Kontakt zu Angehörigen ist den Inhaftierten außerhalb von Besuchszeiten in Bayern nicht möglich. In der JVA Straubing haben Gefangene jetzt eine Petition gestartet. Sie fordern, dass Bayern den anderen Bundesländern gleichzieht, wo Telefonsysteme auf den Gängen und liberale Telefonzeiten längst üblich sind. Wir haben mit einem Gefangenenvertreter gesprochen.

Von: Alexandra Martini

Stand: 08.09.2020

JVA Straubing | Bild: picture alliance / dpa

Durch eine Sicherheitsschleuse und eine schmale Treppe in den Keller gelange ich in den Besuchsbereich des Gefängnisses. Rund 800 männliche Straftäter sitzen hier ihre Haft ab, sechs Jahren bis zu lebenslänglich. Vor und hinter mir schließen zwei Beamte mehrere Türen ab. Ein junger Mann mit kurzen dunklen Haaren, blauem Shirt und sportlicher Statur nimmt auf der anderen Seite der Plexiglasscheibe Platz. Er vertritt die Interessen der Gefangenen hier, gemeinsam mit sechs anderen. Im Radio möchte er anonym bleiben, wir nennen ihn hier Florian.

"Ich bin Anfang 30, seit sechs Jahren hier und habe noch fast ein Jahrzehnt vor mir", erzählt er. Zusammen mit Mit-Gefangenen hat Florian die Petition 'Isolation ist keine Option' gestartet. Was sie fordern, erklärt mir der Initiator selbst: "Wir fordern eine Gesetzesänderung des Art 35, Abs 1, Strafvollzugsgesetz. Darin heißt es, dass Gefangenen nur in Ausnahmefällen die Telefonate genehmigt werden dürfen. Dieser Ausnahmefall ist rechtlich geregelt. Nur in Todesfällen oder fristgerecht, wenn etwas nicht eingehalten werden kann, per Brief. Nur dann. Und da fordern wir eine bundeseinheitliche Angleichung."

"Kaum angefangen zu sprechen, ist die Zeit wieder rum"

Neben Florian liegt eine dicke Dokumentenmappe: über den Postweg haben die Häftlinge aus der Zelle heraus Ministerien und Haftanstalten in anderen Bundesländern angeschrieben. Und dabei herausgefunden, dass dort mehr Kontakt erlaubt ist: Gefangene können beispielsweise mit Telefonkarten auf eigene Kosten extra freigeschaltete Nummern ihrer Angehörigen anrufen. Bayern hält als letztes Bundesland an der "Ausnahme"-Regelung fest. Die maximale Telefonzeit: 20 Minuten alle zwei Monate. "Ich hab in den letzten vier Jahren mit meiner Mutter 360 Minuten Telefonkontakt gehabt", kommentiert Florian die Verhältnisse. "Was ist das für ein Kontakt? 20 Minuten alle zwei Monate. Man hat kaum angefangen zu sprechen, dann ist die Zeit wieder rum. Man versucht ja nicht nur Info zu übermitteln sondern man will ja auch hören, wie es dem anderen geht. Das findet aber nicht statt, nicht in diesem ständigen Zeitdruck. Da ist man dann zwei Tage vorher schon am Überlegen, was man alles sagen will, dann legt man auf und regt sich anschließend auf, weil man was vergessen hat."

Und dann muss man wieder zwei Monate warten. Wenn einen niemand besuchen kommt, dann bleiben nur noch die guten alten Briefe. Aber das ist erstens für die Angehörigen oft eine zeitaufwendige und befremdliche Sache im Jahr 2020 und zweitens für Florian und seine Mithäftlinge mit quälender Wartezeit verbunden: "Gerade bei Veränderungen, oder gesundheitlichen Problemen, wenn die Eltern in ein Alter kommen und häufiger krank werden, da ist man auf Briefe angewiesen. Da ist man dann wochenlang damit beschäftigt, die Gedanken im Kopf kreisen zu lassen. Aber man kriegt keine Antwort. Wie in einer Art Kreisel. Das hört nicht auf. Man zerdenkt alles und geht alle Varianten durch und kommt zu keiner Antwort. Und bei Todesfällen, da kann man einmal telefonieren. Damit ist die Trauerarbeit aber nicht vorbei. Ich werde genötigt mit Psychologen zu sprechen, meine Familie draußen muss mit Psychologen sprechen, anstatt, dass wir miteineinander reden". Ob ihm das so passiert ist, frage ich. "Ja", antwortet er und schweigt anschließend.

Viele sind emotional und mental verwahrlost

Den Bezug zur Welt da draußen hat Florian nach sechs Jahren verloren wie er mir mitteilt: "Ich verstehe schon, was da passiert. Das ist abstrakt. Deswegen: Ja, es ist schwierig, wenn man da nicht zusätzlich den Kontakt zu Leuten hat, die Beispiele aus dem Leben bringen, was ihnen passiert ist. Es wird dann schwierig, diesen Zusammenhang herzustellen." Den Tod einer nahestehenden Person, und seine eigene Tat, all das konnte er bis heute nicht richtig mit seiner Familie aufarbeiten. Aus Sicherheitsgründen werden Besuche und Telefonate der Straftäter überwacht. Für Florian bedeutet das aber auch, dass es keine intimen Gespräche geben kann, seit Jahren. Für andere seit Jahrzehnten.

"Dieses ständige Beobachtet sein drückt halt schwer auf die Psyche", erzählt Florian weiter. "Und dann vereinsamt man halt. Wir haben hier Leute, die sitzen seit 1994." Wie es ihnen geht, frage ich. "Nicht gut", antwortet der Gefangene. "Verwahrlost. Emotional und mental verwahrlost. Ich merke an mir schon, wie verkrüppelt ich bin, emotional. Das Zulassen von Nähe ist bei mir schon schwierig. Aber wenn ich drüber nachdenke, wie Leute das seit 25 Jahren machen. Also man zwingt die Leute, den Kontakt abzubrechen und wirft Ihnen dann vor, dass sie keine Kontakte mehr hätten." Als jetzt wegen der Besuchseinschränkungen durch Corona Telefonate großzügiger erlaubt wurden, sind Leute um ihn herum regelrecht aufgeblüht, wie er berichtet: "Es ist schon deutlich besser von der Stimmung her. Jetzt haben die Leute nur Angst, dass es wieder weggenommen wird. Das spannt an."

Regelungen nehmen die Möglichkeit, Mensch zu bleiben

Laut Justizministerium ist „Die Aufrechterhaltung sozialer Bindungen im bayerischen Justizvollzug ein wichtiger Baustein im Rahmen der Resozialisierung der Gefangenen“. Für Florian und seine Gruppe „Gefangene mit Verantwortung“ ist die derzeitige Situation eher eine Desozialisierung als eine Resozialisierung. Das Justizministerium argumentiert mit dem Schutz der Bevölkerung: denn natürlich muss verhindert werden, dass ehemalige Opfer über Telefonanrufe schikaniert oder sogar neue Straftaten geplant werden. In anderen Bundesländern werden Telefonsysteme eingerichtet über die die Häftlinge auf eigene Kosten nur extra freigeschaltete Nummern der Angehörigen anrufen können. Die Telefonate werden mitgeschnitten und bei Verdacht abgehört. Natürlich kann man Straftaten nie ausschließen, aber Florian findet die Argumentation trotzdem verquer: "Durch die Regelung begünstigen sie jetzt erst recht, dass die Leute sich Handys in die Anstalten schmuggeln. Erst dann fängt es an mit den Straftaten. Wenn ich über die Anstaltstelefone telefoniere, muss ich ja davon ausgehen, dass ich abgehört werde. Aber sie drängen die Leute geradezu in diese Illegalität."

Vor mir sitzt ein Straftäter. Seine Tat wird er noch weitere acht Jahre verbüßen. Aber vor mir sitzt auch ein Mensch. Für seine spätere Wiedereingliederung in die Gesellschaft braucht er stabile Kontakte zu den Menschen da draußen - und nicht nur zu anderen Straftätern. In der Corona-Zeit hat man Telefonate großzügiger zugelassen. Das Bayerische Justizministerium schreibt uns, dass auf Basis der Praxisberichte entschieden werde, ob „eine dauerhafte Ausweitung der Gefangenentelefonate in Betracht kommt.“  


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